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Verlagsspezial

: Panik schadet dem Klimaschutz

  • -Aktualisiert am

Bild: solarseven/iStock

Stahlerzeuger verdienen eine rationale Bewertung ihrer Bedeutung für die Energiewende. Ein Kommentar.

          Panik! Mit diesem Aufschrei trifft Greta Thunberg in die Herzen ihrer Altersgenossen. Jeden Freitag protestieren Schüler zu Hundertausenden gegen die Zerstörung ihres künftigen Lebensraums. Sie fordern eine radikale Politikwende hin zu einem durchgreifenden Klimaschutz.

          „Ich will, dass Ihr in Panik geratet, die Angst spürt, die ich jeden Tag spüre“, lautet Gretas drastischer Weckruf. Die junge Schwedin bezeichnet zu Recht die Klimakrise als komplexeste Herausforderung, der die Menschheit je gegenüberstand. Panik ist in dieser Lage freilich unangebracht. Denn diese Emotion macht blind und kopflos. So darf man nicht den Kampf gegen die erschreckenden Folgen des Klimawandels angehen.
          Aber auch ohne Panik findet Deutschland zwei Jahrzehnte nach Inkrafttreten des Erneuerbaren Energien Gesetzes (EEG) noch immer nicht zu einer konsistenten Strategie. Zwar kommt der Ausbau der regenerativen Erzeugungskapazität voran. Dennoch würde es an sehr vielen Tagen vor Sonnenaufgang und nach Sonnenuntergang ohne Atom- und Kohlestrom düster aussehen.

          Strompreis gefährdet Stahlbranche

          Hunderte von Milliarden Euro sind ohne nennenswerte Wirkung in den Kampf gegen die Erderwärmung geflossen. Aber die für die Energiewende dringend erforderliche neue Speichertechnologie ist weiterhin ein unbestimmter Hoffnungswert. Außerdem ist der für die Regionen mit noch hohem Anteil an Atom- oder Kohlestrom unverzichtbare Ausbau der Hochspannungsleitungen hoffnungslos in Verzug.

          Bisher hat Deutschland in der erträumten Rolle als Vorreiter einer nachhaltigen globalen Energiewende kläglich gepatzt. Der überwiegende Teil der Bevölkerung sieht zwar die menschengemachte Erderwärmung als Faktum und hält einen verstärkten Klimaschutz für erforderlich. Nur über das Wie gibt es keinerlei Einvernehmen. Alles, was Teil einer Energiewende sein könnte, wird zerredet. Zum Thema Elektroauto oder Dieselmotor lässt sich ebenso trefflich streiten wie über die Vor- und Nachteile der Windenergie zu Wasser oder zu Lande. Typisch ist dabei nicht der sachliche Diskurs, sondern ein Krieg zwischen Statistiken, Forderungen, Wünschen und Hoffnungen. Der von solch energie- und klimapolitischer Kakophonie getriebene Aktionismus der Politik scheint weniger der Angst vor Klimaschäden als der Sorge um einen Wählerschwund geschuldet.

