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Gleichstellung : Erstmals werden mehr Frauen als Männer Anwälte

Beutel mit der Aufschrift „Ohne Anwältin kann man einpacken“ hängen am Stand des Deutschen Anwaltvereins auf dem 70. Deutschen Anwaltstag in Leipzig. Zum ersten Mal gibt es in Deutschland mehr weibliche als männliche Anwälte. Bild: dpa

Ein Berufsbild steht vor dem Wandel: Im Jahr 2017 wurden in Deutschland erstmals mehr Anwältinnen als Anwälte zugelassen. Nun müssen die Kanzleien Ideen entwickeln, um Frauen dauerhaft zu halten.

          Eine Männerdomäne bröckelt: Erstmals wurden im Jahr 2017 mehr Frauen als Männer neu als Anwälte zugelassen. Von 4694 Zulassungen bei den 27 regionalen Rechtsanwaltskammern in ganz Deutschland entfielen 52 Prozent auf Frauen, was im Vorjahresvergleich ein Zuwachs von 3 Prozent ist. Das ist das Ergebnis einer Studie des Soldan-Instituts, die am Freitag auf dem Deutschen Anwaltstag in Leipzig vorgestellt wurde.

          Marcus Jung

          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Es ist ein Trend, der sich im internationalen Arbeitsmarkt für Juristen seit längerem abzeichnet. Im Vergleich der Industrienationen ist die deutsche Anwaltschaft aber besonders dominant von Männern geprägt, das wird sich sukzessive ändern“, sagt Matthias Kilian vom Soldan-Institut an der Universität Köln der F.A.Z. Insbesondere in Thüringen und in Franken gibt es mehr Anwältinnen, zwei Drittel aller neu vereidigten Juristen dort sind Frauen. Lediglich in neun Kammern waren die Neuzugänge mehrheitlich männlich, Schlusslichter im Bundesvergleich sind die Anwaltskammern im Saarland und im südlichen Rheinland-Pfalz mit rund 40 Prozent Frauenanteil.

          Die Zahlen sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass in Deutschland Nachholbedarf herrscht und es gerade kleineren und mittelständischen Kanzleien häufig an Ideen fehlt, den Anwaltsberuf für Frauen attraktiv zu machen. Bis zu einem etwa gleichen Geschlechterverhältnis wie in Amerika und Großbritannien ist es hierzulande ein weiter Weg: Im angloamerikanischen Rechtsmarkt bleiben mehr Frauen dauerhaft im Beruf. Während die Anwaltschaft dort konstant zur Hälfte aus Männer und Frauen besteht, stagniert der Anteil der Juristinnen hierzulande bei 35 Prozent.

          Anforderungen ändern sich

          Dies ist umso überraschender, als schon seit 2004 mehrheitlich Frauen Jura studieren. Im Untersuchungszeitraum 2017 sind, verteilt auf alle juristischen Studiengänge, von den 135.000 eingeschriebenen Personen rund 55 Prozent Frauen. Mehr als 57 Prozent absolvierten ihr zweites juristisches Staatsexamen, was es überhaupt erst ermöglicht, als Anwältin zu arbeiten. Sind Juristinnen einmal im Beruf, praktizieren sie im Verhältnis überproportional häufig im Familienrecht (47 Prozent), Arbeitsrecht (36 Prozent) und Sozialrecht (16 Prozent), also in Fachgebieten, in denen neben Verhandlungsgeschick vor allem „Soft Skills“ verlangt werden. Deutlich weniger Frauen arbeiten im Gesellschafts- und Unternehmensrecht.

          Aus den geschlechterspezifischen Daten schlussfolgert die Soldan-Studie für den Arbeitsmarkt, dass sich die Strukturen in vielen Kanzleien, die auf Präsenzkultur, Stundenhonoraren und überwiegend Männern als Gesellschaftern beruhen, ändern müssen. „Ansonsten wird es schwer, Frauen im Beruf zu halten“, sagt Kilian. Von den Abwanderungen werden weiter der öffentliche Dienst, Rechts- und Compliance-Abteilungen in Unternehmen und die Verbände profitieren.

          In einem Berufsumfeld mit mehr Anwältinnen prognostiziert der Direktor des Soldan-Instituts eine höhere Nachfrage der Angestellten nach Teilzeitangeboten. Arbeitgeber müssten ihre Anforderungen an Mitarbeiterinnen vermutlich auch an anderer Stelle zurückschrauben: In Zukunft könnten Zusatzqualifikationen wie Fachanwalts- oder Doktortitel erheblich an Bedeutung verlieren. Ihr Erwerb sei sehr zeitaufwendig und finde zudem überwiegend in der Lebensphase zwischen 30 und 40 Jahren statt, wenn im Privatleben häufig die Gründung einer Familie anstehe.

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