https://www.faz.net/-irk-ahb6m

Berliner Hochschulreform : Humboldt-Präsidentin Sabine Kunst tritt zurück

Kritikerin einer überstürzten Reform: Sabine Kunst, Präsidentin der Humboldt-Universität Bild: dpa

Der Rücktritt der Humboldt-Präsidentin Sabine Kunst stellt dem neuen Berliner Hochschulgesetz ein vernichtendes Zeugnis aus: Die Reform sei gut gemacht, aber nicht durchführbar.

          2 Min.

          Es wäre übertrieben zu behaupten, das im September vom Berliner Senat verabschiedete Gesetz zur Stärkung der Wissenschaft habe bisher zur Konsolidierung der Hochschulen beigetragen. Die Reform sollte einen gordischen Knoten durchschlagen und die Arbeitsbedingungen des akademischen Mittelbaus verbessern, der sich an deutschen Hochschulen zu rund neunzig Prozent mit Kettenverträgen über Wasser hält. In letzter Minute wurde ihr deshalb eine Regel für Postdoktoranden eingefügt. Bisher galt: Eine Hochschule kann mit Postdoktoranden eine feste Stelle vereinbaren, sofern diese ihr Qualifikationsziel erreichen. Nach dem neuen Gesetz muss sie es tun.

          Thomas Thiel
          Redakteur im Feuilleton.

          Die Berliner Universitäten müssen sich nun überlegen, wie sie befristet beschäftigte Wissenschaftler mit Dauerstellen ausstatten, ohne das System auf Kosten der nachrückenden Generation zu verstopfen und sich selbst zu blockieren. Denn je mehr Dauerstellen an Postdocs vergeben werden, desto mehr schränkt man sich bei der Neuanstellung von Postdoktoranden und der Berufung von Professoren ein. So fördert das Gesetz zunächst einmal die Provinzialisierung der Berliner Wissenschaft. Aus dieser Zwickmühle hätte die Politik die Hochschulen durch massive Mittelaufstockungen befreien können, die sie ihnen aber versagte.

          Also traten sie auf die Notbremse. Zunächst beschloss die Freie Universität, die Verträge mit ihren Postdoktoranden grundsätzlich nicht mehr zu verlängern und keine neuen mehr einzustellen. Das hat sie inzwischen zurückgenommen. Jetzt hat die Präsidentin der Humboldt-Universität Sabine Kunst angekündigt, ihr Amt aus Protest gegen die Postdoc-Regel zum Ende des Jahres niederzulegen. Ihre Worte klangen dramatisch: „Uns ohne Ressourcen, jetzt auf gleich, die Füße wegzuschlagen: Das geht nicht.“ Zunächst hatte Kunst „kreative Lösungen“ angekündigt, dann hatte sie eingesehen, dass ihr das neue Gesetz keine andere Wahl lasse, als Verträge aus Mangel an finanziellen Alternativen auslaufen zu lassen. Davon betroffen ist auch der aus den drei großen Universitäten der Stadt bestehende Exzellenzverbund der Berlin University Alliance, der notwendigerweise viele Postdoktoranden befristet beschäftigt, weil die Exzellenzgelder nur für eine bestimmte Zeitspanne ausgezahlt werden. Wenn dafür keine Lösung gefunden wird, würde das neue Gesetz auch die Berliner Chancen bei der nächsten Exzellenzbewerbung schmälern.

          Überstürzte Reform

          Die Berliner Hochschulen fühlen sich zu Recht von der Politik alleingelassen. Ihnen wird eine im Prinzip richtige Reform ohne angemessene Ausstattung zugemutet. Es zeigt sich, wie schwer ein System lokal zu reformieren ist, das über Jahrzehnte hinweg bundesweit eine Fehlstellung aufgebaut hat. An deutschen Hochschulen sind, international einmalig, rund 180 000 Wissenschaftler befristet beschäftigt. Angesichts der wenigen Professuren, die jährlich neu besetzt werden, lässt sich das nur langfristig verändern.

          Die Unwucht geht schon auf die späten Neunzigerjahre zurück, als man beschloss, auf den Anstieg der Studentenzahlen nicht mit der Einstellung neuer Professuren zu reagieren, sondern den Studentenberg mit preiswerten Lehrkräften aus dem Mittelbau zu untertunneln. Forciert wurde sie durch den massiven Ausbau der Projektforschung, für die flexibel einsetzbares wissenschaftliches Personal benötigt wird. Die Wissenschaftler bezahlen das mit Dumpinglöhnen und biographischer Unsicherheit, die Wissenschaft mit einem Verlust an Kontinuität und Originalität.

          Der Ansatz des Berliner Gesetzes ist deshalb zu begrüßen. Überstürzt ist die Ausführung. Eine Reform, die eine jahrzehntelange Fehlentwicklung korrigieren will, braucht einen längeren Zeithorizont. Christian Thomsen, Präsident der TU Berlin, forderte nach dem Rücktritt seiner Kollegin eine Novellierung der Novelle. Es gehe darum, eine Übergangsregelung zu schaffen und den Universitäten die Möglichkeit zu geben, Postdoktoranden nochmals zu prüfen, bevor sie dauerhaft angestellt würden. Besonders geht es darum, zu klären, wie viele Stellen von dem neuen Gesetz überhaupt betroffen sind. Der regierende Bürgermeister und Wissenschaftssenator Michael Müller hält die Novelle weiter für gut umsetzbar. Nach dem Rücktritt von Sabine Kunst liegt es nun an der Politik, das nachzuweisen.

          Topmeldungen

          Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht bei der Verleihung des Silbernen Lorbeerblattes im November 2021.

          Corona-Liveblog : Steinmeier ruft zu Kontaktbeschränkungen auf

          +++ Omikron-Verdachtsfall in Österreich +++ Israel schließt wegen Omikron Grenzen für Ausländer +++ Zehntausende demonstrieren in Österreich +++ Zwei Omikron-Fälle in München bestätigt +++ Entwicklungen zur Pandemie im Corona-Liveblog.
          Cem Özdemir auf dem Online-Parteitag der Grünen im Mai 2021

          Cem Özdemir und die Partei : Grüne Kämpfe, grüne Ziele

          Bei den Grünen ist der Aufstand der Parteilinken gegen den Ultrarealo Cem Özdemir verpufft. Glück gehabt. Denn wenn die Partei in der Ampel fürs Klima kämpfen will, muss sie geschlossen sein.