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Verlagsspezial

: „Ein Hoch auf die deutsche Langeweile“

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„Die Binnennachfrage steigt stetig, und der Außenhandel wächst Jahr für Jahr – im vergangenen Jahr haben die deutschen Exporte wieder einmal Rekordwerte erreicht“, sagt Andreas Glunz, Bereichsvorstand International Business bei der KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Bild: Zerophoto_stock.adobe.com

Die Konjunktur hierzulande boomt – eine Tatsache, die dafür sorgt, dass der Wirtschaftsstandort für ausländische Investoren immer attraktiver wird. Warum das so ist, erklärt Andreas Glunz (KPMG) im Interview.

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          Herr Glunz, wie ist es um den Standort Deutschland derzeit bestellt?
          Sehr gut. Die Binnennachfrage steigt stetig, und der Außenhandel wächst Jahr für Jahr – im vergangenen Jahr haben die deutschen Exporte wieder einmal Rekordwerte erreicht. Deutschland zählt nach wie vor zu den Top-Wirtschaftsstandorten – und das nicht nur in Europa, sondern weltweit. Man kann zudem durchaus sagen: Deutschland ist und bleibt in wirtschaftlicher Hinsicht ein sicherer Hafen – gerade auch in eher unsicheren Zeiten wie aktuell.

          Und wie sieht es beim Investitionsklima aus?
          Hier sind die Aussichten ebenfalls sehr gut. Fakt ist: Deutschland ist nicht umsonst nach den Vereinigten Staaten, Großbritannien und China weltweit das viertbeliebteste Investi­tionsziel ausländischer Investoren. Gerade für ausländische Konzerne ist unser Land ein attraktiver Standort, an dem sie sich gerne ansiedeln. Das zeigen auch die Ergebnisse unserer Studie „Business Destination Germany 2018“, für die wir 529 CFOs deutscher Tochterunternehmen ausländischer Konzerne befragt haben. Deutschland ist demnach nicht nur ein attraktiver Standort für Neuinvestitionen. Die Unternehmen, die bereits hier vertreten sind, wollen nachlegen. 95 Prozent der befragten ausländischen Unternehmen wollen in den kommenden drei Jahren weiter kräftig in Deutschland investieren. Knapp ein Drittel von ihnen möchte mindestens zehn Millionen Euro, 40 Prozent immerhin noch zwischen einer und zehn Millionen Euro jährlich hierzulande investieren. Man kann also durchaus sagen, dass ausländische Unternehmen gar nicht genug vom Wirtschaftsstandort Deutschland bekommen.

          Warum ist das so?
          Das Vertrauen verdanken wir zum einen den exzellenten Rahmenbedingungen. Deutschland verfügt über ein umfangreich ausgebautes Straßen- und Schienennetz, eine gesicherte Energieversorgung und – trotz der doch unerwartet zähen und zeitraubenden Koalitionsbildung – auch in der Politik über eine Stabilität, um die uns viele Länder beneiden. Stabilität ist darüber hinaus ein gutes Stichwort, wenn es um einen weiteren Faktor geht, der nicht zu unterschätzen ist: Die „German Gründlichkeit“. Auch wenn deutsche Eigenheiten wie eben Stabilität, Verlässlichkeit und Ordnung im Ausland mitunter als langweilig belächelt werden, sorgen sie wirtschaftlich für große Erfolge. Sehen Sie: Kein anderes Land kam so gut durch die Weltwirtschaftskrise, und kein anderes Land konnte sogar von ihr profitieren. Oder anders formuliert: Man kann ruhig auch einmal ein Hoch auf die vermeintliche deutsche Langeweile ausrufen.

          Aus welchen Ländern zieht es die meisten Investoren zu uns?
          Unternehmen aus den Vereinigten Staaten investieren mit Abstand am meisten in Deutschland. Dahinter folgen die Schweiz, Großbritannien und Frankreich. China befindet sich im Investoren-Ranking bereits an fünfter Stelle, und ich rechne damit, dass das Land langfristig weiter vorrücken wird. Spannend wird aber auch die Frage sein, wie sich die Investitionen britischer Unternehmen in Deutschland entwickeln. Durch den Brexit verlieren sie den freien Zugang zum EU-Binnenmarkt. Deutschland ist aber als Markt so bedeutend, dass die britischen Unternehmen ihre Investitionen hierzulande nicht zurückfahren können. Das gilt auch international: Lediglich neun Prozent der in Deutschland ansässigen internationalen ­Unternehmen wollen wegen des Brexits weniger investieren, fünf Prozent sogar mehr.

