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Arbeiten in der Pandemie : „Das Homeoffice derzeit ist eher eine Notmaßnahme“

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Viele Deutsche arbeiten derzeit von zuhause, doch längst nicht jeder Arbeitnehmer kann aus den eigenen vier Wänden heraus seiner Tätigkeit nachgehen. Bild: dpa

Laut einer Bitkom-Umfrage arbeitet derzeit jeder vierte Berufstätige komplett von zuhause aus. Nach der Verlängerung des Lockdowns mehren sich Forderungen an Unternehmen, ihre Mitarbeiter besser zu unterstützen.

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          Es ist für Millionen von Beschäftigten die neue Normalität: Arbeiten von zuhause. Vor Beginn der Corona-Pandemie war Homeoffice die Ausnahme, nun ist die Arbeit im heimischen Wohnzimmer oder am Küchentisch für viele zum Alltag geworden. Aber geht noch mehr und soll es statt Appellen der Politik Vorgaben für Firmen geben, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen? Angesichts der Verlängerung des Lockdowns bis Ende Januar hat die Debatte wieder Fahrt aufgenommen.

          Bund und Länder hatten nach ihren Beratungen am Dienstag die Arbeitgeber „dringend gebeten“, großzügige Homeoffice-Möglichkeiten zu schaffen. Das reiche aber nicht aus, um die Infektionszahlen in den Griff zu bekommen, kritisierte die Grünen-Politikerin Beate Müller-Gemmeke: „Wir brauchen ein Recht auf Homeoffice und ein Homeoffice-Gebot, das sich an die Arbeitgeber richtet.“

          Der Präsident des Digitalverbandes Bitkom, Achim Berg, sagte der Deutschen Presse-Agentur: „Für die gesamte Dauer der Pandemie ist es ein zwingendes Gebot, ausschließlich im Homeoffice zu arbeiten, sofern es die berufliche Tätigkeit zulässt.“ Alle Arbeitgeber seien gefordert, großzügige Regelungen zu schaffen, um ihrer Verantwortung in dieser historischen Situation gerecht zu werden. „Das gilt insbesondere für öffentliche Arbeitgeber, die mit gutem Beispiel vorangehen müssen.“

          Aktuell arbeitet jeder vierte Berufstätige ausschließlich im Homeoffice, wie eine repräsentative Befragung im Bitkom-Auftrag von Anfang Dezember ergab. Das entspreche 10,5 Millionen Berufstätigen. Auf weitere 20 Prozent treffe das zumindest teilweise zu. Vor dem Beginn der Pandemie hatten demnach nur 3 Prozent der Berufstätigen ausschließlich im Homeoffice gearbeitet, weitere 15 Prozent teilweise. Der am meisten genannte Nachteil: Der fehlende persönliche Austausch mit den Kollegen.

          Recht auf Homeoffice nicht mehr geplant

          Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher, sagte der dpa, die Bundesregierung würde mit gesetzlichen Vorgaben zum Homeoffice mehr Schaden anrichten als helfen. „Fast 60 Prozent der Beschäftigten in Deutschland können nicht von zu Hause aus arbeiten, häufig weil ihre Arbeit einen Dienst an anderen Menschen beinhaltet. Unternehmen haben bereits jetzt zu kämpfen, diese Pandemie zu überleben.“ Die Regierung sollte Unternehmen und Beschäftigte in der Krise stärker unterstützen.

          Gewerkschaften fordern klare Regeln. „Niemand will die Arbeit am Band bei Daimler oder die Altenpflege ins Homeoffice verlagern“, sagte der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann. „Aber da, wo mobiles Arbeiten möglich ist, sollte man den Menschen einen Anspruch auf mehr Zeitautonomie gewähren.“ Das beinhalte beispielsweise das Recht auf Nichterreichbarkeit oder eine geregelte Arbeitszeiterfassung. „In Deutschland werden jährlich mehr als eine Milliarde Überstunden geleistet, die von den Arbeitgebern nicht entlohnt werden. Das ist nichts anderes als Lohndiebstahl. Das darf sich durch mehr Homeoffice nicht weiter verschlimmern“, sagte Hoffmann der dpa.

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