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Studienanfänger und Corona : Online-Kaffee statt Kneipe

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„Wir veranstalten zum Beispiel einen Campus-Rundgang mit dem Präsidenten der Universität, an dem eine kleine Gruppe von Studierenden auch persönlich teilnehmen kann“, erzählt Jolie. „Alle anderen können sich via Livestream dazuschalten.“ Eine Einführungswoche, bei der die Studierenden den Universitätsbetrieb, ihre Dozenten und Kommilitonen kennenlernen sollen, wird es ebenfalls geben. Allerdings finden auch diese Veranstaltungen teilweise digital und teilweise vor Ort statt.

Begrüßungsveranstaltungen im Hofgarten

Es sind nicht nur Lehrbeauftragte wie Jolie, die gerade abwägen, wie man den neuen Erstis einen guten Start ins Studium verschaffen kann. Auch die Fachschaften, die normalerweise Kneipentouren, Campus-Rallyes und andere Kennenlern-Events veranstalten, schmieden Pläne. Eine davon ist die Fachschaft Evangelische Theologie der Uni Bonn. Schon im vergangenen Semester haben Studenten, die sich bei der Fachschaft engagieren, digitale Veranstaltungen für Erstsemester organisiert.

„Wir haben zum Beispiel ein wöchentliches Frühstück bei Zoom ins Leben gerufen, bei dem sich die Studierenden kennenlernen konnten“, sagt Fachschaftler David Renz. Das Frühstück kam gut an – andere Events ließen sich nicht so leicht ins Digitale übertragen. „Wir veranstalten normalerweise jede Woche eine Andacht in der Bonner Schlosskirche“, erzählt Renz. Die Andacht fand im Sommersemester bei Zoom statt. „Da haben wir von den Studierenden die Rückmeldung bekommen, dass sich die übliche Stimmung einfach nicht ins Internet übertragen lässt.“

Renz ist daher froh, dass im kommenden Semester auch wieder einige Kennenlern-Veranstaltungen auf dem Uni-Campus stattfinden können. „Wir fühlen uns viel besser vorbereitet als vor dem ersten Corona-Semester“, sagt er. „Denn mittlerweile wissen wir, was möglich ist und was wir besser lassen sollten.“ Konkret heißt das für die Bonner: Begrüßungsveranstaltungen für die Erstsemester finden im Hofgarten statt, ein Park in der Nähe der Universität. Der Uni-Ball fällt aus. Das Frühstück bei Zoom bleibt erhalten.

„Digitale Lehre noch stärker professionalisieren“

Doch trotz aller neuen Erkenntnisse und Erfahrungen gibt es an den Unis Probleme, die sich nur schwer lösen lassen. Dazu gehört zum Beispiel die Situation der Bibliotheken, die Studierende wegen der Pandemie weiterhin nur sehr eingeschränkt zum Lernen nutzen dürfen. In der Kölner Hauptbibliothek etwa gib es aktuell höchstens 144 Arbeitsplätze für Studis, vor Corona waren es 744 Plätze.

Die Bonner Fachbibliothek für Theologie, in der Renz und seine Kommilitonen normalerweise lernen, hat mittlerweile wieder geöffnet, denn sie beherbergt teilweise uralte Bücher. Diese Bücher sind online nicht zu finden, die Studierenden brauchen sie aber dringend. „Das war einer der größten Kritikpunkte der Studis“, erzählt Renz. „Schließlich benötigen die Studenten die Literatur für Hausarbeiten und Klausuren.“ Zum stundenlangen Lernen dürfen die Studierenden allerdings weiterhin nicht in die Bibliothek kommen.

Auch Jolie und seinem Team von der Mainzer Universität ist bewusst, dass sich nicht alle Schwierigkeiten beheben lassen. „Wir arbeiten ständig daran, die digitale Lehre noch stärker zu professionalisieren“, sagt er. Aber es gebe auch Dinge, die im Videochat einfach nicht in ihrer üblichen Qualität stattfinden könnten.

Lehren für die Zeit nach der Krise

„Im Studium geht es ja oft darum, ein Thema möglichst differenziert zu diskutieren“, sagt Jolie. „Das ist in einer Videokonferenz auf Dauer nur sehr eingeschränkt möglich.“ Denn in Videocalls fällt man sich oft unabsichtlich ins Wort, und häufig ist nicht klar, wer wann etwas sagen möchte.

Trotz aller Probleme hat Corona auch positive Konsequenzen auf den Hochschulbetrieb. So hat sich an der Uni Mainz mit dem Kompetenzteam für digitale Lehre ein Netzwerk gebildet, das auch in Zukunft die Digitalisierung an der Hochschule vorantreiben wird. „Die starke Zusammenarbeit von Dozenten, Mitarbeitern aus der IT sowie der Hochschul- und Mediendidaktik und natürlich den Studierenden wäre außerhalb einer solchen Notsituation vielleicht gar nicht entstanden“, sagt Jolie.

Er hofft, dass die Kooperation auch nach der Krise bestehen bleibt. Die Bonner Fachschaft Evangelische Theologie will einige Veranstaltungen wohl auch dann weiter online stattfinden lassen, wenn sich die Corona-Situation entspannt hat – zum Beispiel das gemeinsame Online-Frühstück.

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