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Interview : „Es braucht eine klare Vision“

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Bild links: Prof. Dr. Volker Amelung hat seit 2001 eine Professur für Internationale Gesundheitssystemforschung an der Medizinischen Hochschule Hannover und ist Gründer des inav – privates Institut für angewandte Versorgungsforschung in Berlin. Von 2007 bis 2022 war er Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Managed Care e.V. (BMC). Bild rechts: Inga Bergen ist Expertin für human zentrierte Digitalisierung und Innovation im Gesundheitswesen. Sie hat als CEO die Digital Health-Unternehmen welldoo und magnosco aufgebaut und ist in zahlreichen Beiratsfunktionen aktiv. Ihr Podcast Visionäre der Gesundheit erreichte bereits über 300.000 Hörer, sie moderiert, schreibt und referiert regelmäßig zu den Themen Gesundheit und Digitalisierung. Bild: Bild links: INAV | Bild rechts: Katja Hentschel

Zwar hat die Digitalisierung im Gesundheitswesen durch die Pandemie Aufwind erhalten, dennoch gibt es weiterhin Nachholbedarf. Ein Gespräch mit Inga Bergen und Volker Amelung über die Nutzung von Daten, Chancen für die Versorgung und Möglichkeiten, die sich aus dem Innovationsfonds ergeben.

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          Herr Professor Amelung, eineinhalb Jahrzehnte führten Sie als Vorstandsvorsitzender den Bundesverband Managed Care. Welche großen Entwicklungen haben unser Gesundheitswesen in dieser Zeit verändert?
          Volker Amelung: Zwar ist das Gesundheitswesen noch immer von Silostrukturen geprägt, aber es wurde in den vergangenen 15 Jahren an vielen Stellen wesentlich durchlässiger. Es gibt mehr Dialog und Austausch unter den Akteuren. Ausgerechnet die Digitalisierung ist aber ein Paradebeispiel für ein Vorhaben, in dem dieser Dialog nicht in ausreichendem Maße stattfand. Dass wir mit der elektronischen Patientenakte oder mit dem E-Rezept noch nicht weit genug gekommen sind, liegt auch daran, dass die Ärzteschaft nicht von Beginn an ins Boot geholt wurde. Es gibt keinerlei Mehrwert für die einzelne Arztpraxis und damit auch keinen Anreiz, diese Themen voranzutreiben.

          Frau Bergen, in Sachen Digitalisierung geht es dank der Pandemie schneller voran. Wie können Sie die letzten Skeptiker in Gesellschaft und Fachkreisen überzeugen?
          Inga Bergen: Wir müssen den Nutzen in den Vordergrund stellen, weg vom Fokus auf das, was nicht läuft. Die Pandemie hat Versäumnisse der Digitalisierung an die Oberfläche gespült und gezeigt, dass es in Deutschland sehr schwierig ist, öffentliche Prozesse im Gesundheitswesen zu digitalisieren. Aus meiner Sicht brauchen wir zwei Dinge: eine klare Vision, was Digitalisierung im Gesundheitswesen ermöglichen kann – sie kann buchstäblich Leben retten, wenn alle Patientendaten in der Notaufnahme verfügbar sind oder Daten bisher verborgene Zusammenhänge aufdecken. Sie kann Betroffene durch eine schwere Zeit begleiten und bewirken, dass ältere Menschen länger in ihren eigenen vier Wänden leben können. Sie kann Pflegekräften und Ärzten bürokratische Arbeit abnehmen. Die Vision muss sich am wirklichen Nutzen für Menschen orientieren. Und wir brauchen starke Führungspersönlichkeiten, die Menschen abholen und mit dieser Vision begeistern können, aber auch Widerstände aufbrechen.

          Digitalisierung im Gesundheitswesen hat sich zu oft an den Bedürfnissen von den zahlreichen Gremien und Arbeitsgruppen im Gesundheitswesen orientiert und nicht am dementen Rentner oder der überlasteten Pflegekraft im Schichtdienst. Und wir müssen verstehen: Wenn fehlgeleiteter Datenschutz zum Beispiel dazu führt, dass auch Digital Natives einen Anmeldeprozess als kompliziert empfinden, ist dies in unserer digitalisierten Welt nicht mehr vermittelbar. Und wir dürfen nicht vergessen: Skeptiker gibt es und wird es immer geben.

