https://www.faz.net/-itk-9re9e
Verlagsspezial

: Schlaganfalldiagnose bei jungen Patienten schwierig

Bild: Kateryna Kon/Fotolia

Schlaganfälle treten in aller Regel bei älteren Menschen auf. Weniger bekannt ist, dass auch Kinder und Jugendliche einen Schlaganfall erleiden können. Dabei sind Diagnose und Behandlung bei den jungen Patienten besonders kompliziert.

          3 Min.

          Ein Schlaganfall ist eine Folge von Arteriosklerose und Herzrhythmusstörungen und damit eine typische Erkrankung im höheren Lebensalter. Der häufigste Auslöser für einen Schlaganfall ist die Verstopfung einer hirnversorgenden Arterie durch ein Blutgerinnsel, wodurch die Blut- und damit die Sauerstoffversorgung des betroffenen Hirngebietes unterbrochen wird. Dies führt zu einer schlagartigen Funktionsstörung des Gehirns und je nach betroffener Hirnregion zu Sprachstörungen, Lähmungen, Sehstörungen oder Bewusstseinsverlust. Schlaganfälle sind weltweit die dritthäufigste Todesursache und die häufigste Ursache für eine bleibende Behinderung.

          Bei entsprechender familiärer Disposition und ungesunder Lebensweise mit falscher Ernährung, mangelnder Bewegung und Rauchen können sich auch bei Erwachsenen ab dem 30. Lebensjahr bereits Zeichen von Arteriosklerose zeigen.

          Sogar bei Kindern und Jugendlichen können Schlaganfälle auftreten. Bei Kleinkindern bis zu vier Jahren ist dies jedoch sehr selten: Auf 100 000 Kleinkinder kommen im Schnitt jährliche 0,6 Personen mit einem Schlaganfall. Bei Kindern und Jugendlichen bis zum 16. Lebensjahr erleiden acht von 100 000 jährlich einen Schlaganfall, bis zum Alter von 35 Jahren sind es elf Erkrankte von 100 000 pro Jahr.

          Schlaganfall-Symptome bei Kindern schwer zu erkennen

          Auch wenn immer mehr Patienten in der Akutphase erfolgreich behandelt werden können, machen zwei Tatbestände die Diagnose und Behandlung bei Kindern und Jugendlichen problematisch: Zum einen sind die Symptome oft anders als bei Erwachsenen, zum anderen gibt es ganz andere Ursachen, die oft nicht einfach festzustellen sind. Vor allem bei Kleinkindern äußern sich Schlaganfälle mit epileptischen Anfällen, Unruhe, Verwirrtheit, einer Bewusstseinsstörung oder allgemeiner Schwäche. Bei älteren Kindern und Jugendlichen können wie bei Erwachsenen Halbseitenlähmungen oder Seh- und Sprachstörungen auftreten, oftmals aber sind Epilepsie, Kopfschmerzen und Lethargie die Hauptbeschwerden.
          Die Ursachen von Schlaganfällen bei Kindern und Jugendlichen sind sehr unterschiedlich. Eine wichtige Rolle spielen dabei Erkrankungen der Hirngefäße, von denen die Fokale Cerebrale Arteriopathie (FCA), die Moyamoya-Arteriopathie (MMA) und die Dissektionen am häufigsten vorkommen. Bei der FCA im Kindesalter kommt es nach einer viralen Infektion – häufig sind das Windpocken – zu einer fortschreitenden Einengung der großen Arterien einer Hirnhälfte. Die resultierende Durchblutungsstörung führt zum Schlaganfall. Die Behandlung der FCA erfolgt mit Virusmitteln und Kortisonpräparaten.


          Spezielle Bypassoperationen nur in wenigen Kliniken möglich

          Bei der MMA, die unter anderem genetische Ursachen hat, sind die Arterien im Schädelinneren auf beiden Seiten betroffen. Es bilden sich feine Kollateralarterien, die in einer Gefäßdarstellung als Nebel oder feine Rauchwolke zu sehen sind. Da die Erkrankung fortschreitet und es durch die zunehmende Durchblutungsminderung zu wiederholten Schlaganfällen kommen kann, ist es besonders wichtig, diese Diagnose sehr früh zu stellen und durch eine Blutumleitung die Gefahr zu minimieren. Diese spezielle Bypassoperation wird aber nur in wenigen Zentren angeboten: in Deutschland in der Charité in Berlin oder im Alfried-Krupp-Krankenhaus in Essen.

