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Verlagsspezial

: Die Chancen der Gentherapie besser nutzen

  • -Aktualisiert am

Zehn Gentherapeutika sind bisher zugelassen. Verschiedene Methoden ermöglichen es, die veränderten Gene einzubringen. Bild: Catalin/Adobestock

Nach manchen Rückschlägen werden Gentherapeutika mittlerweile erfolgreich für die Behandlung einzelner Erkrankungen eingesetzt. Doch Deutschland hinkt, vor allem hinsichtlich neuer klinischer Studien, anderen Nationen hinterher. Um aufzuholen, müssen Bürokratie abgebaut und Ressourcen gebündelt werden.

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          Im Jahr 1972 stellte der Visionär Theodore Friedmann in einem richtungsweisenden Aufsatz eine Hypothese auf: Würden therapeutische Gene in Zellen von Patienten eingeführt, könne das Erbkrankheiten wirksam behandeln. Ferner böte eine solche Strategie den Vorteil, dass durch eine einzige Prozedur ein dauerhafter und heilender Nutzen erzielt werden könne. 50 forschungsintensive Jahre danach ermöglicht die Gentherapie vielfältige Behandlungsoptionen für Erkrankungen, für die es bislang keine Verfahren mit Heilungspotential gab. Zehn Gentherapeutika wurden in der Europäischen Union bislang zugelassen – zahlreiche weitere werden in diesem Jahrzehnt hinzukommen.

          Die Umsetzung der Konzepte in die klinische Anwendung begann Anfang der 1990er Jahre. Allerdings machte die ursprüngliche Euphorie schnell ernüchternden Ergebnissen in klinischen Studien Platz. So zeigten die experimentellen Verfahren keine Wirksamkeit und waren teils mit schweren Nebenwirkungen, einschließlich des Todes einiger Patienten, verbunden. Die eingesetzten Werkzeuge waren nicht ausgereift und lösten teilweise schwere Immunreaktionen oder die Entartung in Tumorzellen aus. Bahnbrechende Fortschritte wurden im Zuge der genetischen Revolution erzielt, die Anfang der 2000er Jahre ihren Ursprung nahm. Damals war es erstmals möglich, das Erbgut eines Menschen komplett zu lesen und genetische Netzwerke besser zu verstehen.


          Die Konzepte sind längst im klinischen Alltag angekommen

          Die zehn bislang zugelassen Gentherapeutika werden eingesetzt, um seltene Erbkrankheiten zu behandeln. Anwendung finden sie auch in der Krebsmedizin. Das Prinzip: Ein therapeutisches Gen wird in bestimmte Zellen der Erkrankten eingeschleust. Dieser Prozess kann direkt im Patienten erfolgen. Beispielhaft ist ein Medikament zur Behandlung einer angeborenen Netzhauterkrankung: Hier bringen Forscher die intakte Kopie eines krankhaft veränderten Gens mittels Genfähre direkt in einen bestimmten Bereich des Auges ein. In der Netzhaut wird daraufhin das fehlende, gesunde Protein hergestellt, das den Betroffenen vor Erblindung schützen kann. Ein weiteres Therapeutikum, das sich einem direkten Gentransfer bedient, richtet sich gegen die spinale Muskelatrophie. Es verhindert, dass Motoneuronen im Rückenmark degenerieren und hält so eine damit verbundene fortschreitende und oft tödlich verlaufende Muskelschwäche auf.

          Ein alternativer Ansatz funktioniert nicht direkt im Patienten, sondern auf indirektem Weg. Hierbei entnehmen Ärzte dem Betroffenen Zellen, in die anschließend im Labor das therapeutische Gen eingesetzt wird. Nach erfolgter Behandlung erhält der Erkrankte seine Zellen wieder zurück. Exemplarisch hierfür stehen genetisch aufgerüstete Zellen des Immunsystems, die Krebs bekämpfen sollen. In diesem Zusammenhang erregte die sogenannte CAR-T-Zell-Therapie großes Aufsehen, nachdem Mediziner damit in Menschen mit fortgeschrittener Tumorerkrankung große Erfolge erzielt hatten. Dabei werden dem Patienten zunächst bestimmte Immunzelltypen, die T-Zellen, entnommen. Durch Gentransfer werden sie mit einem Chimären Antigen-Rezeptor, kurz CAR, ausgestattet und dem Patienten wieder zurückgegeben. Über diesen CAR spüren die veränderten Immunzellen nun den Tumor gezielt auf und eliminieren ihn. Drei Produkte sind in der Europäischen Union zugelassen, um bestimmte Blutkrebsarten zu behandeln. Für die erbliche Bluterkrankung Beta-Thalassämie wiederum steht eine andere Art der Gentherapie zur Verfügung. Dazu korrigieren Forscher zunächst die Blutstammzellen der Betroffenen im Labor und transplantieren sie wieder zurück. Die aus den Stammzellen entstehenden roten Blutkörperchen können den Sauerstoff wieder normal transportieren. Die überwiegende Mehrheit der Patienten ist danach nicht mehr auf Bluttransfusionen angewiesen. Für zahlreiche weitere Krankheiten wurden klinische Gentherapie-Studien erfolgreich durchgeführt. Darum ist zu erwarten, dass sich die Zahl der zugelassenen Gentherapeutika in diesem Jahrzehnt stark erhöht.

