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Studienanfänger und Corona : Online-Kaffee statt Kneipe

  • -Aktualisiert am

Allein zuhause statt gemeinsam auf Kneipen-Tour: Einsamer Studienbeginn Bild: Patrick Slesiona

An den Hochschulen startet bald das neue Semester. Von einem normalen Unibetrieb kann nicht die Rede sein. Das trifft besonders die Studienanfänger.

          5 Min.

          Es ist momentan nicht viel los an deutschen Unis. Wo vor einem Jahr Vorkurse, Kennenlernabende und wilde Ersti-Partys stattfanden, lässt sich gerade kaum ein Studierender blicken. Grund dafür ist das Coronavirus: Die meisten Veranstaltungen für die neuen Erstsemester-Studierenden, die am 2. November ihr Studium beginnen, fallen wegen der Pandemie aus oder laufen über Videokonferenzen.

          Auch Jannis Liesen, der im November in sein Maschinenbau-Studium an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) in Aachen startet, hat vom Campusbetrieb noch nichts mitbekommen. „Das habe ich mir natürlich anders vorgestellt“, sagt der 20 Jahre alte Studienanfänger, der zum Studium nach Aachen gezogen ist. „Aber ich kann verstehen, dass wegen der Corona-Situation gerade keine Partys oder große Begrüßungsveranstaltungen möglich sind.“ Er beginnt jetzt mit seinem Mathe-Vorkurs, bei dem er sich aussuchen kann, ob er online teilnimmt oder ihn vor Ort in Aachen besucht.

          Liesen gehört schon zum zweiten Jahrgang der Corona-Erstis. Denn im Frühjahr brach das Coronavirus nahezu pünktlich zum Semesterstart aus. Die Situation war chaotisch: Erst fielen die meisten Lehrveranstaltungen komplett aus, dann verlagerten die Hochschulen die Lehre ins Digitale. Das klappte an vielen Unis nicht, schließlich hatten viele Dozenten kaum Erfahrung mit digitalen Vorlesungen.

          So viel Präsenz wie möglich, so digital wie nötig

          Viele Studierende waren unzufrieden mit der neuen Situation. Das zeigt eine Umfrage der Leuphana Universität Lüneburg und der Hochschule Aalen von April: 91 Prozent der 10 000 befragten Studierenden machten sich demnach Sorgen, dass ihr Studium wegen Corona nicht so läuft wie geplant. Jeweils knapp ein Drittel der Befragten fürchtete, dass sie mehr Prüfungen in kürzerer Zeit schreiben müssen oder sich ihr Studium verlängert.

          Jetzt, rund sechs Monate später, steht eine vollständige Rückkehr zur Präsenzlehre nicht in Aussicht: Die Universitäten und Fachhochschulen planen ein sogenanntes Hybridsemester, in dem Studierende zwar grundsätzlich wieder Veranstaltungen an der Uni besuchen können, viele Vorlesungen, Tutorien und Übungen aber auch weiterhin online abgehalten werden.

          Wie genau der Campusbetrieb geregelt ist, hängt vom jeweiligen Bundesland ab. In Berlin wird es zum Beispiel eine Drei-Stufen-Regelung geben, bei der sich die Vorgaben nach dem Infektionsgeschehen richten: Zum Semesterstart in Stufe eins ist das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes in Veranstaltungen freiwillig, in Stufe zwei ist er verpflichtend, und in Stufe drei dürfen keine Präsenzveranstaltungen mehr stattfinden. Wann welche Stufe eintritt, hängt davon ab, wie sich die Pandemie entwickelt.

          Die Devise der meisten Hochschulen lautet: So viel Präsenz wie möglich, so digital wie nötig – besonders bei den Erstis. So steht es zum Beispiel auf der Website der Johannes Gutenberg-Universität (JGU) in Mainz. Auch dort beginnt im November ein Wintersemester, in dem viele Veranstaltungen online stattfinden. Um die digitale Lehre so professionell wie möglich gestalten zu können, hat die JGU schon im März ein Kompetenzteam zu diesem Thema gegründet.

          Jetzt fühlen wir uns gut auf das nächste Semester vorbereitet“

          Zum Team gehören Dozenten verschiedener Fachrichtungen und Mitarbeiter der Universität, zum Beispiel aus der IT und Verwaltung. „Damals befanden wir uns in einer Notsituation, und viele Lehrende haben quasi bei null angefangen“, sagt Stephan Jolie, Vizepräsident für Studium und Lehre und Mitinitiator des Teams. „Jetzt fühlen wir uns gut auf das nächste Semester vorbereitet.“ Denn mittlerweile haben sich viele Fragen geklärt: Zum Beispiel weiß man nun, wie Online-Klausuren ablaufen müssen und welche Videoplattformen sich am besten für Vorlesungen eignen.

