https://www.faz.net/-1qk-6m8g7
 

Attentate in Norwegen : Die Tat eines Irrsinnigen

  • -Aktualisiert am

Fassungslosigkeit über eine irrsinnige Tat: Ministerpräsident Stoltenberg und Überlebende im Dom von Oslo Bild: AFP

Es gibt Geschehnisse, die sind nicht zu kommentieren, über die ist nur nachzudenken, und allein das schon ist unbeschreiblich schmerzlich. Die einzige Kategorie, die auf den Massenmord in Norwegen passt, ist Wahnsinn.

          Es gibt Geschehnisse, die sind nicht zu kommentieren, über die ist nur nachzudenken, und allein das schon ist unbeschreiblich schmerzlich. Der Anschlag von Oslo und die Morde an sechsundachtzig Kindern und Jugendlichen auf der Insel Utoya sind der jüngste Höhepunkt in der endlos langen Reihe solcher nicht zu erklärender Geschehnisse. Diesmal ist es offensichtlich, dass mit den Kategorien der Vernunft eine Deutung derart gewaltiger Untaten nicht möglich ist. Das Handeln dieses Täters ist weder politisch noch gesellschaftlich, weder religiös noch esoterisch verständlich. Die einzige Kategorie, die darauf passt, ist Wahnsinn.

          Dies hat die Tat des Norwegers B. allerdings mit den Taten vieler anderer einzelner oder gemeinschaftlicher Täter gemein. Denn die Erklärungen, die in den letzten Jahrzehnten für viele Geschehnisse niedergeschrieben wurden, seien es die Morde der RAF, zahlreiche Anschläge in Israel, die Attentate in Oklahoma 1995 sowie New York und Washington 2001 und danach in Madrid und London oder die ungezählten Selbstmordattentate in Afghanistan und anderswo, sind doch nur scheinvernünftige Begründungen für den Irrsinn, der nur den Tätern selbst vernünftig erscheint. Die Beschreibungen erklären nichts, sie bringen weder die Beobachter zu besseren Erkenntnissen noch die potentiellen Täter zur Einsicht. Allenfalls die Sicherheitsbehörden gewinnen Anregungen für ihre vorbeugende Arbeit – in augenfällig unzureichender Weise.

          Wie irrsinnig der Täter von Oslo und Utoya ist, zeigt mehr als sein Handeln der Schlusspunkt, den er zu setzte: er ließ sich von der Polizei festnehmen – ohne sich einerseits zu wehren und damit seine Erschießung zu provozieren oder andererseits sich selbst zu erschießen. Ein Mensch, der im Alter von 32 Jahren, also jenseits von kindischer Uneinsichtigkeit und diesseits von Altersverstocktheit, eine Stunde lang auf Mädchen und Jungen geschossen hat und dabei das Töten beabsichtigt und wohl auch wahrgenommen hat, bildet sich also ein, mit dieser Last fortan leben zu können – und zwar, da es die Todesstrafe in Europa nicht gibt, über Jahrzehnte bis zu seinem natürlichen Ableben.

          Wenn sich nicht noch herausstellt, dass diesem Mann eine medizinisch aussichtslose Diagnose gestellt worden war, dann hat die Welt es hier mit einer Mischung aus unfassbarer Grausamkeit den Mitmenschen gegenüber und entlarvender Feigheit sich selbst gegenüber zu tun. Oder lebt er von dem Wahn, Gesinnungsgenossen würden ihn eines Tages aus der Haft befreien und auf ihren Schultern nach Brüssel oder Rom tragen?

          Hirnrissige Logik eines zum Massenmord entschlossenen Wahnsinnigen

          Daher ergibt der Blick auf die von dem späteren Massenmörder bestückten Internetseiten auch keinen wirklichen Aufschluss über die Gründe des Verbrechens. Was können die verstorbenen Staatsmänner Jefferson und Churchill dafür, dass der Norweger sie zitierte, was kann der legendäre Philosoph Mill dafür, dass ein zum Verbrecher Entschlossener sich auf ihn beruft? Der Rückgriff eines Menschen, der Kinder erschießt, auf das Christentum ist ebenso hirnrissig und aller Logik fern wie die Ermordung von Landsleuten durch einen, der die Nation zu schützen vorgibt.

          Wie der norwegische Rechtsstaat mit einem solchen Täter umgeht, welchem Verfahren er ihn unterwirft und auf welche Art er ihn inhaftiert, ist wichtig für die Handlungsfähigkeit des Staates, nicht jedoch für die Beurteilung und das Maß der Verwerflichkeit der Tat. In einem solchen Fall gibt es Recht nur im juristischen, nicht aber im gesellschaftsbefriedendem Sinne. Die Höhe der Strafe kann gar nicht in einem Verhältnis zum willkürlichen Auslöschen von dreiundneunzig Menschenleben stehen. Aber auch – an einem anderen Ort der Welt – die Verhängung der Todesstrafe wäre nicht wirklich gerecht. Hass und Rache mögen einen Einzelnen in eine mörderische Wut auf den Rest der Welt treiben, eine Gesellschaft wird aber gerade dadurch erst zur Gemeinschaft, dass sie solchen niedrigen individuellen Beweggründen keinen Raum gibt.

          Es ist aller Ehren und Mühen wert, darüber nachzudenken, wie solche Taten in Zukunft verhindert werden können. Aussichtslos ist das nicht, wie der Fall der Kofferbomber in Deutschland gezeigt hat. Auch wenn keine Erfolgsgarantie erreicht werden kann, so gibt es doch zwei Wege, dem Ziel näher zu kommen. Der erste ist eine wesentlich ausgebreitete Beobachtung des Internets, das offenbar zum Ankündigungs- und in gewisser Weise sogar zum Übungsfeld von zum Massenmord entschlossenen Wahnsinnigen geworden ist.

          Da die Behörden dies allein nicht leisten können, wird es darauf ankommen, dass auch einfache Bürger ihre Beobachtungen melden – bei Weltverbesserungsfanatikern genauso wie bei Kinderpornografie. Der zweite Weg ist eine ständige Verbesserung und Vertiefung der Polizeiarbeit. Wäre die norwegische Polizei, die durch den Anschlag in der Osloer Innenstadt schon gefordert war, rascher auf die Insel Utoya gelangt, wären vielleicht einige Kinder mehr mit dem Leben davongekommen. Die Staaten müssen damit rechnen, dass mit der Zahl der Menschen auf der Welt der Wahnsinn nicht seltener, sondern häufiger alle Dämme bricht. Zwar sucht der Wahnsinnige sich seine Vorwände weltweit, aber er antwortet nicht auf seine Umwelt, sondern auf seine eigensten Störungen.

          Topmeldungen

          „Fridays for Future“-Demonstration vom vergangenen Freitag in Berlin

          „Fridays for Future“ : Glaube an die eigene Macht

          Eine Studie zeigt, wie die Demonstranten der „Fridays for Future“-Proteste ticken. Was ihre Motive sind, welchen sozialen Hintergrund sie haben – und für welche Parteien sie stimmen würden.