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Umfrage : Corona-Einschränkungen spalten Alt und Jung

Notlage: Mitarbeiter der Reisebranche können nicht arbeiten Bild: dpa

Die Lockerungspläne in Thüringen erregen die Gemüter. Eine aktuelle Umfrage zeigt, dass junge Menschen vor allem berufliche Einschränkungen ablehnen – während die Maßnahmen wirtschaftlich eine andere Gruppe besonders hart treffen.

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          Diese Daten liefern in der Debatte um die wirtschaftlichen Folgen der staatlichen Corona-Maßnahmen sowie Ausmaß und Tempo der Lockerungen neuen Zündstoff: Zwar hält es einer aktuellen Umfrage zufolge rund jeder zweite Deutsche für angemessen, dass der Staat Maßnahmen zum Schutz der Gesundheit ergreift, auch wenn dies mit erheblichen Konsequenzen verbunden ist. Allerdings wünschen sich für künftige Pandemien drei Viertel aller Befragten, dass die wirtschaftlichen Folgen solcher Einschränkungen stärker berücksichtigt werden und die Politik öffentlich Rechenschaft ablegt.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Zudem zeigt sich, dass bei der Bewertung der Pandemie-Maßnahmen ein Riss durch die Generationen geht. Junge Menschen bewerten sie kritischer als ältere. Auch Geringverdiener sind von der Pandemie-Bekämpfung überproportional betroffen. Dagegen ist nicht belegt, dass sich Frauen stärker von den Krisenfolgen betroffen fühlen als Männer. Auch regional ergeben sich innerhalb Deutschlands keinen großen Unterschiede.

          „Die Bürger erwarten von der Regierung im Umgang mit zukünftigen Krisen eine umfassendere Berücksichtigung der wirtschaftlichen Folgen von Maßnahmen zum Gesundheitsschutz, bevor das Wirtschaftsleben tatsächlich einschränkt wird“, fasst Matthias Fifka von der Universität Erlangen-Nürnberg die Ergebnisse der repräsentativen Umfrage zusammen, die der F.A.Z. vorab vorliegen. Mitte Mai wurden mehr als 1000 Menschen befragt.

          Für die Akzeptanz der ökonomischen Einschränkungen spielt die persönliche Betroffenheit eine große Rolle. Die Schließung von Geschäften, Hotels und Restaurants stößt auf eine hohe Zustimmung.

          Geringverdiener kritisch zu Kurzarbeit

          Dies gilt nicht für das Verbot, den eigenen Arbeitsplatz aufzusuchen. Weniger als die Hälfte der Befragten hält das Arbeitsplatz-Verbot für ein geeignetes Instrument, ebenso wenig die Schließung des grenzüberschreitenden Pendelverkehrs.

          Für knapp zwei Drittel ist dagegen die Uneingeschränktheit der Berufsfreiheit wichtig oder sehr wichtig. „Es zeigt sich, dass die Menschen ihre eigenen beruflichen Interessen über die ihrer Mitmenschen stellen“, sagt Wirtschaftswissenschaftler Fifka.

          Erhebliche Unterschiede werden dabei mit Blick auf die verschiedenen Alterskohorten deutlich. In der Gruppe der 60- bis 75-Jährigen gewichtet mehr als die Hälfte den Schutz der Gesundheit höher als das Recht auf Arbeit. Das trifft unter den 16- bis 29-Jährigen nur auf jeden Dritten zu. Noch größer sind die Unterschiede für die eingeschränkte Reisefreiheit. Zwei Drittel der Menschen im rentennahen Alter oder im Ruhestand begrüßen die Zwangsschließung von Geschäften, aber nur 45 Prozent der Menschen unter 50 Jahren.

          Fifka ist deshalb skeptisch, dass es in künftigen Pandemien gelingt, die unterschiedlichen Interessen der Generationen in Einklang zu bringen: „Solidarität in unserer Gesellschaft über Altersklassen hinweg ist eine Illusion.“

          Die Umfrage deutet darauf hin, dass die Akzeptanz der staatlichen Maßnahmen stark damit zusammenhängt, wie die persönliche finanzielle Lage ist. Während drei Viertel aller Haushalte mit einem monatlichen Einkommen von mehr als 3000 Euro im Monat zustimmen, sind es unter Personen unterhalb dieser Marke nur zwei Drittel.

          Geringverdiener sehen den Staat deutlich seltener im Recht, Geschäfte, Hotels und Restaurants zwangszuschließen, als der Rest. Menschen mit mittlerem und hohem Einkommen sprechen sich auch deutlich häufiger für den Einsatz von Kurzarbeit aus (73 Prozent) als jene mit niedrigerem Einkommen (64 Prozent).

          Der Einsatz von Kurzarbeit ist gerade im Niedriglohnsektor mit spürbaren Lohnausfällen verbunden, während besserverdienende Facharbeiter häufig einen Teil der Lücke zwischen staatlichem Kurzarbeitergeld und eigentlichem Nettogehalt freiwillig von ihrem Arbeitgeber kompensiert bekommen. Fifka empfiehlt daher, darüber nachzudenken, das Kurzarbeitergeld für Geringverdiener stärker anzuheben als für andere Gruppen.

          Viele Menschen erwarteten, dass ökonomische Folgen in Zukunft stärker berücksichtigt werden. Das zeige, dass sie sich unmittelbar negativ in wirtschaftlicher Hinsicht betroffen fühlten. „Das wiederum legt eine zügige und systematische Lockerung nahe, zumindest solange keine stark ansteigenden Gesundheitsrisiken vorliegen.“ Die Politik müsse sich eingestehen, dass es nicht möglich sein wird, Gesundheit unbegrenzt zu schützen. Der Schutz des Lebens habe nicht für alle Gruppen oberste Priorität, sagt der Wissenschaftler, „auch sie müssen im politischen Prozess Gehör finden“.

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          Unser Autor: Oliver Georgi

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