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Kolumne „Uni live“ : Kleine weiße Pillen

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Leistungssteigerung? Wird im Jurastudium auch gern mal mit Hilfe von Tabletten betrieben. Bild: dpa

Lust auf vier Stunden Karteikarten pauken am Stück? Die lässt sich mit Produkten steigern, die es auf Rezept in der Apotheke gibt. Nicht gesund. Aber im Jurastudium nicht unüblich!

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          Es gibt da diese weißen Kapseln. Sie schmecken nach nichts und machen keinen Spaß. Dafür machen sie Lust auf vier Karteikartensätze und zwei Kapitel im Lehrbuch zum Thema „Handelsregister“. Plus Schemata.

          Die Kapseln heißen Ritalin und man bekommt sie in der Apotheke. Da aber nur mit buntem Zettel. Man bekommt sie aber auch von Simon. Simon will keine bunten Zettel sehen, dafür bunte Scheine. Und wenn man keinen Simon kennt, dann fragt man Google.

          Die Kapseln sind eigentlich für Leute, die sich ohne sie nicht konzentrieren können. Ritalin ist ein Medikament gegen ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung) und manipuliert die Ausschüttung von Dopamin im Gehirn. Wer keine ADHS hat und trotzdem Ritalin nimmt, steigert seine Leistung, unterdrückt Hunger und Müdigkeit.

          Wer Jura studiert, der kennt auch einen, der schon mal Ritalin genommen hat. Das Jurastudium ist ein Studium der Überforderung. Selbst die Überflieger sitzen in Klausurphasen bis spät abends in der Bibliothek. Wir sind alle Sisyphos, der den Stein den Berg hochrollt. Wenn er oben ist, hat er wieder vergessen, wie man eine Kündigungsschutzklage prüft.

          Natürlich betreiben deshalb nicht alle Jurastudierenden Gehirndoping. Aber gehört hat man davon. Es überrascht nicht. Man kennt das ja. Druck und Konkurrenz.

          Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz begehen viele

          Mindestens ein Jahr setzt der Regelstudienplan für das Rep an. Das Repetitorium. Ein Jahr, um zu wiederholen, was man in den letzten drei Jahren alles gelernt hat. Lange Stunden in der Bibliothek und Probeklausuren am Freitag. Der Griff zu Ritalin ist da verlockend: 10 Milligramm für vier Stunden Leistungssteigerung. Vielleicht macht man dann heute mal früher Feierabend.

          Es ist einfach und die Risiken so weit weg. Man ist jung. Dabei kann andauernder Ritalin-Missbrauch die geistige Gesundheit angreifen, Schlafstörungen verursachen und abhängig machen.

          Aber man nimmt ja auch andere, legale Drogen. Wahlweise um wach zu werden oder um runterzukommen, zu entspannen, loszulassen. Ok, Party machen, das können auch Nicht-Jurastudierende, sehr gut sogar. Vielleicht aber gibt es unter den Jurastudierenden einen gemeinschaftlichen Hang zum Exzess. Druckausgleich schaffen sozusagen. Wer am Anfang nicht raucht, fängt nach ein paar Semestern an. Wer kein Bier mag, gewöhnt sich nach und nach an den Geschmack. Viel Alkohol macht den Leistungsdruck erträglich.

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          Und beim Bier bleibt es nicht immer. Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz begehen viele. Einmal praktische Anwendung der theoretischen Prüfungsinhalte, bitteschön!

          Jura ist nicht das einzige schwere Studienfach. Und bei weitem nicht alle Jurastudierenden nehmen Drogen. Aber Jura ist ein Fach, in dem man sich nicht nur regelmäßig fühlt, als hätte man nach einem langen Lerntag überhaupt nichts behalten. Es ist vor allem eines, in dem die meisten ihren Stein ganz alleine den Berg hochrollen. Die Examensnote bestimmt die Zukunft. Wer ein Prädikat will, muss besser sein als die Kommilitonen. Zeit für weiße Kapseln?

          Lina Kujak (22 Jahre alt) studiert Jura im fünften Semester an der HU Berlin. Beziehungsstatus zum Studienfach: „It's complicated.“ Wüsste gerne, wer 2020 mit Regenschirm und schwarzer Katze unter einer Leiter durchgelaufen ist.

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