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Wirtschaftsblog „Fazit“ : Die unsichtbare Macht hinter der Revolution der Finanzbranche

Simulation des neuen Apple-Campus in Kalifornien Bild: dpa

Gewinn-Erosion und Niedrigzins: Die Finanzbranche erlebt einen dramatischen Wandel. Eine Ursache ist immaterielles Kapital, das Unternehmen in Sparer verwandelt.

          5 Min.

          Wer die dramatischen Veränderungen in der Finanzwelt ergründen will, muss auf Unternehmen wie Amazon, Microsoft oder Apple blicken. Zum Ende des ersten Quartals hat Apple ein Finanzvermögen über 257 Milliarden Dollar ausgewiesen, das aus Bankguthaben und Wertpapieren besteht. Apple ist zur Finanzierung seiner Projekte nicht auf Kapitaleinschüsse seiner Aktionäre oder auf Fremdkapital wie Bankkredite oder Anleihen angewiesen; seine Investitionen könnte Apple aus der Portokasse finanzieren. „Die Menschen bauen ihr Leben um Produkte von Apple herum“, sagt Staranleger Warren Buffett. „ Das gilt für Achtjährige wie für Achtzigjährige.“

          Gerald Braunberger
          (gb.), Herausgeber

          Apple hat zwar Anleihen über mehr als 100 Milliarden Dollar ausgegeben, aber nur, um Steuern zu sparen. Das amerikanische Steuerrecht macht es für den Konzern günstiger, Aktienrückkäufe oder Unternehmenskäufe in den Vereinigten Staaten durch die Ausgabe von Anleihen zu finanzieren, als das zu 93 Prozent im Ausland gehaltene Finanzvermögen in die Heimat zu holen. Daher hatte auch Microsoft im vergangenen Jahr Anleihen über 20 Milliarden Dollar zur Finanzierung des Kaufs von Linkedin ausgegeben, obgleich Microsofts Geldreserven mehr als 100 Milliarden Dollar betrugen. An Geld mangelt es wahrlich nicht.

          Apple und Microsoft stehen für einen mächtigen Trend: Mit der digitalen Revolution verändern sich die finanziellen Bedürfnisse zahlreicher Unternehmen, was erhebliche Rückwirkungen auf die Finanzwelt und die dort gezahlten Preise hat. Nirgendwo lässt sich dies besser beobachten als in den Vereinigten Staaten. Die digitale Revolution sorgt für sich ändernde Investitionsprofile.

          Während die Bedeutung der Investitionen in Sachkapital wie Fabriken, Maschinen und andere materielle Ausrüstungsgüter nachlässt, nimmt die Bedeutung von Investitionen in immaterielles Kapital zu. Etwa um die Jahrtausendwende haben in den Vereinigten Staaten die Investitionen in immaterielles Kapital die Investitionen in Sachkapital überschritten. Die Industriegesellschaft verwandelt sich in eine Wissensgesellschaft.

          Was zählt zum immateriellen Kapital? Fachleute rechnen dazu Wissenskapital, Organisationskapital und sogenanntes Informationskapital. Wissenskapital beinhaltet Ausgaben für Forschung und Entwicklung, Organisationskapital Ausgaben unter anderem für Markenpflege, Weiterbildung des Personals oder Aufträge an Berater. Zum Informationskapital werden Investitionen in Software, Datenbanken und andere IT-Produkte gezählt.

          Welche Folgen hat dies für die Finanzbranche? Die Zunahme immateriellen Kapitals relativiert die Bedeutung der Unternehmenskredite für Banken. Denn die Bildung immateriellen Kapitals erfordert weniger Geld als der Bau und die Ausrüstung einer großen Fabrik. Und dort, wo Finanzierungsbedarf entsteht, kommen Kredite meist nicht in Frage, da sich immaterielles Kapital selten als Sicherheiten eignet und sich seine Rendite nur schwer schätzen lässt. Immaterielles Kapital entsteht überwiegend durch Beschäftigung hochqualifizierter Menschen. Eine Möglichkeit von deren „Finanzierung“ besteht darin, sie mit Aktien des eigenen Unternehmens an ihrem Erfolg zu beteiligen. Dafür braucht man keine Bank.

          Doch die Banken reduzieren nicht einfach ihr Geschäft, weil sie weniger Kredite an Unternehmen vergeben. Stattdessen suchen sie, andere Geschäfte auszubauen. Ein Blick in amerikanische Bilanzen erklärt, wie Banken den Rückgang an Unternehmenskrediten durch eine größere Zahl von Immobilienkrediten und Käufe von Wertpapieren mit zumeist guter Bonität, aber auch von Aktien, ersetzt haben. Dies gilt auch anderswo: Daten für die Industrienationen zeigen, dass seit dem Jahre 1980 die Wachstumsrate der Immobilienkredite die Wachstumsrate der Kredite an Unternehmen übertrifft. „Das Kerngeschäft vieler Banken in Industrienationen ähnelt heute einem Immobilienfonds“, schreiben die Ökonomen Òscar Jordà, Moritz Schularick und Alan Taylor. „Sie leihen sich kurzfristig Geld von Kunden und an Kapitalmärkten und investieren es langfristig in den Immobilienmarkt.“

          Der Zusammenhang zwischen der digitalen Revolution und der großzügigen Vergabe von Immobilienkrediten bei geringem Eigenkapital vieler Banken wird in den zahlreichen Analysen der Finanzkrise meist nicht gesehen. Auch liefert die digitale Revolution eine Erklärung für die starke Nachfrage nach sicheren Wertpapieren in den vergangenen Jahrzehnten, die deren Rendite kräftig sinken ließ.

