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Cyberkriminalität : Aufklärer im dunklen Netz

Offenbar hat dies auch mit Gesetzeslücken zu tun. Einen illegalen Markplatz im Internet anzubieten ist bis heute kein eigenständiger Straftatbestand im deutschen Strafgesetzbuch. Zu Anklagen kommt es wegen Verstößen gegen Nebengesetze. Am häufigsten müssen sich die Beschuldigten vor Gericht wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittel- oder das Waffengesetz verantworten.

Handelsplätze sind nur eine Form der Kriminalität im Netz; das Schädigen von Privatnutzern und Unternehmen mit Malware eine andere. Auch in diesem Bereich sorgten die Justizbehörden jüngst für Schlagzeilen. Ermittlungen in insgesamt 40 Ländern hatten Ende 2016 zur Zerschlagung des „Avalanche“-Netzwerks geführt, das sich vor allem mit sogenannten Phishing-Attacken Zugriff auf Bankkonten nichtsahnender Computernutzer verschaffte. Dieses Netzwerk bot seine Expertise nach Informationen der europäischen Polizeibehörde Europol rund 200 Cyberkriminellen an, die rund 20 verschiedene Schadsoftware-Attacken starteten. Der damit angerichtete Schaden soll sich geschätzt auf einige hundert Millionen Euro belaufen. Nun wird mehr als einem Dutzend mutmaßlichen Drahtziehern der Prozess gemacht. Sie sollen für den Einsatz der Schadsoftware „GozNym“ verantwortlich gewesen sein – eine von mehreren eingesetzten Techniken zum Plündern fremder Bankkonten.

Auch im Darknet gibt es eine Dienstleistungsmentalität, um die Kundschaft bei der Stange zu halten: mit Gebrauchsanweisung, Pannenservice und Geld-zurück-Garantie. Unter Staatsanwälten ist das Phänomen als „crime as a service“ bekannt. Solche miteinander verzahnte Strukturen, betonen Fachleute, können nur entstehen, weil schon die Schwellen zur Internetkriminalität sehr niedrig sind. So stellen aus Sicht von Thomas-Gabriel Rüdiger viele Spam-Mails, die im Postfach landen, einen versuchten Betrug dar. Warum es jeden Tag, auch im normalen Internet, zu millionenfachen Straftaten kommt? Der Cyberkriminologe begründet dies unter anderem mit der Broken-Web-Theorie. Die besage, dass mit jedem Normenbruch eines Täters, auf den nicht sichtbar reagiert werde, auch dessen Hemmschwelle für eine künftige Überschreitung sinke. „Im öffentlichen Raum ist die Institution Polizei ein wichtiger Faktor dafür, dass sich die Menschen an Regeln halten. Im Darknet fehlt diese Präsenz sichtbar weitgehend.“

Rüdiger, der an der Hochschule der Polizei des Landes Brandenburg in Oranienburg lehrt, fordert ein Umdenken im rechtlichen und strukturellen Umgang mit Cybercrime. Schließlich würden sich die sozialen Aktivitäten der Menschen immer mehr vom physischen Raum in einen virtuellen öffentlichen Raum verlagern, erklärt er. Zwangsläufig bedeute das aber Schwierigkeiten für die Ermittler, etwa welche Behörde dem Verdacht nun nachgehen muss. „Im Internet gibt es eine Kriminalität, die unseren nationalstaatlichen Rechtsrahmen vor immense Herausforderungen stellt“, meint Rüdiger.

Staatsanwälte dürften künftig mehr Befugnisse haben, um Straftaten im Internet effizienter zu verfolgen. Vor allem den Nachteil einer fehlenden Vorratsdatenspeicherung in Deutschland wollen die Ankläger ausgleichen. Dafür wollen sie in ihren Ermittlungen künftig auf die Bestandsdaten von Internetdienstanbietern, auch im Ausland, zugreifen können. Entsprechende Änderungen sieht der Entwurf zum neuen IT-Sicherheitsgesetz vor.

Dennoch schlagen die Ermittlungen oft noch fehl, weil sich die Datenspuren der Kriminellen im Netz nicht zurückverfolgen lassen. Solange dies aber in Deutschland der Regelfall ist, müssen Strafverfolger wie Ungefuk weiter auf die Zusammenarbeit mit ausländischen Justizbehörden setzen. Zumindest der jüngste Schlag gibt diesem strategischen Kurs recht. Erst vor wenigen Tagen gelang es dem BKA mit „Chemical Revolution“ den nächsten Drogen-Onlinehandel zu zerschlagen. Mit Hilfe der spanischen Polizei konnte der Hauptverdächtige, ein 26 Jahre alter Münchner, auf der Ferieninsel Mallorca festgenommen werden.

Foto Getty

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