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Cyberkriminalität : Aufklärer im dunklen Netz

Bild: dpa

Kriminelle Banden dominieren den Handel im Darknet. Doch Staatsanwälten gelingen nicht mehr nur Achtungserfolge.

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          Geduld haben und im richtigen Augenblick zuschlagen, so lässt sich die Ermittlungsarbeit eines Staatsanwalts beschreiben. Gerade im Fall von Internetkriminalität (Cybercrime) muss man einen langen Atem haben. Über Monate hinweg gehen die Ermittler dem Verdacht möglicher Straftaten im „Darknet“ nach, einem für handelsübliche Browser abgeschirmten Bereich des Internets, der nur über das Anonymisierungsnetzwerk Tor zu erreichen ist. Dort verwendet kein Nutzer seinen Klarnamen. Alle Datenpakete sind verschlüsselt, was den Absender unsichtbar macht. Zugänge zu Plattformen und Foren sind für neue Tor-Nutzer häufig erst mal nicht freigegeben. Und jede Spur kann aus Sicht des Ermittlers in einer Sackgasse enden.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Marcus Jung

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Doch wenn Kriminellen Fehler unterlaufen, kann es sehr schnell gehen: In diesem Frühjahr sind Georg Ungefuk, Oberstaatsanwalt bei der Zentralstelle zur Bekämpfung für Internetkriminalität (ZIT), und Beamte des Bundeskriminalamts (BKA) im Darknet den Machenschaften um einen illegalen Markplatz auf der Spur. Fernab und verborgen gibt es dort Verbotenes zu kaufen: harte Drogen, gestohlene Ausweispapiere, Schadsoftware. Die Staatsanwälte des ZIT, die der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt zugeordnet sind, haben sich vor zehn Jahren ausschließlich auf die Aufklärung von Cybercrime spezialisiert.

          Im März merken die Strafverfolger in Deutschland und die kooperierenden Behörden wie das FBI in Amerika, dass die vermeintlichen Betreiber des „Wall Street Market“ im großen Stile Kundengelder zur Seite schaffen. Alles deutet auf einen sogenannten Exit Scam hin; dabei transferieren die Betreiber einer illegalen Plattform das Vermögen ahnungsloser Nutzer – im Regelfall Kryptowährungen wie Bitcoin, Etheureum und andere – auf ihre Konten. „Wir konnten ermitteln, dass sich die Verdächtigen in den letzten Monaten vor dem Take-Down der Webseite bis zu 53 000 Euro je Monat überwiesen haben“, berichtet Ungefuk der F.A.Z.

          Als der „Wall Street Market“, Angaben der Behörden zufolge die zweitgrößte kriminelle Handelsplattform ihrer Art im Darknet, am 23. April 2019 seine Pforten wegen vorgeblicher Wartungsanlagen schließt, sind die letzten Restzweifel der Ermittler beseitigt. Es besteht unmittelbarer Handlungsbedarf – Staatsanwälte sprechen dann im Berufsjargon vom „Zugriff“.

          In einer abgestimmten Aktion schlägt eine Sondereinheit in den Niederlanden zu und stellt einen Großteil der Serverstruktur von „Wall Street Market“ sicher. In Deutschland rücken gleichzeitig BKA-Beamte und Polizisten mit Durchsuchungsbefehlen aus. Bei Razzien in drei Bundesländern stellen sie Bargeld, Luxusautos und -uhren, Computer und Datenträger sicher. Unter dringendem Verdacht stehen drei verhaftete Männer im Alter zwischen 22 und 31 Jahren aus Baden-Württemberg, Hessen und Nordrhein-Westfalen, bei einem wird eine Schusswaffe sichergestellt. Seit mehr als zwei Monaten sitzen die mutmaßlichen Betreiber in Untersuchungshaft und warten auf die Anklage.

          Das stillgelegte Portal hatte mehr als eine Million Kundenkonten. Rund 5400 Verkäufer verkauften auf dem „Wall Street Market“ vor allem Rauschgift. Mit dem Aufstieg der Plattformen stellen sich aus der Sicht der Strafverfolger alte Bekannte digital und modern auf. Gerade im Handel mit Betäubungsmitteln könnten Ermittler viele wohlbekannte Strukturen aus der organisierten Kriminalität erkennen, die sich zunehmend ins Darknet verlagern, sagt Ungefuk.

          Internetkriminalität gibt es, seit es das Internet gibt. Illegale Marktplätze sind erst seit wenigen Jahren präsent. Zu den berühmtesten gehörte „Silk Road“: Die kriminelle „Seidenstraße“ ging 2011 online. Gut zwei Jahre nach dem Start wurde Ross Ulbricht von amerikanischen Justizbehörden verhaftet. Er soll unter dem Pseudonym „Dread Pirate Roberts“ die Plattform betrieben haben. Zum Zeitpunkt ihres Abschaltens war die Plattform ein Handelsimperium. Über den Schwarzmarkt sollen Geschäfte im Volumen von rund 1,2 Milliarden Euro abgewickelt worden sein. 2015 wurde Ulbricht, der auf nicht schuldig plädiert hatte, von einem Gericht in den Vereinigten Staaten zu einer lebenslangen Haft verurteilt. Ein Urteil mit vergleichbarem Donnerhall sucht man in Deutschland vergeblich. Anfang 2019 bestätigte der Bundesgerichtshof, dass der Verkäufer der Waffe, die beim Münchner Amoklauf 2016 verwendet wurde, für sieben Jahre in Haft muss. Doch selbst diese mehr als deutliche Botschaft des höchsten deutschen Strafgerichts schreckt die Betreiber der Marktplätze offenbar nicht ab. Gelingt es den Behörden, im Darknet eine Plattform zu schließen und die Betreiber ausfindig zu machen, taucht an anderer Stelle ein neuer Anbieter auf.