          Die wachsende Bedeutung immateriellen Kapitals wirft zudem ein Licht auf die bemerkenswerte Zunahme des Finanzvermögens amerikanischer Unternehmen. Apple ist nur ein Beispiel unter vielen. In den Jahren nach der Finanzkrise mag hohe wirtschaftliche Unsicherheit Unternehmen bewogen haben, aus Vorsicht ihre liquiden Finanzvermögen auszubauen. Zudem dürften die Rezession des Jahres 2009 und der zögerliche Aufschwung seitdem das Interesse an Investitionen in Sachkapital gedämpft haben.

          Aber die Finanzkrise erklärt nicht allein die hohen Finanzvermögen, denn der Trend begann früher: Zwischen 1970 und 2010 ist der Anteil liquiden Finanzvermögens an den Bilanzen amerikanischer Unternehmen von 8 auf 22 Prozent gestiegen. Dieser Aufbau lässt sich vor allem in Unternehmen mit hohen Ausgaben für Forschung und Entwicklung zeigen: Dies stützt die These, dass die Bildung immateriellen Kapitals die Haltung hoher Finanzvermögen begünstigt, weil Ausgaben für Forschung und Entwicklung eher mit eigenem Geld als mit Bankkrediten finanziert werden müssen.

          Das Wachstum der Finanzvermögen in Unternehmen erweist sich als ein Treiber der Vermögensverwaltung durch das Finanzgewerbe, an dem auch in Deutschland neben spezialisierten Anbietern immer mehr Banken teilhaben wollen. So hat die Anbindung der ehemals selbständigen Sparte Kapitalmarkt an die Sparte Unternehmenskunden in der Commerzbank ebenso einen strategischen Sinn wie die Herausstellung des bisher eher diskreten Geschäftsbereichs „Transaktionsbank“ durch John Cryan, den Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank. Denn in der „Transaktionsbank“ befindet sich unter anderem die Verwaltung kurzfristiger Gelder von Unternehmen.

          Da Unternehmen häufig Großkunden mit günstigen Konditionen sind, nehmen so zwar die Vermögensverwaltern angebotenen Gelder zu, aber gleichzeitig leiden die Verwalter unter einem Druck auf ihre Gewinnmarge. Insoweit trägt die digitale Revolution über die wachsenden Finanzvermögen von Unternehmen auch zur Bildung größerer Geschäftseinheiten im Finanzgewerbe bei.

          Woher kommen diese Finanzvermögen? Ihre Bildung wird begünstigt durch einen dritten Trend, zu dem die digitale Revolution beiträgt und der erhebliche Folgen auch für das Zinsniveau besitzt: Nicht nur in den Vereinigten Staaten sind in den vergangenen Jahrzehnten die Ersparnisse der Unternehmen gestiegen, wobei als Ersparnis der Unternehmen die einbehaltenen Gewinne betrachtet werden. Seit dem Jahre 1980 ist in der Welt der Anteil der Unternehmensersparnisse an der Wirtschaftsleistung (BIP) von unter 10 auf rund 15 Prozent gestiegen.

          Da sich die Unternehmen gleichzeitig mit teuren Investitionen in Sachvermögen zurückhalten, sind die Unternehmen gesamtwirtschaftlich Netto-Sparer (sie sparen mehr, als sie investieren) geworden – was im Gegensatz zu Lehrbüchern steht, in denen private Haushalte netto sparen und Unternehmen netto investieren. Die neue Rolle der Unternehmen als Netto-Sparer drückt den Zins und damit die Gewinnmöglichkeiten der Banken. Gelegentlich sagen Banker und Versicherer, der Zins sei heute so niedrig wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte. Das hängt auch damit zusammen, dass die Unternehmen – abgesehen von Kriegszeiten und schweren Wirtschaftskrisen – erstmals mehr sparen als investieren.

          Die digitale Revolution ist nur ein Grund für steigende Ersparnisse von Unternehmen, aber er ist ein wichtiger. Denn in vielen Unternehmen sind die Gewinne in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gestiegen, aber das Wachstum der Dividenden hat mit dem Gewinnwachstum selten Schritt gehalten. Daher versuchen nun sogenannte aktivistische Aktionäre, darunter Hedgefonds, Unternehmen mit hohen Finanzvermögen zu Sonderausschüttungen oder Aktienrückkäufen zu veranlassen.

          Fügt man die einzelnen Effekte wie Mosaiksteine zusammen, entsteht das Bild einer wachsenden Fragilität der Finanzbranche: Der Trend weg von der gut besicherten Sachinvestition zur Bildung immateriellen Kapitals und die Verwandlung der Unternehmen in Netto-Sparer drücken merklich auf den Zins. Der niedrige Zins treibt Vermögenspreise und erleichtert es Banken, Ersatzgeschäfte in Immobilien zu suchen. Die Vermögensverwaltung als Alternative zum traditionellen Zinsgeschäft der Banken erfordert zwar nicht viel Eigenkapital, aber sie verspricht nur wenigen Teilnehmern attraktive Renditen. Das Ergebnis ist ein latent fragiles, zu größeren Einheiten tendierendes Finanzgewerbe. Und da die digitale Revolution weitergeht, wird der starke Veränderungsdruck in der Finanzbranche weiter zunehmen. Da müssen Google und seine Konkurrenten gar nicht einmal selbst eine Banklizenz beantragen.

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