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Weniger Studenten : Rechtswissenschaft auf dem Prüfstand

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Berlin: StudentInnen sitzen in einer Vorlesung zum Thema Recht in einem Hörsaal im Hauptgebäude der Humboldt-Universität. Bild: dpa

Die Corona-Krise zeigt, dass an der Verbindung zwischen theoretischer Ausbildung und Praxis festgehalten werden muss. Trotzdem gibt es aber einen starken Rückgang von Jura-Absolventen.

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          Generationen von Juristen wurden während ihrer langen Ausbildungszeit von der Drohkulisse „Juristenschwemme“ begleitet. Inzwischen ist nicht nur in der F.A.Z. zu lesen: „Nachwuchsrichter verzweifelt gesucht“ (F.A.Z. v. 15. 10. 2020). Der Arbeitsmarkt für Juristen hat sich grundsätzlich gewandelt. In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der Jura-Absolventen bis zu 40 Prozent zurückgegangen. Während vor 20 Jahren noch mehr 10500 Studierende jährlich das Staatsexamen absolvierten, sind es im Jahr 2019 noch etwa 6500 neue Volljuristen. Ohne die Zunahme an Juristinnen (im Jahr 2017 wurden mit 52 Prozent erstmals mehr Frauen als Männer für den Beruf zugelassen) wäre die Situation deutlich prekärer. Woran liegt es, dass nach der Statistik des Bundesamtes für Justiz bis zum Jahr 2007 die Zahl der jährlichen Absolventen noch über 10000 lag, inzwischen aber bis heute regelmäßig jeweils auf unter 8000 sinkt?

          Die Gründe sind vielfältig. Zu nennen sind etwa das veränderte Studienverhalten, die Nachfrage nach Absolventen von Bachelor- und Masterstudiengängen der Hochschulen (der früheren Fachhochschulen) und inzwischen auch der Universitäten. Die fast zehnjährige Ausbildung zum Volljuristen und die rigorosen Selektionsprinzipien in der herkömmlichen Ausbildung schrecken ab. Das dürften die Hauptgründe für den Attraktivitätszuwachs der Bachelor- und Masterstudiengänge sein. Hinzu kommt das angeblich schlechte Klima in den traditionellen juristischen Studiengängen. Insbesondere die starke Nachfrage nach den schnell einsetzbaren Wirtschaftsjuristen der Kurzstudiengänge durch Insolvenzverwalter, Steuerberatungs- und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, auch durch Großkanzleien, haben den gesamten Rechtsdienstleistungsmarkt verändert. Jugendlichkeit, schnelle Einsatzfähigkeit und Spezialisierung werden ökonomisch belohnt, und sie führen zu höherer Arbeitszufriedenheit. Die forensische Mandatsarbeit spielt selbst in traditionellen Anwaltskanzleien nur noch eine untergeordnete Rolle. Rechtsgestaltung, Konfliktmanagement und Mediation bestimmen zunehmend das Arbeitsfeld. Die Bedeutung der Inhalte der traditionellen Ausbildung hat zweifelsohne abgenommen.

          Die Frage ist, wie die mehr als 40 juristischen Fakultäten der deutschen Universitäten auf diese veränderte Situation reagieren sollen. Sollen sie sich anpassen und in Konkurrenz zu den Ausbildungsgängen an den Hochschulen spezialisierte kurze „Jura light“-Studienprogramme anbieten? Sollen sie ihre bisherigen Studieninhalte weiter ausfächern und zusätzliche Sonderfächer kreieren?

          Weniger Studenten sind eine Chance

          Davor ist zu warnen. Die Selbstkannibalisierung der Pädagogik durch das Angebot zahlreicher neuer „Sonderpädagogiken“ mag als abschreckendes Beispiel dienen. Von den juristischen Fakultäten angebotene Schwerpunktbereiche wie Medizinrecht, Medienrecht, Kriminalwissenschaften, Steuerrecht unter anderen sind durchaus bemerkenswert und ausreichend. Sie sollten aber keinesfalls auf Kosten der Grundlagenfächer stärker als bisher gewichtet werden.

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