https://www.faz.net/-1qk-tmzo

„Die Kaisermacher“ : Gut behütet in einem goldenen Haus

Die „Goldene Bulle”: das Original im Karmeliterkloster Bild: Marcus Kaufhold

Mit der imposanten, 2,7 Millionen Euro teuren Großschau „Die Kaisermacher“ feiert Frankfurt 650 Jahre „Goldene Bulle“ und 200 Jahre Ende des Alten Reiches. Die Ausstellung beleuchtet alle Facetten des Themas.

          Folge dem roten Band, und du wirst in ein Frankfurter Geheimnis eindringen! Gäbe es ein Computerspiel „Die Goldene Bulle“, würde sein Verleger vermutlich mit einem solchen Satz dafür werben. Im Institut für Stadtgeschichte folgen die Besucher tatsächlich einem breiten roten Band auf dem Fußboden - und gelangen zum Original. Folgerichtig haben die Kuratoren des Instituts ihrem Teil der Ausstellung „Die Kaisermacher“ den Titel „Das Frankfurter Exemplar der Goldenen Bulle“ gegeben.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Sieben Ausfertigungen dieses Grundgesetzes des Alten Reiches sind auf die Nachwelt gekommen, das wichtigste ist jenes, das 1366 der Stadtschultheiß Siegfried von Marburg zum Paradies für die Reichsstadt Frankfurt von der kaiserlichen Kanzlei hatte ausstellen lassen. Die Frankfurter „Goldene Bulle“, wie das gesamte Gesetzeswerk dann wegen seines goldenen Siegels genannt wurde, wurde immer herangezogen, wenn es Unstimmigkeiten über den Ablauf einer Kaiserwahl oder die Rechte der „Kaisermacher“, der sieben beziehungsweise später neun Kurfürsten, gab. Sie galt deshalb als das „Reichsexemplar“.

          Stadt schenkte Hitler Übersetzung der „Bulle“

          In ein goldenes Haus haben die Ausstellungsarchitekten des Ateliers Markgraph dieses Dokument gestellt, das Weltgeschichte, aber auch Frankfurter Geschichte geschrieben hat, weil in der „Goldenen Bulle“ die St.-Bartholomäus-Kirche als rechter Ort für die Wahl eines Kaisers bestimmt wurde. Wie immer bei der Präsentation kostbarer Bücher standen die Kuratoren vor der Frage, welche Seite sie für den Besucher aufschlagen sollten. In diesem Fall ist ihnen die Antwort leichtgefallen: Selbstverständlich ist der Anfang jenes Kapitels zu sehen, in welchem Frankfurt als Wahlort aufgeführt wird.

          Freilich bleiben auch die anderen Seiten der „Goldenen Bulle“ den Besuchern nicht verborgen. Und genau dies ist eine der bemerkenswerten Leistungen des Instituts für Stadtgeschichte, nämlich daß man auch eine virtuelle „Goldene Bulle“ ins Refektorium des Karmeliterklosters gestellt hat, eine Computer-Bulle. Jede einzelne Seite des Dokuments kann man an einem Rechnerterminal öffnen, auf einer Großleinwand erscheint dann für alle sichtbar der Text.

          Nicht nur der lateinische Originaltext, sondern auch nach Wunsch eine moderne Übersetzung oder eine altdeutsche Fassung von 1371. Zwei Übersetzungen hat die Frankfurter Obrigkeit übrigens im Mittelalter anfertigen lassen, denn nicht alle hohen Herren aus dem Patriziat konnten Latein. Doch beide Originale sind im Feuersturm des Zweiten Weltkriegs verbrannt: die eine in der Reichskanzlei in Berlin, wohin sie als Geschenk der Stadt an Hitler gelangt war, die andere im Römer, wo sie zu Beginn des Bombenkrieges anstelle des in Sicherheit gebrachten Originals ausgestellt wurde.

          Erster Schritt zum Verfassungsstaat

          Eine „Goldene Bulle“ macht indes noch keine Ausstellung, weshalb man im Institut für Stadtgeschichte um das Original eine Schau gruppiert hat, welche die Vor- und Nachgeschichte beleuchtet. Wie die Ausstellungsmacher ihr größtenteils aus Büchern, Siegeln und Pergamenten bestehendes Material vorstellen, verdient höchstes Lob. Ob es um das Werk der Diplomatie geht , als welches man die „Goldene Bulle“ bezeichnen muß, weil sie die Interessen der Mächtigen des Reiches in ein Grundgesetz brachte, ob die damaligen Frankfurter Interessen aufgeschlüsselt oder ob berühmte „Touristen“ vorgestellt werden, die sich die Bulle haben zeigen lassen: immer wird das Thema auf je eigene Weise lebendig inszeniert.

          Das rote Band der „Goldenen Bulle“ führt zuletzt aus dem Refektorium hinaus in den Kreuzgang des Klosters - in die Gegenwart. Rote Stühle im „Verfassungsgarten“ markieren diesen Weg. Zuerst sitzen sich symbolisch die hochwohlgeborenen Herrscher gegenüber, die im Fürstenzimmer die politische Macht verteilen.

          Dann wird das Alte Reich in der Französischen Revolution umgestoßen, die Stühle stehen kreuz und quer durcheinander. Zuletzt bildet sich eine neue Ordnung heraus, eine verfassungsmäßige Ordnung, bei der die Stühle im Halbrund stehen wie in einem modernen Parlament. Die vor 650 Jahren erlassene „Goldene Bulle“, so die Botschaft, war der erste Schritt auf einem langen Weg zum Verfassungsstaat. Deshalb auch ist diese Ausstellung im Karmeliterkloster mehr als nur ein Frankfurter Lokalereignis, sie spricht zur ganzen Nation.

          Topmeldungen

          Unser Sprinter-Autor: Carsten Knop

          FAZ.NET-Sprinter : Europa in Wettlaune

          Deal oder No-Deal? London versinkt im Chaos – und wer auf ein zweites Brexit-Referendum tippt, könnte durchaus richtig liegen. Deutlich klarer sind dagegen die Beschlüsse aus Kattowitz. Was sonst wichtig wird, steht im FAZ.NET-Sprinter.