https://www.faz.net/-irk-9o3uu

elektronisches Staatsexamen : Juristen an die Computer

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Sachsen-Anhalt lässt Referendare ab April das Examen am Computer schreiben. Die Vorteile scheinen auf der Hand zu liegen, doch ganz so unproblematisch sind die Pläne nicht.

          Nachdem in den Vereinigten Staaten bereits seit Jahren in den größeren Einzelstaaten die Möglichkeit besteht, das Bar Exam am (eigenen) Laptop durchzuführen, soll auch die Befähigung zum Richteramt in Deutschland künftig durch Prüfungen in digitaler Form erworben werden. Sachsen-Anhalt führt im April 2019 das Zweite Staatsexamen am PC durch; Baden-Württemberg pilotiert derzeit die digitale Rechtspflegerprüfung. Bereits seit Jahren werden die rechtlichen, technischen und vor allem auch finanziellen Hürden juristischer Prüfungen von einer Arbeitsgruppe des Koordinierungsausschusses Juristenausbildung der Justizministerkonferenz unter den Bundesländern erörtert; NRW hat seit 2008 mehrere Versuchsprojekte und Studien durchgeführt und sichert zu, dass irgendwann zwischen 2020 und 2030 der gesamte Workflow der Staatsprüfung digitalisiert sein soll. Zur Diskussion dieser Fragen hatte das Institut für Rechtsdidaktik Mitte Februar alle beteiligten Interessenkreise (Professoren, Anwälte, Richter, Repräsentanten der Prüfungsämter und künftige Examenskandidatinnen und -kandidaten) nach Passau zur Diskussion eingeladen. Das Ergebnis war durchaus optimistisch – abgesehen von den Studierenden als einziger und überraschender Ausnahme zeigten sich alle Anwesenden von der Digitalisierung des Examens überzeugt.

          Befinden sich also die staatlichen Prüfungen auf der Überholspur gegenüber der universitären Ausbildungs- und Prüfungspraxis? Warum macht man sich überhaupt diese Gedanken? Und vor allem – was kann man denn dagegen haben?

          Die erhofften Vorteile
          Aus Sicht der Bundesländer geht es darum, die Juristenausbildung attraktiv zu halten – vor allem angesichts der Personalknappheit in der Justiz ist es wichtig, bereits Referendare mit attraktiven Bedingungen zum Umzug zu bewegen. Zudem sollen gewisse (medienwirksame) Skandale vermieden werden – etwa der Verlust von Prüfungsarbeiten auf dem Transportweg oder die unvollständige oder unlesbare Kopie von (langen) Sachverhalten. In NRW war Anlass der Überlegungen in der Tat nicht etwa der Blick auf das Schreiben der Klausuren, sondern der Umstand, dass bei einem Examenstermin einzelne Aufgabenblätter nicht lesbar waren – am Bildschirm wäre das nicht passiert!

          Gleichzeitig kann so der Arbeitsablauf optimiert werden – etwa die Archivierung, die Einsicht durch die Kandidaten oder die Übermittlung von Prüfungsakten an den Vorsitzenden der mündlichen Prüfung. Gerade in Flächenstaaten oder Staaten mit einer Vielzahl kleinerer Prüfungstermine kann die Digitalisierung der Prüfungsleistung durchaus Aufwand sparen.
          Aus Sicht der Prüfer geht es vor allem darum, nicht mehr an unlesbaren Handschriften zu verzweifeln – muss man sich derzeit teilweise bis zu 70 Prozent der Korrekturzeit statt mit inhaltlichen Fragen mit der Entzifferung von Hieroglyphen befassen, kann man sich nun stärker mit dem eigentlichen Prüfungsgegenstand auseinandersetzen. Es besteht zudem die Hoffnung, dass die Arbeiten bei Digitalisierung (durch die Möglichkeit, Textblöcke per Copy&Paste zu verschieben) besser strukturiert werden und lange Streichungen/Einfügungen („*-Fußnoten“) wegfallen. Schließlich hat man möglicherweise mehr Zeit zur Korrektur, da die Postlaufwege entfallen.

          Topmeldungen

          Klimastreik in Berlin : Rackete for Future

          Beim großen Klimastreik in Berlin überlassen die Aktivisten von „Fridays for Future“ anderen die Bühne. Es sollte der Auftakt sein für ein breites gesellschaftliches Bündnis. Doch noch prallen Welten aufeinander.
          Ihnen reicht der Kompromiss nicht: Wie in Berlin demonstrierten Hunderttausende

          Kompromiss und Proteste : Was in der langen Nacht geschah

          Erst war das Klimaschutzgesetz fast am Ende, dann kam der Protest – und dann stritt das Kabinett eine Nacht lang. Jetzt sonnt sich die Politik im Glanz der Einigung. Währenddessen dröhnt der Protest Hunderttausender.