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Juristische Klausuren : Satire oder Stereotyp

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Inzwischen haben Gleichstellungsgremien Leitfäden entwickelt, welche bei der Erstellung von Klausuren unterstützen sollen. So heißt es beispielsweise in dem Leitfaden aus Hamburg: „Die Fälle können so neutral wie möglich gestaltet werden. Dafür wird die eigentliche Rechtsfrage herausgefiltert und überflüssige und potenziell diskriminierende Ausschmückungen entfernt.“

In Frankfurt ist zu lesen, dass der Klausurersteller den Gender-Stern verwenden könnte. Argument: „Der Stern symbolisiert in der Informatik die Unbegrenztheit der Möglichkeiten und verweist daher auf die unbegrenzte Pluralität von Geschlechtsidentitäten.“

Allerdings ist der Gender-Stern nicht Teil der amtlichen Rechtschreibung, die Behörden und Gerichte verwenden müssen.

Der Ratschlag des Gleichstellungsrates geht hier also fehl. Die gängigen juristischen Zeitschriften und Verlagswerke nutzen ebenfalls keinen Gender-Stern. Denn das grammatische Geschlecht, das Genus, hat mit dem natürlichen Geschlecht, dem Sexus, nicht viel zu tun.

Autor verweist auf satirischen Charakter

Der Fall, der jüngst in der ZJS Anstoß erregte, wurde von einem Düsseldorfer Rechtsanwalt und Repetitor entwickelt. Gegenüber Einspruch verweist er darauf, dass der Sachverhalt deutlich erkennbar nicht ernst gemeint, sondern Satire sei. „Die Idee zu diesem Beitrag kam mir bereits vor einigen Jahren, nachdem ich Zeitungsberichte über eine Kellnerin las, welche nach ihrer Entbindung 13 Männer zum Vaterschaftstest gebeten haben soll. Ergänzt wurde der Sachverhalt mit regionalem Bezug und der ebenfalls nicht ganz ernst gemeinten Darstellung eines Rechtsanwalts G. Bühren.“ Dass Schantal als unterlegen dargestellt werde, stimme schon deshalb nicht, weil sie laut beigefügter Lösung den Fall gewinnt. Der Autor erklärt nun, er werde den Beitrag humoristisch etwas entschärfen, „weil diese Satire offenbar nicht von allen Personen als solche verstanden wird“. Konkrete Änderungsvorschläge habe ihm die Redaktion aber nicht unterbreitet.

Die Depublikation eines juristischen Übungsfalls habe er noch nicht erlebt, berichtet der Frankfurter Rechtswissenschaftler Roland Schimmel. Er hält die Depublikation im konkreten Fall für nachvollziehbar, wie auch Valentiner: „Juristischen Ausbildungsfällen kommt eine wichtige Assoziationsfunktion und auch eine Motivationsfunktion zu. Witzige Elemente können dies möglicherweise unterstützen. Stereotype und verletzende Darstellungen haben aber einen gegenteiligen Effekt. Der sogenannte ‚stereotype threat‘ beschreibt das Phänomen der Stereotypenbedrohung: Stereotype können sich demnach negativ auf Motivation und Leistung der Lernenden auswirken.“ Das gelte auch für – vermeintlich oder tatsächlich – satirische Darstellungen.

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