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Aktienmarkt : Dax fällt unter 12.000 Punkte

Abstieg: Weil der Kurs der Commerzbank, an der Börse CBK genannt, stark gesunken ist, fliegt die Aktie aus dem Dax. Bild: dpa

Viele Analysten sehen derzeit den Dax in einem Abwärtstrend. Gründe sind der ungeklärte Handelskonflikt und eine Krise in einigen Schwellenländern.

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          Es gab viel Symbolik am Donnerstag auf dem deutschen Börsenparkett. Nach dreißig Jahren wird das Gründungsmitglied Commerzbank erstmals nicht mehr zum erlauchten Kreis der 30 wichtigsten börsennotierten Unternehmen in Deutschland zählen, die dem Börsenbarometer Dax angehören. Das ist jetzt beschlossene Sache. Stattdessen wird von Ende dieses Monats an der Zahlungsdienstleister Wirecard Mitglied. Dessen Kurs stieg nach Verkündung dieses Beschlusses erst einmal fleißig weiter. „Für unsere Kunden, für unser Geschäft ändert sich damit überhaupt nichts“, sagte Commerzbank-Chef Martin Zielke und machte sich damit etwas Mut.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Zu einer ähnlichen Aussage könnte man kommen, wenn man eine weitere symbolkräftige Entwicklung an diesem Handelstag in den Blick nahm: Der Kurs des Dax fiel zwischenzeitlich unter die Marke von 12.000 Punkten. Das war in den ersten Handelsminuten, noch vor elf Uhr drehte der Index sogar ins Plus. Zum Handelsschluss fiel er wieder auf 11.955 Punkte. Das war ein Minus von 0,7 Prozent. Doch wie so oft hat die glatte Tausender-Zahl keine tiefere Bedeutung.

          „Die 12.000 haben nur einen psychologischen Wert“, sagt Christian Schmidt, technischer Analyst der Helaba. Viel wichtiger ist aus seiner Sicht die Zone zwischen 12.135 und 12.120 Zählern. Als diese Strukturmarken unterschritten wurden, habe das „prozyklische“ Signale ausgelöst. Anfang August hat der Index die 200-Tagelinie gekreuzt, die den Verlauf des Durchschnitts der Schlusskurse der vergangenen 200 Handelstage beschreibt. Seither habe der Abwärtstrend an Dynamik gewonnen. Häufig werden Abwärtsbewegungen im Vergleich zu einem Aufwärtsimpuls mit der dreifachen Geschwindigkeit vollzogen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Anstiegsbewegung auf 1600 Punkte Ende August und der darauf folgende Rücksetzer.

          Weitere wichtige Unterstützungen sieht Schmitt bei 11.911 und 11.726 Punkten. Doch wem die Charttechnik zu kompliziert ist, für den nennt der Analyst auch einige fundamentale Faktoren, warum der Dax innerhalb eines Monats 4 Prozent seines Werts verloren hat. Es gebe erste Anzeichen, dass sich der fortgesetzte Handelsstreit der Vereinigten Staaten mit China und anderen Ländern negativ auswirkt. Eine weitere Eskalation droht, da Amerika den Plan verfolgt, neue Zölle auf chinesische Importe von 200 Milliarden Dollar zu erheben. Eine Reaktion von chinesischer Seite in gleicher Höhe wird wohl die Folge sein. Von einer Lösung des Konflikts scheint man weit entfernt zu sein. Zudem sorgt die sich abzeichnende Krise in den Schwellenländern für Zurückhaltung.

          Es gebe erste Anzeichen, dass die Autoindustrie unter dem fortgesetzten Handelsstreit der Vereinigten Staaten mit China und anderen Ländern leide. Die jüngste Eskalation mit Kanada und mögliche neue Zölle auf chinesische Importe von 200 Milliarden Dollar zeigten, dass eine Lösung des Konflikts weit entfernt sei. „Wenn schon ein neues Nafta-Abkommen zwischen Amerika und Kanada nicht funktioniert, wie soll es dann mit China klappen“, fragt Schmidt. „Je länger sich der Streit hinzieht, desto mehr sichtbare Effekte zeigen sich.“

          Nicht nur die Schwachen schwächeln

          Als einen wichtigen Faktor für die verschlechterten Bedingungen am Aktienmarkt sehen viele Analysten auch die Währungskrise in der Türkei und Argentinien. „Wir haben 15 Länder untersucht, von denen diese beiden auffallend schlecht dastehen, aber selbst stärkere Länder können sich nicht zurücklehnen“, sagt Thorsten Hähn, Devisenanalyst der DZ Bank. Betrachte man die Faktoren Finanzpolitik, Geldpolitik, Auslandsverschuldung und politische Lage, schnitten nur die Türkei und Argentinien in allen Feldern schlecht ab. „Aber wer besser dasteht, hat deshalb keine Narrenfreiheit“, sagt Hähn. Selbst Russland mit einer vergleichsweise geringen Verschuldung und einer guten Position gegenüber dem Ausland sei vor einer Ansteckung nicht gefeit. Genauso wie auf Indonesien könnten Turbulenzen aber auch auf Russland zurückfallen.

          Auch die Commerzbank sieht diese Schwierigkeiten in einzelnen Schwellenländern als wichtigen Treiber für die fallenden Kurse. Bis Mitte Oktober könne sich der Rückgang noch bis 11.800 Punkte fortsetzen. Pessimisten sähen Parallelen zu den Jahren 2000 und 2007, heißt es in einem Research-Bericht vom Donnerstag. Damals fiel der Dax innerhalb weniger Monate um 73 und 55 Prozent. Die Analysten sehen allerdings eher Ähnlichkeiten mit der Lage in den Jahren 1997 und 1998, als der Dax jeweils für wenige Wochen stark fiel – um 20 und um 37 Prozent. Danach aber erholte er sich auch wieder.

          Aus Sicht der Commerzbank sprechen einige Gründe für ein günstigeres Szenario. Das globale Wachstum sei noch intakt, die Geldmengenausweitung in Europa und Amerika deute auf rege Geschäftstätigkeit hin. Italien scheine auf einem guten Weg, sich auf seine Defizitziele verpflichten zu lassen. Die Erträge der Unternehmen in den Vereinigten Staaten stiegen, in Europa schienen sie sich zu verbessern.

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          Doch auch fundamental mussten die Börsianer am Donnerstag negative Nachrichten verkraften: Das Statistische Bundesamt in Wiesbaden meldete, dass in der deutschen Industrie im Juli 0,9 Prozent weniger Aufträge eingegangen sind als im Vormonat. Schon im Juni hatte es einen scharfen Rückgang um 3,9 Prozent gegeben. Auch gegenüber dem Vorjahresmonat war das ein Minus. Im Juli lag es bei 0,9 Prozent. Das Bundeswirtschaftsministerium sah sich veranlasst zu beschwichtigen. Im Verarbeitenden Gewerbe sei der Auftragsbestand hoch und das Geschäftsklima habe sich zuletzt verbessert.

          An den Anblick von Wirecard im Dax muss man sich zunächst noch gewöhnen. Nach mehr als 150 Prozent Zugewinn im vergangenen Jahr, brachte der Beschluss zum Wechsel in den führenden Index am Donnerstag erst einmal einen Rückschlag, stand zum Handelsschluss aber 1,3 Prozent im Plus. Gegen den Abwärtstrend können sich in diesen Tagen nur wenige Unternehmen stemmen. Am Donnerstag waren dies RWE, Siemens, Daimler, Heidelbergcement und die Deutsche Post.

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