          Jolie ist es besonders wichtig, dass die Corona-Erstsemester viele Möglichkeiten dazu haben, die Uni kennenzulernen. Schließlich waren viele von ihnen vorher noch nie an einer Universität und kennen die Abläufe eines Studiums nicht. Konkret bedeutet das für die Erstis: Wenn es an einem Tag zu wenige große, Corona-konforme Räume gibt, haben ihre Veranstaltungen Priorität. Und auch zur Begrüßung der neuen Studierenden hat sich die JGU etwas einfallen lassen:

          „Wir veranstalten zum Beispiel einen Campus-Rundgang mit dem Präsidenten der Universität, an dem eine kleine Gruppe von Studierenden auch persönlich teilnehmen kann“, erzählt Jolie. „Alle anderen können sich via Livestream dazuschalten.“ Eine Einführungswoche, bei der die Studierenden den Universitätsbetrieb, ihre Dozenten und Kommilitonen kennenlernen sollen, wird es ebenfalls geben. Allerdings finden auch diese Veranstaltungen teilweise digital und teilweise vor Ort statt.

          Begrüßungsveranstaltungen im Hofgarten

          Es sind nicht nur Lehrbeauftragte wie Jolie, die gerade abwägen, wie man den neuen Erstis einen guten Start ins Studium verschaffen kann. Auch die Fachschaften, die normalerweise Kneipentouren, Campus-Rallyes und andere Kennenlern-Events veranstalten, schmieden Pläne. Eine davon ist die Fachschaft Evangelische Theologie der Uni Bonn. Schon im vergangenen Semester haben Studenten, die sich bei der Fachschaft engagieren, digitale Veranstaltungen für Erstsemester organisiert.

          „Wir haben zum Beispiel ein wöchentliches Frühstück bei Zoom ins Leben gerufen, bei dem sich die Studierenden kennenlernen konnten“, sagt Fachschaftler David Renz. Das Frühstück kam gut an – andere Events ließen sich nicht so leicht ins Digitale übertragen. „Wir veranstalten normalerweise jede Woche eine Andacht in der Bonner Schlosskirche“, erzählt Renz. Die Andacht fand im Sommersemester bei Zoom statt. „Da haben wir von den Studierenden die Rückmeldung bekommen, dass sich die übliche Stimmung einfach nicht ins Internet übertragen lässt.“

          Renz ist daher froh, dass im kommenden Semester auch wieder einige Kennenlern-Veranstaltungen auf dem Uni-Campus stattfinden können. „Wir fühlen uns viel besser vorbereitet als vor dem ersten Corona-Semester“, sagt er. „Denn mittlerweile wissen wir, was möglich ist und was wir besser lassen sollten.“ Konkret heißt das für die Bonner: Begrüßungsveranstaltungen für die Erstsemester finden im Hofgarten statt, ein Park in der Nähe der Universität. Der Uni-Ball fällt aus. Das Frühstück bei Zoom bleibt erhalten.

          „Digitale Lehre noch stärker professionalisieren“

          Doch trotz aller neuen Erkenntnisse und Erfahrungen gibt es an den Unis Probleme, die sich nur schwer lösen lassen. Dazu gehört zum Beispiel die Situation der Bibliotheken, die Studierende wegen der Pandemie weiterhin nur sehr eingeschränkt zum Lernen nutzen dürfen. In der Kölner Hauptbibliothek etwa gib es aktuell höchstens 144 Arbeitsplätze für Studis, vor Corona waren es 744 Plätze.

          Die Bonner Fachbibliothek für Theologie, in der Renz und seine Kommilitonen normalerweise lernen, hat mittlerweile wieder geöffnet, denn sie beherbergt teilweise uralte Bücher. Diese Bücher sind online nicht zu finden, die Studierenden brauchen sie aber dringend. „Das war einer der größten Kritikpunkte der Studis“, erzählt Renz. „Schließlich benötigen die Studenten die Literatur für Hausarbeiten und Klausuren.“ Zum stundenlangen Lernen dürfen die Studierenden allerdings weiterhin nicht in die Bibliothek kommen.

          Auch Jolie und seinem Team von der Mainzer Universität ist bewusst, dass sich nicht alle Schwierigkeiten beheben lassen. „Wir arbeiten ständig daran, die digitale Lehre noch stärker zu professionalisieren“, sagt er. Aber es gebe auch Dinge, die im Videochat einfach nicht in ihrer üblichen Qualität stattfinden könnten.

          Lehren für die Zeit nach der Krise

          „Im Studium geht es ja oft darum, ein Thema möglichst differenziert zu diskutieren“, sagt Jolie. „Das ist in einer Videokonferenz auf Dauer nur sehr eingeschränkt möglich.“ Denn in Videocalls fällt man sich oft unabsichtlich ins Wort, und häufig ist nicht klar, wer wann etwas sagen möchte.

          Trotz aller Probleme hat Corona auch positive Konsequenzen auf den Hochschulbetrieb. So hat sich an der Uni Mainz mit dem Kompetenzteam für digitale Lehre ein Netzwerk gebildet, das auch in Zukunft die Digitalisierung an der Hochschule vorantreiben wird. „Die starke Zusammenarbeit von Dozenten, Mitarbeitern aus der IT sowie der Hochschul- und Mediendidaktik und natürlich den Studierenden wäre außerhalb einer solchen Notsituation vielleicht gar nicht entstanden“, sagt Jolie.

          Er hofft, dass die Kooperation auch nach der Krise bestehen bleibt. Die Bonner Fachschaft Evangelische Theologie will einige Veranstaltungen wohl auch dann weiter online stattfinden lassen, wenn sich die Corona-Situation entspannt hat – zum Beispiel das gemeinsame Online-Frühstück.

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