          Für eine zunehmend individuellere, präzisere und prädiktive Medizin kommt dem Zugang zu Daten und deren Nutzung enorme Bedeutung zu. Welche Maßnahmen braucht es hier, damit die Patientinnen davon wirklich profitieren und die Versorgung effizienter gestaltet werden kann?
          Inga Bergen: Der Beschluss zur Schaffung des europäischen Gesundheitsdatenraums ist ein erster Schritt, um den effizienten Austausch und Zugriff auf unterschiedliche Gesundheitsdaten zu erreichen. Patienten müssen ihre Daten zur Verfügung stellen können und im Idealfall auch eine Gegenleistung dafür erhalten. Mit Daten aus dem echten Leben können wir heute Risiken recht genau vorhersagen. Vitaldaten wie Herzfrequenz, Blutdruck oder Körpertemperatur können wir mit preiswerten Wearables fortlaufend messen, und selbst genetische Daten zu erheben kostet nur noch Centbeträge. Gerade Forschungsinstitute und Pharma­unternehmen sind interessiert an diesen Daten, um zu verstehen, wie beispielsweise Medikamente wirken.

          Auch die medizinische Forschung muss sich grundlegend ändern. Anstatt langer Studien mit zwei Vergleichsgruppen brauchen wir Studien mit Daten aus dem echten Leben, die individuelle Zusammenhänge erkennen. Auch hier sollten wir nicht nur über die Risiken, sondern auch über die Chancen sprechen.

          Volker Amelung: Aus meiner Sicht werden wir die klassischen Studien mit Vergleichsgruppen auch weiterhin brauchen. Aber Frau Bergen hat recht mit dem Hinweis auf die zunehmende Bedeutung von Real-World-Evidenz. Es sind mittlerweile riesige Datenmengen vorhanden. Bisher werden daraus aber noch zu wenige Erkenntnisse für das System abgeleitet. Die Pandemie hat gezeigt, dass beispielsweise die Institutionen des öffentlichen Gesundheitsdienstes – um es gelinde auszudrücken – noch ziemlich ungeübt im Umgang mit Daten sind. Hier braucht es eine grundsätzliche Neuausrichtung. Gemeinsam mit einer Reihe von Kolleginnen und Kollegen setze ich mich für ein Deutsches Zentrum Public Health ein. Ein solches Institut könnte als Forschungsdatenzentrum bevölkerungsbezogene klinische Daten und Versorgungsforschungsdaten zusammenführen, analysieren und daraus Evidenz generieren. Damit lassen sich auch Rückschlüsse für eine effizientere Gestaltung der Versorgung ziehen.

          Dank digitaler Lösungen können Anbieter und User direkt interagieren. Wie verändern sich dadurch unser Gesundheitswesen und die Rollen?
          Inga Bergen: Die größte Veränderung ist die der Anspruchshaltung bei Nutzern: Unternehmen, die vor 20 Jahren noch keine große Rolle gespielt haben, sind heute die wertvollsten Unternehmen der Welt. Was sie auszeichnet, ist ein absoluter Fokus auf Nutzerfreundlichkeit. Die großen Tech- und E-Commerce-Unternehmen investieren viel Geld und Ressourcen in dieses Thema und setzen damit Standards. Kunden erwarten das Amazon-Erlebnis – sie haben keine Geduld und suchen den Fehler nicht bei sich selbst, wenn etwas nicht klappt.

          In Deutschland ist es für Patienten schwer, an relevante Informationen zu kommen – in anderen Ländern wird mehr Wert auf transparente Information gelegt. Mein Lieblingsbeispiel ist Predict.co.uk vom britischen National Health Service, in das Patienten ihre Tumordaten eingeben können, Informationen zur Wirksamkeit verschiedener Krebsbehandlungen erhalten und diese mit ihrem Arzt besprechen. Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung hinterfragen 68 Prozent der Betroffenen die Empfehlungen ihres Arztes. Und ein Großteil der Ärzte empfindet das eher als Belastung, nicht als Chance. Gleichzeitig verfügt über die Hälfte der Deutschen über eine ungenügende Gesundheitskompetenz. Wir müssen diese Realitäten anerkennen und damit arbeiten. Gesundheitskompetenz muss in den Schulen erlernt werden – und Patientenkommunikation muss einen zentraleren Stellenwert in den Ausbildungen erhalten.

          Welche Chancen ergeben sich daraus für die Versorgung?
          Volker Amelung: Ich stimme Frau Bergen hier in allen Punkten zu. Aus der stärkeren Einbindung von Patienten ergeben sich per se vielfältige Chancen für die Versorgung. Menschen, die aktiv die Selbstverantwortung für ihr Anliegen übernehmen, haben auch ein größeres Interesse an einem guten Ergebnis. Das bedeutet auch, dass wir in die Gesundheitskompetenz unserer Bürgerin­nen und Bürger investieren müssen – und zwar in allen Altersgruppen.
          Wir haben das Gesundheitssystem viel zu lange als Reparaturbetrieb verstanden. Inzwischen erkennen wir, dass Gesundheit komplexer ist und sehr viel mit Kommunikation, Coaching und Motivation zu tun hat. Volkskrankheiten wie Diabetes, Rückenschmerz oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen lassen sich eben nicht reparieren wie ein gebrochenes Bein. Sie erfordern Lebensstilveränderungen, die ohne Mitwirkung der Betroffenen gar nicht umsetzbar sind. Um dies im Versorgungssystem abzubilden, müssen auch auf anderer Ebene Veränderungen stattfinden: weg vom linearen Denken, hin zum vernetzten Denken. Weg von einer zersplitterten Versorgungslandschaft, hin zu sogenannten Patient Eco Systems mit vielfältigen Verknüpfungen zwischen Gesundheits- und Sozialversorgung.