           Andreas Glunz, Bereichsvorstand International Business bei der KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft

          Eine Neugründung in Deutschland oder die Übernahme eines deutschen Unternehmens fällt ausländischen Unternehmen leichter. Warum ist das so?
          Das liegt daran, dass die ausländischen Unternehmen in Deutschland starke Wirtschafts-Communitys aus ihren Ländern vorfinden. Denken Sie etwa daran, dass sich die größte japanische Community Europas in Düsseldorf befindet oder die amerikanische Handelskammer in Deutschland mit rund 3000 Mitgliedern und elf Standorten ebenfalls die größte in Europa ist. Das erleichtert natürlich den Zugang.

          Viele der befragten Unternehmen finden, dass sie das Potential des Wirtschaftsstandorts noch nicht voll ausschöpfen. Wie lässt sich das ändern?
          Etwa, indem einige deutschlandspezifische Herausforderungen angegangen werden, wie zum Beispiel das aus Sicht der ausländischen Unternehmen zu komplizierte Steuersystem. Jeder fünfte befragte CFO hält das deutsche Steuermodell für eines der schlechtesten fünf in der EU. Auffallend ist, dass die Kritik vor allem von Unternehmen aus Ländern mit einem vermeintlich einfacheren Steuersystem kommt – also etwa Großbritannien, der Schweiz oder den Niederlanden. Ein weiteres Problem für die Tochterunternehmen ausländischer Konzerne ist der hierzulande im internationalen Vergleich sehr streng gehandhabte Datenschutz. Die deutschen Regelungen sind beispielsweise deutlich schärfer als in den Vereinigten Staaten, was für amerikanische Unternehmen im Umkehrschluss einen erheblichen Mehraufwand bedeutet.

          Vor allem in der IT-Branche herrscht in Deutschland gerade eins: Fachkräftemangel. Sehen ausländische Investoren dies als besondere Herausforderung?
          Hier wird Deutschlands Erfolg zum Problem – gerade für ausländische Unternehmen. Sie werden durch die anhaltend positive Entwicklung auf dem deutschen Arbeitsmarkt vor immer größere Herausforderungen gestellt. Im Wettbewerb um die hochqualifizierten jungen Menschen, die jedes Jahr die Universitäten und Ausbildungsstätten in Deutschland verlassen, haben ausländische Unternehmen mit dem Nachteil zu kämpfen, dass ihre deutschen Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt ein gutes Standing haben, bekannt und beliebt sind. Ausländische Unternehmen sollten daher frühzeitig über zusätzliche Investitionen in ihr Employer Branding und die Personalfindung nachdenken und ihre regionale Standortpolitik prüfen.

          Sie haben gerade die Hochschullandschaft hierzulande angesprochen. Die polyzentrische Forschungslandschaft mit ihren über die gesamte Bundesrepublik verstreuten Clusterinitiativen zieht Mittelständler aus dem Ausland an. Haben wir hier einen klaren Vorteil?
          Auf jeden Fall. 64 Prozent, also fast zwei Drittel der befragten CFOs, halten die deutsche Forschungslandschaft sogar für eine der fünf besten in Europa. Die exzellente Hochschullandschaft in Deutschland ist aber nicht nur mit dem Blick auf erstklassig ausgebildete Fachkräfte von Vorteil. Sie trägt auch dazu bei, dass Deutschland für ausländische Unternehmen ein hochattraktiver Forschungsstandort ist. Nahezu jedes dritte befragte Tochterunternehmen ausländischer Konzerne forscht hierzulande.

          Eine kurze abschließende Einschätzung: Was muss Deutschland tun, damit es seine Rolle als wichtiger Investitionsstandort weiter ausbauen kann?
          Deutschland darf sich auf keinen Fall in Selbstzufriedenheit zurücklehnen und auf seinem Erfolg ausruhen. Ein Verzicht auf weitere Reformen wäre fatal. Denn die Wirtschaft ist und bleibt ein mobiles und durchaus volatiles System.

          Andreas Glunz ist Wirtschaftsprüfer bei der KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft und Vorstand für den Bereich International Business.

          Das Interview führte Sabine Simon.

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