          Offenbar hat dies auch mit Gesetzeslücken zu tun. Einen illegalen Markplatz im Internet anzubieten ist bis heute kein eigenständiger Straftatbestand im deutschen Strafgesetzbuch. Zu Anklagen kommt es wegen Verstößen gegen Nebengesetze. Am häufigsten müssen sich die Beschuldigten vor Gericht wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittel- oder das Waffengesetz verantworten.

          Handelsplätze sind nur eine Form der Kriminalität im Netz; das Schädigen von Privatnutzern und Unternehmen mit Malware eine andere. Auch in diesem Bereich sorgten die Justizbehörden jüngst für Schlagzeilen. Ermittlungen in insgesamt 40 Ländern hatten Ende 2016 zur Zerschlagung des „Avalanche“-Netzwerks geführt, das sich vor allem mit sogenannten Phishing-Attacken Zugriff auf Bankkonten nichtsahnender Computernutzer verschaffte. Dieses Netzwerk bot seine Expertise nach Informationen der europäischen Polizeibehörde Europol rund 200 Cyberkriminellen an, die rund 20 verschiedene Schadsoftware-Attacken starteten. Der damit angerichtete Schaden soll sich geschätzt auf einige hundert Millionen Euro belaufen. Nun wird mehr als einem Dutzend mutmaßlichen Drahtziehern der Prozess gemacht. Sie sollen für den Einsatz der Schadsoftware „GozNym“ verantwortlich gewesen sein – eine von mehreren eingesetzten Techniken zum Plündern fremder Bankkonten.

          Auch im Darknet gibt es eine Dienstleistungsmentalität, um die Kundschaft bei der Stange zu halten: mit Gebrauchsanweisung, Pannenservice und Geld-zurück-Garantie. Unter Staatsanwälten ist das Phänomen als „crime as a service“ bekannt. Solche miteinander verzahnte Strukturen, betonen Fachleute, können nur entstehen, weil schon die Schwellen zur Internetkriminalität sehr niedrig sind. So stellen aus Sicht von Thomas-Gabriel Rüdiger viele Spam-Mails, die im Postfach landen, einen versuchten Betrug dar. Warum es jeden Tag, auch im normalen Internet, zu millionenfachen Straftaten kommt? Der Cyberkriminologe begründet dies unter anderem mit der Broken-Web-Theorie. Die besage, dass mit jedem Normenbruch eines Täters, auf den nicht sichtbar reagiert werde, auch dessen Hemmschwelle für eine künftige Überschreitung sinke. „Im öffentlichen Raum ist die Institution Polizei ein wichtiger Faktor dafür, dass sich die Menschen an Regeln halten. Im Darknet fehlt diese Präsenz sichtbar weitgehend.“

          Rüdiger, der an der Hochschule der Polizei des Landes Brandenburg in Oranienburg lehrt, fordert ein Umdenken im rechtlichen und strukturellen Umgang mit Cybercrime. Schließlich würden sich die sozialen Aktivitäten der Menschen immer mehr vom physischen Raum in einen virtuellen öffentlichen Raum verlagern, erklärt er. Zwangsläufig bedeute das aber Schwierigkeiten für die Ermittler, etwa welche Behörde dem Verdacht nun nachgehen muss. „Im Internet gibt es eine Kriminalität, die unseren nationalstaatlichen Rechtsrahmen vor immense Herausforderungen stellt“, meint Rüdiger.

          Staatsanwälte dürften künftig mehr Befugnisse haben, um Straftaten im Internet effizienter zu verfolgen. Vor allem den Nachteil einer fehlenden Vorratsdatenspeicherung in Deutschland wollen die Ankläger ausgleichen. Dafür wollen sie in ihren Ermittlungen künftig auf die Bestandsdaten von Internetdienstanbietern, auch im Ausland, zugreifen können. Entsprechende Änderungen sieht der Entwurf zum neuen IT-Sicherheitsgesetz vor.

          Dennoch schlagen die Ermittlungen oft noch fehl, weil sich die Datenspuren der Kriminellen im Netz nicht zurückverfolgen lassen. Solange dies aber in Deutschland der Regelfall ist, müssen Strafverfolger wie Ungefuk weiter auf die Zusammenarbeit mit ausländischen Justizbehörden setzen. Zumindest der jüngste Schlag gibt diesem strategischen Kurs recht. Erst vor wenigen Tagen gelang es dem BKA mit „Chemical Revolution“ den nächsten Drogen-Onlinehandel zu zerschlagen. Mit Hilfe der spanischen Polizei konnte der Hauptverdächtige, ein 26 Jahre alter Münchner, auf der Ferieninsel Mallorca festgenommen werden.

          Foto Getty

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