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Tödliches Aufnahmeritual : Belgische Verbindungsstudenten wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht

Angehörige von Sanda Dia treffen vor Gericht ein. Bild: AFP

Er musste in einer Grube ausharren, einem Aal den Kopf abbeißen und durfte kaum Wasser trinken: In Belgien müssen sich 18 junge Männer für den Tod eines Studenten verantworten, der ihrer Verbindung beitreten wollte.

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          Das Aufnahmeritual begann, ganz harmlos, mit dem Verkauf von Rosen in der Löwener Fußgängerzone. Sanda Dia, Student an der Katholischen Universität, begehrte Eintritt in die Studentenverbindung „Reuzegom“, einen kleinen, erlesenen Club. Dreißig Mitglieder, sie studierten Ingenieurwesen wie er oder Jura und kamen ebenfalls aus der Region Antwerpen. Ihre Eltern waren dort Zahnärzte, Rechtsanwälte, Richter und Politiker – die weiße Oberschicht.

          Thomas Gutschker
          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Benelux-Länder mit Sitz in Brüssel.

          Dia war der Sohn eines eingewanderten Senegalesen und einer belgischen Mutter, mit dunkler Hautfarbe. Sein Vater arbeitete am Fließband. Die Studententaufe sollte seine Eintrittskarte in eine andere Welt sein. Dreißig Stunden später wurde der junge Mann in ein Krankenhaus eingeliefert, da betrug seine Körpertemperatur nur noch 27 Grad, er blutete aus Nase und Mund, sein Körper war übersäuert. Kurz darauf starb Sanda Dia, 20 Jahre alt, an mehrfachem Organversagen.

          Fast drei Jahre ist das her, und seit Dienstag müssen sich 18 Männer vor Gericht verantworten. Alle sind zwischen 22 und 27 Jahren alt und waren während des Rituals dabei. Die Anklage lautet auf fahrlässige Tötung, Erniedrigung, unterlassene Hilfeleistung und das Zuführen gefährlicher Substanzen. Bei einer Verurteilung droht ihnen eine Gefängnisstrafe von bis zu 15 Jahren. Zunächst hatte die Universität den Studenten nach der Tat lediglich dreißig Stunden gemeinnützige Arbeit auferlegt. Außerdem mussten sie einen Straf-Essay über die Geschichte von Studententaufen schreiben. Erst zwei Jahre später, als die Ermittlungen abgeschlossen waren, wurden sieben Männer exmatrikuliert. Die anderen hatten ihr Studium schon abgeschlossen. Es geht in diesem Fall deshalb auch um eine Kultur des Wegschauens an einer der traditionsreichsten Universitäten Europas.

          Die Delinquenten sollten ins Koma fallen

          Die flämische Zeitung Het Nieuwsblad hat im Juli 2020 rekonstruiert, was Sanda Dia widerfahren ist. Demnach gab es ein festes Drehbuch für das Taufritual. Es begann, wie stets, mit dem Verkauf von Rosen an Passanten in der Innenstadt. Drei Männer begaben sich am Nachmittag des 4. Dezember 2018 auf diesen Parcours, Dia und zwei weitere Aufnahmewillige, die „Delinquenten“, wie sie genannt wurden. Dia verkaufte am wenigsten Rosen, zur Strafe musste er anschließend am meisten saure Milch trinken und Meisenknödel essen.

          Danach folgten Trinkspiele jenseits der Öffentlichkeit. Der sogenannte „Henker“ stellte Fragen. Nach jeder falschen Antwort mussten Bier, Gin und Wodka getrunken werden – bis zum Delirium. Mit dem „Cantus“, so wurde das Ritual verharmlosend genannt, „sollten die Delinquenten ins Koma fallen“, sagte einer aus der Gruppe später im Verhör. Dia übergab sich nach dem sechsten oder siebten Glas Bier. Er lag, wie die beiden anderen, auf dem Boden, sie konnten kaum noch sprechen. Die anderen Männerbündler urinierten auf die Gruppe. Damit die Delinquenten nicht an ihrem Erbrochenen ersticken konnten, wurden sie zwischendurch aufgerichtet.

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