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Berliner Modellversuch : Tablets in der Zelle

  • -Aktualisiert am

Ein Justizvollzugsbeamter schließt eine Tür in der JVA Lübeck auf. Bild: dpa

Ein Berliner Modellprojekt hat Gefängnisinsassen mit internetfähigen Tablets ausgestattet. Macht das den Gefängnisalltag zu komfortabel? Gefährdet es die Opfer? Oder dient es der Resozialisierung? Ein Besuch hinter Gittern.

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          Die Pressekonferenz des Berliner Justizsenators zum Projekt „Resozialisierung durch Digitalisierung“ stieß in der Öffentlichkeit auf wenig Begeisterung. „Für Verbrecher ist Geld da, für unsere Schulen nicht“, „Strafe muss immer noch Strafe sein und kein Vergnügen!“ oder „Noch mehr Luxus in unseren Gefängnishotels!“ waren noch die freundlicheren Reaktionen. Anlass für den Unmut einiger Berliner war ein Modellprojekt in der Justizvollzugsanstalt Heidering, in dem 60 Insassen Tablets zur eigenen Nutzung erhielten. Das Berliner Abgeordnetenhaus hatte für die Jahre 2016 bis 2019 insgesamt 1,3 Millionen Euro zur Verfügung gestellt; das meiste Geld wurde in die begleitende Forschung investiert.

          Das Vorhaben wollte ich mir genauer ansehen. Der Leiter des Projekts und einer Teilanstalt der JVA Heidering, Christian Reschke, nahm sich die Zeit, mir vor Ort einen Einblick zu geben. Ich kam gerade rechtzeitig zu einer internen Fortbildungsveranstaltung für Insassen. Einmal pro Woche kommen Mitarbeiter des Instituts für Bildung in der Informationsgesellschaft in die JVA und erklären sieben Gefangenen neue Programme und Seiten auf den Tablets. Diese Insassen fungieren dann als Multiplikatoren und geben die Informationen an ihre Mitgefangenen weiter. Natürlich haben die Insassen keinen ungehinderten Zugriff auf das Internet. Ihnen stehen über ein „Virtual Private Network (VPN-Tunnel)“ gesicherte Internetseiten zu verschiedenen Themen zur Verfügung. Im Vordergrund stehen Bildung (Nachrichtenportale, Lexika, Sprachkurse) und Beruf (Bundesagentur für Arbeit, Ausbildungsprogramme), aber es gibt auch Unterhaltungsangebote (Quiz, Spiele und – ganz neu – die WDR Mediathek). Die Insassen dürfen die Auswahl mitgestalten und Wünsche äußern. Welche Seiten sie tatsächlich nutzen, wird in der Evaluation des Projekts überprüft. Besonders wichtig für die Insassen ist allerdings die Möglichkeit, Emails zu versenden. „So konnte ich in der Zeit den Kontakt zu Familie und Freunden halten“, berichtet Markus H., der kurz vor der Entlassung steht. Ich frage Christian Reschke, ob es hier keine Probleme gegeben habe; schließlich könnten die Verurteilten auf diesem Wege etwa ihre Opfer belästigen. Aber solche Vorfälle sind nicht vorgekommen. Auch sonst hat der Leiter nichts Schlechtes zu berichten: keinen Missbrauch, keinen Vandalismus.

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