https://www.faz.net/-isd-9mxru
Verlagsspezial

Interview : „China hat die eigenen Strukturprobleme exportiert“

  • Aktualisiert am

Hans Jürgen Kerkhoff, Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl Bild: WV Stahl

Hans Jürgen Kerkhoff, Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl, über die Herausforderungen durch weltweite Überkapazitäten, amerikanische Strafzölle und die Transformation der Stahlindustrie.

          Herr Kerkhoff, weltweit wird viel mehr Stahl erzeugt, als benötigt wird. Und die chinesischen Stahlkocher produzieren nicht nur große Mengen, sondern auch zu unschlagbar günstigen Preisen. Jetzt droht auch ein Handelskrieg. Was ist gefährlicher, der Protektionismus oder die Überkapazitäten?
          Wir warnen bereits seit langer Zeit vor den Folgen der Verwerfungen auf den globalen Stahlmärkten. Die in vielen Ländern aufgebauten Handelshemmnisse beispielsweise in Form von Einfuhrzöllen oder „Buy-national“-Verpflichtungen sind nicht zuletzt vor dem Hintergrund der wachsenden globalen Überkapazitäten eingeführt worden. Besonders China hat in den vergangenen Jahren auch durch Subventionen dafür gesorgt, dass die eigenen Strukturprobleme exportiert wurden. Daher ist es richtig, dass das G-20-Forum zu Stahlüberkapazitäten eingesetzt wurde. Wir brauchen multilaterale Lösungen, die an den Wurzeln des Problems ansetzen. Ein unilateraler, nicht regelgebundener Kurs, wie ihn die Vereinigten Staaten verfolgen, hilft niemandem weiter.

          Seit Juni des vergangenen Jahres werden 25 Prozent Aufschlag für Stahllieferungen in die Vereinigten Staaten erhoben. Seitdem sind die Exporte in die Vereinigten Staaten deutlich zurückgegangen, während die Einfuhren in der Europäischen Union (EU) sprunghaft gestiegen sind. In welchem Maß schädigen die Strafzölle Deutschland?
          Welche Auswirkungen die US-Handelspolitik auf die Stahlindustrie in Deutschland und Europa hat, lässt sich eindrucksvoll mit Zahlen belegen. Während die Stahlimporte in die Vereinigten Staaten 2018 im Vergleich zum Vorjahr um 10 Prozent sanken, sind die Importe in die EU um 11 Prozent angestiegen. Das ist ein Plus von 4,5 Millionen Tonnen. Besonders hat sich der Einfuhrdruck aus der Türkei verschärft. Die Einfuhren aus der Türkei in die EU lagen 2018 im Durchschnitt um mehr als 50 Prozent höher als im Vorjahr. Bei einigen Produktgruppen betrug der Unterschied sogar mehr als 100 Prozent. Es ist kein Zufall, dass sich die Stahlkonjunktur im ersten Quartal eher verhalten präsentiert hat.  

          Gegen Handelsumlenkungen schützt die EU die deutsche Stahlindustrie durch Schutzklausel-Maßnahmen, den sogenannten Safeguards. Sind die Maßnahmen ausreichend?
          Generell war es richtig und wichtig, dass die EU-Mitgliedstaaten Anfang des Jahres endgültige Safeguard-Maßnahmen verhängt haben. Ziel dabei ist es, die massiven Handels­umlenkungen in den europäischen Markt infolge der amerikanischen Maßnahmen einzudämmen und gleichzeitig die traditionellen Lieferströme zu erhalten. Dieses Ziel würde jedoch verfehlt, sollte die EU-Kommission an ihren Plänen festhalten, die Zollkontingente jährlich um 5 Prozent zu erhöhen. In einer Zeit, in der sich die Stahlkonjunktur eintrübt, würde die Wirksamkeit des Instruments mit einer solchen Maßnahme entschieden verwässert werden. Nachdem es bereits im Februar eine Erhöhung gegeben hat, lehnt die Stahlindustrie weitere Aufweichungen der Maßnahmen im Juli ab.

          Bisher zählt die Stahlindustrie mit fast einem Drittel der Emissionen zu den industriellen Hauptverursachern von CO2 in Deutschland. Bis 2050 will die EU die CO2-Emissionen auf null reduzieren. Wie muss, wie kann sich die deutsche Stahlbranche verändern?
          Die Stahlindustrie in Deutschland bekennt sich zu den Pariser Klimaschutzzielen und leistet bereits einen großen Beitrag für Umwelt- und Klimaschutz. Die Branche hat ihre Emissionen seit 1990 um mehr als 20 Prozent gesenkt.
          Klar ist jedoch auch, dass wir in den bestehenden Produktionsprozessen die technischen Grenzen erreicht haben. Den eingeschlagenen Weg zu einer CO2-neutralen Wirtschaft mitzugehen bedeutet für die Stahlindustrie einen massiven Umbruch in der Produktionsweise der Primärstahlerzeugung. Zur Forschung, aber auch der ersten Umsetzung laufen bei den Stahlunternehmen dazu vielfältige Projekte. Was es nun braucht, sind politische Rahmenbedingungen, um diese Bemühungen zu flankieren. Es muss gelingen, eine ökonomische Perspektive für eine Umstellung auf CO2-arme Produktionsweisen zu schaffen – denn diese sind mit erheblichen Mehrkosten im Vergleich zu den internationalen Wettbewerbern verbunden. Eine CO2-arme Stahlerzeugung in Deutschland und Europa ergibt nur dann Sinn, wenn auch die Verwendung des CO2-arm produzierten Stahls sichergestellt wird.