          Ein anderer Störfaktor für eine nachhaltige Klimapolitik ist die Kostenfrage. Nicht dass hierzulande geknausert würde. Die von der Politik dem Strom aufgebürdeten Lasten – also Stromsteuer, die EEG-Umlage und die politisch implizierte massive Verteuerung der Netze – haben Elektrizität für Haushalte und Wirtschaft so teuer gemacht wie fast nirgendwo sonst in der Welt. Nach der Strommarktliberalisierung 1998, die eigentlich Strom hätte preiswerter machen sollen, hat der Staat vor allem in den privaten Haushalten einige hundert Milliarden Euro abkassiert. Es gab Phasen, in denen die Medien das neue Phänomen der Stromarmut – gesperrte Stromanschlüsse – beschrieben. Aber noch ist den verantwortlichen Politikern der geballte Bürgerzorn erspart geblieben.
          Für die Wirtschaft, insbesondere die energieintensiven Unternehmen, sind die Stromkosten, speziell der in einer Dekade verdoppelte Industriestrompreis, ein größeres Ärgernis. Die Stahlindustrie gehört zu den durch eine unreflektierte Politik ganz besonders gefährdeten Branchen. Die Stahlkocher müssen nicht nur für wettbewerbsfähige Strompreise, sondern auch gegen rasant anziehende „Verschmutzungskosten“ kämpfen. Gemeint sind die Handelszertifikate für
          CO2-Emissionen, die aufgrund chemischer Prozesse in den Hochöfen besonders hoch sind. Bei der Einführung des Emissionshandels in der EU war klar, dass die Stahlproduzenten ohne Kompensation solcher Kosten von der vom Emissionshandel unbelasteten globalen Konkurrenz schnell vom Markt gefegt würden. Aber von der damals versprochenen Rücksichtnahme ist nichts mehr zu erkennen. Die österreichische Voest, ein hochspezialisierter Technologiekonzern, hat unlängst dargelegt, wie sich die jährlichen Kosten der Stahlerzeugung bei – politisch gewollt – kräftig anziehenden Zertifikatspreisen von zuletzt aufgewendeten 25 Millionen Euro im nächsten Jahrzehnt durchaus verzehnfachen könnten. Was das Ende der Stahlerzeugung im Unternehmen bedeuten würde.
          Die bisher von der europäischen Politik vorgesehenen Entlastungen für vergleichsweise emissionsarm arbeitende Anlagen sind nicht gerade ermutigend. Wie auch die Hoffnung, dass innerhalb der Europäischen Union die Verwendung von CO2-armem Stahl sichergestellt wird, kaum Erfolgsaussichten hat.

          Bausteine für die Energiewende

          So geht die Stahlindustrie einer Phase entgegen, in der die Politik – ohne Panik – entscheiden muss, ob in der EU das Überleben von Stahlproduzenten gesichert werden soll. Fakt ist, dass die von den meisten Produzenten erforschten Verfahren zur CO2-armen Stahlerzeugung noch mehr als ein Jahrzehnt bis zum Markteinsatz benötigen.

          In Bevölkerung und Politik gibt es den Vorwurf: Die Stahlindustrie ist an den anschwellenden Klimakosten doch selber schuld. Sie hätte viel früher mit der Entwicklung neuer Technologie beginnen müssen. Diese Einstellung wäre freilich für das Klima doppelt nachteilig. Wenn den Stahlproduzenten ein Kostenausgleich im Emissionshandel verweigert und so ihr Untergang hingenommen wird, ist das für das globale Klima von Nachteil. Zum einen haben die meisten hiesigen Unternehmen bereits die klimaschädlichen Emissionen stärker gedrosselt, als das in der vom Emissionshandel unbelasteten übrigen Welt üblich ist. Zum anderen würde die in der EU eingeleitete Suche nach klimaschonenden Alternativen wegen der erforderlichen gewaltigen Investitionen zumindest für geraume Zeit vertagt.

          Aber wichtiger noch: Bei der politischen Bewertung einer heimischen Stahlindustrie sollte stärker die Rolle dieses Werkstoffes bei der Umsetzung der Energiewende gewürdigt werden. In dem durch die weltweiten Überkapazitäten erzwungenen Restrukturierungsprozess haben sich die meisten europäischen und insbesondere die deutschen Stahlstandorte auf hochwertige Spezialitäten konzentriert. Ob in der Energieerzeugung oder der Mobilität, liefert modernster Stahl und liefern High-Tech-Stahllegierungen unverzichtbare Bausteine für Energiewende und Klimaschutz. Für die verarbeitenden Unternehmen, die in der bewährten Wertschöpfungskette solche neuen Produkte fertigen, wäre der Ausfall der heimischen Werkstoffproduktion gewiss ein gravierendes Hindernis.

          Im Sinne der Schülerbewegung für eine nachhaltige Klimapolitik ist es angebracht, dass sich Berlin und Brüssel bald mit der Zukunft der Stahlindustrie befassen. Denn die Erneuerung der Stahlerzeugungsprozesse erfordert gigantische Investitionen. Und wenn die Stahlkocher weiter durch anschwellende Kosten ausgelaugt werden, wird die finanzielle Kraft für diesen Aufbruch verlorengehen.

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