          Bei einer Dissektion kommt es zu einem Einriss der Gefäßwand, bei der meistens die hirnversorgenden Arterien im Halsbereich betroffen sind. Auslöser sind oft Bagatellen wie heftiges Niesen oder Pressen, oft ist eine der Ursachen eine anlagebedingte Bindegewebsschwäche. Aber auch nach stumpfen Verletzungen im Halsbereich zum Beispiel durch Sport kann es zu einer Dissektion kommen. Die Blutung in die Gefäßwand führt zu einseitigen Kopf- oder Nackenschmerzen und Hirnnervensymptomen wie unterschiedlich großen Pupillen. Durch die Flussverlangsamung an der Engstelle bilden sich Gerinnsel, die Stunden bis Tage nach dem Einriss zum Schlaganfall führen. Wird die Gefahr rechtzeitig erkannt, können blutverdünnende Medikamente den Ernstfall verhindern.

          Gerinnungsstörung eine Ursache für kindlichen Schlaganfall

          Gerinnsel können auch bei Kindern und Jugendlichen aus dem Herzen stammen. Im Unterschied zu älteren Patienten sind aber nicht Herzrhythmusstörungen die Ursache, sondern Erkrankungen der Herzklappen, angeborene Fehlbildungen, Herztumore oder Entzündungen. Störungen der Blutzusammensetzung spielen bei kindlichen Schlaganfällen ebenfalls eine wichtige Rolle. Dabei kommt die Sichelzellanämie weltweit am häufigsten vor, daneben gibt es zahl­reiche andere anlagebedingte Gerinnungsstörungen. Eine ausführliche Gerinnungs­diagnostik ist daher besonders wichtig.

          Zu den seltenen Stoffwechselerkrankungen, die besonders bei Kindern und Jugendlichen auftreten, zählt der Morbus Fabry. Bei dieser angeborenen lysosomalen Speicherkrankheit können die Ablagerungen pathologischer Stoffwechselprodukte in die Gefäße zu Schlaganfällen führen.

          Eine weitere Ursache von Schlaganfällen sind Gefäßverkrampfungen, die mit Kopfschmerzen einhergehen, und beispielsweise bei Entzündungen, Blutungen, aber auch Tumorerkrankungen auftreten. Bei Jugendlichen ist in diesem Zusammenhang an die Einnahme von Drogen zu denken: Kokainkonsum führt zu Durchblutungsstörungen des Gehirns, wobei auch die Herzkranz­gefäße mit dem Risiko Herzinfarkt betroffen sein können. Amphetamine und Ecstasy erhöhen das Risiko für einen Schlaganfall ebenfalls. Schließlich können Medikamente ein Grund für einen Schlaganfall bei jungen Menschen sein. So enthalten beispielsweise Appetitzügler Phenylpropanolamin, das zu einem 16-mal höheren Risiko für Schlaganfälle führt. Vor allem im Frühjahr und Herbst sind als Schnupfenmittel eingesetzte Nasensprays mögliche Ursache eines Schlaganfalls durch Gefäßverkrampfungen.

          Professor Dr. Peter Berlit ist Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie in Berlin.

          Topmeldungen

          Neurotransmitter, die hier zwischen zwei Synapsen diffundieren, bestimmen entscheidend die Kommunikation der Nervenzellen untereinander.

          : Fortschritt im Wechselspiel von Hirnforschung und Therapie

          Über die vergangenen zwei Jahrzehnte haben sich die Erforschung von neurologischen Therapien und das Verständnis von Krankheiten, insbesondere bei der multiplen Sklerose, gegenseitig bereichert und verbessert. Daraus sind große Fortschritte für die Patienten entstanden. Die Neurologie gilt heute als Fach der Zukunft.
          Bei der Alzheimerdemenz macht die Diagnostik Fortschritte, eine Therapie gibt es noch nicht.

          : Alzheimer – Forschung notwendiger denn je

          In der letzten Zeit sind erneut klinische Tests mit vielversprechenden Alzheimer-Medikamenten gescheitert. Die Enttäuschung darüber war groß. Doch Rückschläge gehören einfach zur Forschung.
          Genomanalysen und Biomarker ermöglichen die Differenzierung von augenscheinlich identischen Krankheitsbildern.

          : Die richtige Diagnose wird immer wichtiger

          Treten zu Beginn einer Erkrankung nur einige Probleme auf oder kommen die Beschwerden auch bei anderen Krankheiten vor, kommt der Diagnostik ein besonders hoher Stellenwert zu. Dies ist speziell bei Beteiligung des Nervensystems der Fall, da sich erste Krankheitszeichen meist nicht eindeutig interpretieren lassen.
          Dank moderner Diagnostik können bereits manche Krankheiten erkannt und behandelt werden, bevor sich Symptome zeigen.

          : Frühe Interventionen können Krankheiten verhindern

          Krankheiten belasten die Betroffenen und die Gesellschaft. Deshalb versuchen Forscher und Mediziner verstärkt, Krankheiten früher zu diagnostizieren und zu behandeln. Dieses Konzept der Disease Interception lässt sich auf viele Bereiche anwenden.