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Weinstein-Verteidigung : In Sachen Ronald Sullivan

Bild: AP

Weil er den mutmaßlichen Sexualstraftäter und Filmproduzenten Harvey Weinstein verteidigen wollte, ist der Harvard-Rechtsprofessor Ronald Sullivan nach Studenten-Protesten seines Amtes als Fakultätsdekan enthoben worden.

          Ronald Sullivan, ein Rechtsprofessor in Harvard, den der mutmaßliche Sexualtäter Harvey Weinstein als Verteidiger engagiert hatte, ist nach Protesten von Studenten seines Amtes als Fakultätsdekan enthoben worden. Zur Einordnung dieser Nachricht muss man wissen, was ein Faculty Dean in Harvard zu tun hat. In der Campus-Universität kümmert sich ein Dean um die Belange des Gemeinschaftslebens jenseits des Lehrplans. Seit 2009 war Sullivan Faculty Dean von Winthrop House, einem der zwölf Wohnheime der Universität, auf welche die Studenten verteilt werden, die einen ersten Abschluss anstreben. Er teilte sich das Amt mit seiner Ehefrau, die ebenfalls an der Law School unterrichtet. Eheleute können dieses Amt gut gemeinsam versehen, weil es in der sichtbaren Präsenz im Gemeinschaftsleben besteht, etwa in der Teilnahme an den Mahlzeiten im Haus. Von der Funktion her müsste man von Herbergseltern sprechen.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Dass der Begriff der Fakultät Teil des Titels ist, zeigt an, dass der Hausvater für die Hausbewohner der Verbindungsmann in die universitäre Hierarchie ist. Als angesehener Professor verkörpert er das Ideal der Einheit von persönlichem und akademischem Erfolg. Bei der Abschlussfeier überreicht er den Absolventen aus seinem Haus die Zeugnisurkunde. In diesem Sommer hatten mehr als 150 Bewohner des Winthrop House ihr Examen bestanden. Die Namen von dreißig unter ihnen standen auf einer Liste, die vorsah, dass sie ihr Diplom nicht aus Sullivans Hand erhielten. In einem Interview mit „Newsweek“ hat Sullivan jetzt erzählt, einige dieser Studenten seien nach der Zeremonie auf ihn zugekommen: Sie hätten sich gar nicht auf die Liste setzen lassen, hätten sie gesagt, und ihn zum Ersatz für das offizielle Händeschütteln um ein Selfie gebeten.

          Diese Mitteilung gehört zu den vielen Einzelheiten der Kontroverse um Sullivan, die der Außenstehende kaum überprüfen kann. Man blickt auf eine soziale Welt, deren Rituale abergläubische Züge haben. Eine Eliteuniversität wie Harvard ist eine einzige große Kontaktzone. Ein ad hoc eingerichtetes Berührungstabu kann der Stabilisierung der Ordnung dienen. Die Begegnung mit der Person wird vermieden, die eigentlich das Versprechen des Zutritts zum Campus ist. Das teure Studium soll der Charakterbildung dienen, weshalb der Unterricht durch charakterfeste Persönlichkeiten erfolgen muss, die man auch außerhalb des Hörsaals erlebt.

          Auch die Einführung des seltsamen Titels Faculty Dean hatte mit Scham und Empfindlichkeit zu tun. Bis 2016 trug der Vorsteher der Wohnheimgemeinschaft den Titel House Master – er wurde aufgrund der Proteste von Studenten geändert, die der Master an die Sklaverei erinnerte. Es ist eine makabre historische Ironie, dass nun der erste schwarze „Haus-Herr“ in der Geschichte von Harvard aus dem Amt gedrängt worden ist und den Verdacht äußert, dass einem weißen Kollegen nicht so mitgespielt worden wäre.

          In Kommentaren zur universitären Identitätspolitik der Vereinigten Staaten heißt es bisweilen, die Forderung nach einem „safe space“ laufe dem Sinn des akademischen Studiums zuwider, der in der Verunsicherung liege, der Erschütterung von Gewissheiten. Winthrop House soll aber für die Studenten im wörtlichen Sinne ein sicherer Raum sein. Unvorstellbar ist es nicht, dass private Entscheidungen des Hauspersonals bis hin zur Annahme eines Nebenjobs die Sicherheit der Mitbewohner tangieren. Gemeinschaftliches Leben fordert allseitige Rücksicht. Wie Sullivan gegenüber „Newsweek“ konzediert, ist Sicherheit kein Zustand, sondern ein Gefühl: Wenn sich jemand seinetwegen unsicher fühle, könne er das nicht bestreiten.

          Aus der bloßen Tatsache, dass ein Strafrechtler das Mandat eines mutmaßlichen Sexualtäters übernimmt, lässt sich über seine Person nichts schließen. Sullivans Fakultätskollegen haben mit diesem Argument für ihn Partei ergriffen. Es ist richtig. Nun haben die Studenten in Winthrop House Sullivan aber auch in privaten Gesprächen erlebt. Sind darin Äußerungen gefallen, in deren Licht sich das Engagement für Weinstein vielleicht doch zweifelhaft ausnähme? Solche Indizien haben die Protestierenden freilich nicht vorgebracht. Sie sprechen Sullivan das Recht ab, sich auf die Rolle des Strafverteidigers zurückzuziehen, und verurteilen ihn als Person – und zugleich ohne Ansehen der Person, als stempelte ihn allein die Verbindung zu Weinstein zum schlechten Menschen. Das heißt, das Harvard-Prinzip auf die Spitze zu treiben: Obwohl der Charakter nicht benotet werden kann, wird er prämiert oder sanktioniert.

          In historischer Betrachtung diente die Betonung der unwägbaren Anteile des Curriculums dem Fernhalten von Bewerbern aus Minderheiten, die sich angeblich nicht zu benehmen wussten. Wird eine Person an den Pranger gestellt, fallen dem Publikum des Strafrituals jene Merkmale ins Auge, an denen der Betreffende nichts ändern kann, obwohl sie im alltäglichen Umgang vielleicht gar nicht mehr bemerkt wurden. Solange Sullivan im Winthrop House bleibe, seien die Studentinnen dort nicht sicher: Was ist alles Sensibilitätstraining in Harvard wert, wenn mit einer solchen Parole ein schwarzer Mann attackiert wird? PATRICK BAHNERS

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