          Deutschland hat nicht nur nationale Ziele, sondern Verpflichtungen innerhalb der EU. Werden diese verfehlt, muss Berlin Verschmutzungsrechte zukaufen; das könnte für den Steuerzahler teuer werden. Welche Stellschrauben sind entscheidend, damit die deutsche Stahlindustrie weiterhin wettbewerbsfähig bleibt?
          Die Stahlindustrie nimmt am europäischen Emissionsrechtehandel teil. Die Regelung, dass die Bundesregierung bei Zielverfehlungen Zertifikate kaufen muss, gilt für diesen Bereich nicht. Allerdings werden der Stahlindustrie im kommenden Jahrzehnt bei der Zuteilung durchschnittlich 20 Prozent der benötigten Emissionsrechte fehlen, im Jahr 2030 sogar 30 Prozent. Die Kosten für den Kauf dieser Zertifikate wird nach unserer Schätzung über den Zeitraum 2021 bis 2030 bei 3,5 Milliarden Euro liegen. Hinzu kommen die durch den Emissionshandel bedingten massiven Strompreissteigerungen. Es bedarf daher einer umfassenden Kompensationsregelung, um diese Mehrkosten auszugleichen.

          Stahl ist ein Werkstoff, der verlustfrei immer wieder recycelt werden kann. Wie funktioniert die Kreislaufwirtschaft?
          Stahl ist mit seinen Eigenschaften für eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft geradezu geschaffen. Als „Permanent Material“ findet er immer wieder neues Leben in den verschiedensten Anwendungen. So kann eine recycelte Büroklammer in der nächsten Verwendung Teil einer Lebensmitteldose sein, die am Ende ihres Lebenszyklus wiederum recycelt werden kann. Dieses Multirecycling ist im Vergleich mit anderen Werkstoffen einzigartig. Dazu ist Stahl nicht zuletzt aufgrund seiner magnetischen Eigenschaften hervorragend aus Produkten am Ende der Gebrauchszeit beziehungsweise aus Abfallströmen separierbar. Dementsprechend werden sehr hohe Recyclingquoten erreicht.

          Als Konstruktionswerkstoff Nummer 1 ist Stahl für eine emissionsarme Welt unverzichtbar. Warum?
          Stahl ist fester Bestandteil unseres alltäglichen Lebens. Denn Stahl trägt unsere Energieversorgung, die Infrastruktur oder auch die Mobilität. Die mehr als 30 000 Windenergieanlagen in Deutschland bestehen zu 80 Prozent aus diesem Werkstoff. Und auch Träger für Sonnenkollektoren oder Turbinen in Wasser- und Wellenkraftwerken sind ohne Stahl nicht denkbar. Zudem leistet der Werkstoff in anderen Anwendungen, wie zum Beispiel im Leichtbau oder in effizienten E-Antrieben, einen Beitrag zum Klimaschutz. So hat eine Studie der Boston Consulting Group ergeben, dass innovative Stähle bis zu sechsmal so viel CO2 einsparen, wie ihre Produktion verursacht. Hinzu kommt die Recyclingfähigkeit. Denn je häufiger der Werkstoff recycelt wird, desto kleiner wird sein ökologischer Fußabdruck.

          Die Automobil-Industrie ist ein wichtiger Abnehmer der Stahlbranche und verändert sich derzeit stark. Ist die Stahlbranche hierauf vorbereitet?
          Die Stahlindustrie in Deutschland ist eine High-Tech-Branche und trägt mit ihren Lösungen auch immer dazu bei, Herausforderungen in den Abnehmerbranchen zu lösen. Das liegt auch daran, dass er im Vergleich zu anderen Werkstoffen oftmals mit großem Abstand die wirtschaftlichste Lösung ist. Was die Zukunft der Mobilität angeht, ist für uns klar: Stahl wird immer Teil der Lösung sein. So findet er auch seinen Platz zum Beispiel in der Elektromobilität, als Elektroblech in den Antriebsmotoren oder als hochfeste Stähle für den Schutz der Batterien.

          Das Interview führte Dirk Mewis.

          Topmeldungen

          : Die Stahlproduktion soll grüner werden

          Bisher gehören CO2-Emissionen zur Stahlherstellung wie der Verbrennungsmotor zum Auto. Jetzt arbeiten die Produzenten mit Hochdruck an umweltfreundlicheren Verfahren. Für die Branche beginnt ein Rennen gegen die Zeit.
          Autos: Leichte und crashsichere Fahrzeuge wären ohne hoch-  und neuerdings ultrahochfeste Stahlbleche kaum möglich.

          : Kollaboration in Stahl

          Ob Verbrenner oder E-Fahrzeug: Wirtschaftlicher Fahrzeugleichtbau in der Großserienfertigung ist ohne innovative Stähle nicht darstellbar. Stahlhersteller und Stahlverarbeiter kooperieren, um Blechdicken durch den Einsatz neuer hoch- und höchstfester Stähle weiter zu reduzieren und selbst massiv umgeformte Komponenten gewichtsparend zu fertigen.

          : Stahlsorten nach Rezept

          Grundlagenforschung betreiben heißt, sich erst einmal nicht um den wirtschaftlichen Nutzen oder mögliche praktische Anwendungen einer neuen Erkenntnis zu kümmern. Weil man beim Max-Planck-Institut für Eisenforschung (MPIE) aber den engen Kontakt zur Stahlindustrie braucht, rücken auch deren Bedürfnisse schon früh in den Blick der Wissenschaftler.

          : Stahlschrott ist Rohstoff

          Stahl wird nicht verbraucht, sondern immer wieder neu genutzt. Im Kreislauf entsteht aus Schrott qualitativ hochwertiger Stahl. Die Kreislaufwirtschaft führt zu einer höheren Ressourceneffizienz.