          Neben diesen klassischen Verfahren mit Genfähren ist es möglich, das Erbgut in bestimmten Zellen gezielt zu verändern. Wissenschaftler bezeichnen dies als Genom-Editierung. Die Methode bedient sich beispielsweise Genscheren des Typs CRISPR/Cas. Sie tragen in Zukunft dazu bei, dass auch Infektions- und Erbkrankheiten mit komplexer Vererbung behandelt werden können.

          Gentherapien sind teuer und stellen damit eine besondere Herausforderung für das Gesundheitssystem dar. Allerdings ist oft nur eine einzelne Behandlung erforderlich, um den Krankheitsverlauf langfristig und nachhaltig positiv zu beeinflussen. Zulassungsstudien weisen darauf hin, dass die Wirksamkeit eines Gentherapeutikums vom Zeitpunkt seines Einsatzes abhängt. Deshalb ist es besonders vielversprechend, mit der Behandlung zu beginnen, bevor erste Symp­tome auftreten. Dem Screening von Neugeborenen auf Erbkrankheiten fällt daher zukünftig eine noch größere Bedeutung zu.


          Klinische Gentherapiestudien sind in Deutschland Mangelware

          Im Gegensatz zu Corona-Impfstoffen, bei denen deutsche Biotech-Firmen die Nase vorn haben, spielt die Bundesrepublik in Sachen Gentherapie nicht in der Champions League mit. Obwohl Deutschland mehr in Forschung und Entwicklung investiert – rund drei Prozent des Bruttoinlandproduktes – als unsere europäischen Nachbarn – 2,3 Prozent in Frankreich, 1,7 Prozent in Großbritannien und 1,4 Prozent in Italien –, laufen uns die Kollegen in Europa den Rang ab. Die Vereinigten Staaten und China spielen schon längst in einer anderen Liga. In Bezug auf die Anzahl wissenschaftlicher Publikationen und Patente kann Deutschland durchaus mit den Vereinigten Staaten und Europäern mithalten. Hinsichtlich der Zahl an klinischen Studien liegt die Bundesrepublik aber deutlich zurück.


          Bürokratische Hürden ab- und gebündelte Ressourcen aufbauen

          Warum ist das so? Die regulatorischen Anforderungen für klinische Studien scheinen hierzulande jährlich zu steigen, wenngleich sich die Regierungsparteien Bürokratieabbau auf die Fahnen schreiben. Mit bitterem Stolz präsentieren Kollegen ihre Aktenberge, die sie bei den vielen zuständigen Bundes- und Landesbehörden sowie den lokalen Kommissionen eingereicht hatten, um die Genehmigung für eine Gentherapiestudie zu erhalten. Das machen die Angelsachsen besser, ohne dass es dabei Abstriche bei der Sicherheit gibt.

          Ein weiterer Ansatzpunkt wäre es, Ressourcen zu bündeln. Aufgrund der zentralistischen Strukturen in den Nachbarländern wird dort die gentherapeutische Forschung in wenigen Zentren im Land vorangetrieben. Es darf die Frage gestellt werden: Wieso gibt es hierzulande kein vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördertes Zentrum für Gentherapie, das die deutschen Wissenschaftler auf diesem Gebiet wenigstens virtuell vernetzt? Solche nationalen Zentren haben sich für andere Bereiche der Gesundheitsforschung bestens bewährt. Auch die Gentherapie sollte in den Genuss einer Förderung kommen. Denn diese ­zukunftsweisenden Therapien haben das Potential, das Leben vieler Menschen nachhaltig zu verändern.

          Professor Dr. rer. nat. Toni Cathomen ist Direktor des Instituts für Transfusionsmedizin und Gentherapie am Universitätsklinikum Freiburg und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gentherapie.

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