          Der Innovationsfonds hat einen Schub gebracht, damit neue Konzepte und Lösungen den Weg zum Patienten finden. Was braucht es nun, damit daraus langfristige Erfolgsgeschichten entstehen?
          Volker Amelung: Der Innovationsfonds eröffnete einen Raum, um spannende neue Versorgungskonzepte zu erproben. Es haben sich dabei verschiedene Cluster herausgebildet, die zeigen, an welchen Stellen es in der Versorgung besonders brennt. Dazu gehören beispielsweise Lotsenmodelle, Projekte zur Vernetzung der Leistungserbringer und eben auch solche mit starken digitalen Komponenten. Im nächsten Schritt wird es darum gehen, diese ähnlich ausgerichteten Projekte zusammenzuführen und die erfolgreichen Komponenten in die Regelversorgung zu übertragen.

          Zudem hat sich gezeigt, dass unser nach Sozialgesetzbüchern gegliedertes System nicht der Lebenswirklichkeit der Menschen entspricht. Wir könnten eine deutlich größere Hebelwirkung erreichen, wenn wir den Blick, respektive die Vergütungsmechanismen, öffnen für SGB-übergreifende Versorgungsangebote, sei es bei Versorgungskonzepten in sozialen Brennpunkten oder in der Versorgung einiger psychischer Erkrankungen. Ein erster wichtiger und richtiger Schritt in diese Richtung sind die Gesundheitskioske, die vom Gemeinsamen Bundesausschuss kürzlich für die Übernahme in die Regelversorgung empfohlen wurden.

          Welchen Mehrwert können Patienten, Ärztinnen oder Pflegekräfte erwarten, und was es braucht es dafür?
          Inga Bergen: Der Innovationsfonds ist ein interessantes Förderinstrument, aber der Teufel steckt wie immer im Detail. Bis heute wurden circa 500 Projekte gefördert, in deren Beschreibungen steht, wenn es gut läuft, kann die entwickelte Lösung bundesweit ausgerollt werden. Aber wie genau das dann geht, weiß keiner. Digitalisierung erhöht die Geschwindigkeit: Lösungen, die vor fünf Jahren entwickelt wurden, sind nach Abschluss eines Innovationsfondsprojektes vielleicht gar nicht mehr zeitgemäß. Wir brauchen auch hier ein neues Denken – weg von langen Forschungsvorhaben und Modellprojekten, hin zu Anwendung in der Praxis und agiler Nachbesserung. Heute haben wir keine Transparenz im Gesundheitswesen, und wir honorieren eher eine Leistung als das Resultat. Damit neue Konzepte Patienten, Ärzten und Pflegekräften zugutekommen, brauchen wir neue Anreizsysteme und eine schnellere Umsetzung.

          Was erwarten Sie von der aktuellen Bundesregierung in Sachen Gesundheitswesen?
          Volker Amelung: Sie sollte vor allem einige Projekte auch wirklich umsetzen und messbare Erfolge genieren. Es geht darum, Eckpfeiler einzuschlagen. Zum einen sollte man mit den Lotsenkonzepten und den Gesundheitskiosken beginnen, zum anderen die Leistungserbringer wirklich einbinden und sie zu Treibern der Digitalisierung machen – sie müssen es wollen und fordern!

          Inga Bergen: Ich hoffe auf Schnelligkeit und radikalen Fokus auf Nutzerbedürfnisse. Ich bin hoffnungsvoll, insbesondere seit Dr. Susanne Ozegowski, die die elek­tronische Versichertenakte der Techniker Krankenkasse entwickelte, die Rolle der Abteilungsleitung Digitalisierung eingenommen hat. Und ich hoffe, dass wir mehr Fokus auf den Nutzen in der Diskussion legen werden.

          Das Interview führte Anna Seidinger.

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          Bild links: Professor Dr. Thomas F. Hofmann ist Lebensmittelchemiker und seit 2019 Präsident der Technischen Universität München (TUM). 
Bild rechts: Professor Dr. Heyo K. Kroemer ist Pharmazeut und Pharmakologe; seit 2019 ist er Vorstandsvorsitzender der Charité – Universitätsmedizin Berlin.

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