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Verlagsspezial

: Patienten profitieren von digitaler Neurologie

Digitale Anwendungen sind im Alltag von Kliniken und Arztpraxen auf dem Vormarsch. Bild: Viacheslav Iakobchuk/AdobeStock

In der Neurologie werden enorme diagnostische und therapeutische Fortschritte verzeichnet, bei denen die Digitalisierung einen entscheidenden Beitrag leistet. So können bei ­neurologischen Erkrankungen, die bis vor kurzem noch als unbehandelbar galten, mittlerweile verschiedene therapeutische Verfahren eingesetzt werden.

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          Die Digitalisierung unterstützt behandelnde Ärzte und betroffene Patienten in vielerlei Hinsicht. Im ersten Schritt kann das Internet für Betroffene und ihre Angehörigen als Informationsgeber rund um das Thema Gesundheit genutzt werden. Mehr als eine halbe Million medizinischer Internetseiten gibt es allein in Deutschland, viele davon mit neurologischen Inhalten. Da jedoch nicht alle Seiten ausgewogene und fachlich richtige Informationen liefern, sollten Laien stets mit der nötigen Vorsicht vorgehen und die Qualität der Inhalte sowie den Absender hinterfragen. Neben einer umfangreichen Information sorgt die Digitalisierung auch dafür, dass Berichte und Auskünfte zwischen Patienten, Experten und medizinischen Zentren schneller ausgetauscht werden und alle Beteiligten einfacher kommunizieren können.


          Digitalisierung hilft bei der Behandlung

          Am wichtigsten aber ist die Versorgung der Patienten und die Weiterentwicklung der Forschung, die dank der Digitalisierung verbessert werden können. Dies kann beispielhaft am Multiple Sklerose Zentrum am Zentrum für klinische Neurowissenschaften des Universitätsklinikums Dresden beobachtet werden, wo Patienten mit multipler Sklerose (MS) behandelt werden. MS ist eine Erkrankung von Gehirn und Rückenmark, die aufgrund unterschiedlichster neurologischer Defizite im Volksmund auch als „Krankheit der tausend Gesichter“ bezeichnet wird. Die Digitalisierung hilft dabei, diese komplexe, unvorhersehbare und chronisch fortschreitende Erkrankung besser zu diagnostizieren, in ihrem Verlauf zu beobachten und dadurch den einzelnen Patienten optimal zu behandeln.

          Zunächst sind Krankheitsdaten in digitaler Form ständig verfügbar und können aufgrund der Standardisierung besser visualisiert werden, um beispielsweise den Krankheitsverlauf einfacher beobachten und Nebenwirkungen schneller erkennen zu können. Darüber hinaus werden die behandelnden Ärzte bei der Organisation und Qualitätssicherung der MS-Behandlung unterstützt, da aus den digitalen Daten personalisierte Strategien für jeden einzelnen Patienten entwickelt werden können. Die dafür relevanten klinischen Patientendaten inklusive der dazugehörigen Parameter wie Laborwerte, Ergebnisse aus der Magnetresonanztomographie und Fragebögen werden mit Hilfe einer eigens entwickelten krankheitsspezifischen Software, des Multiple-Sklerose-Dokumentationssystems (MSDS), erhoben. Die Daten werden nach einem festgelegten Schema im MSDS gespeichert und stehen allen Ärzten des MS-Zentrums zur Verfügung. Dabei ist das MSDS mehr als nur ein reines Dokumentationssystem: So wird der behandelnde Arzt durch die Software regelmäßig an wichtige Labor- oder Bildkontrollen erinnert, die bei bestimmten Immuntherapien durchgeführt werden müssen. Ähnlich einer Checkliste im Pilotencockpit kann somit durch den im MSDS festgelegten klinischen Pfad die Diagnose- und Therapieprozedur optimiert werden.

          Einblick in die eigene Akte im digitalen Patientenportal möglich

          Neben den Ärzten erhalten auch die Patienten selbst digitale Informationen rund um ihre Krankheit und deren Verlauf. Hierfür wird beispielsweise im MS-Zentrum in Dresden momentan ein digitales Patientenportal im Rahmen eines europäisch geförderten Pilotprojekts getestet, in dem auf den Patienten zugeschnittene Informationen zum Krankheitsverlauf bereitgestellt und die Kommunikation mit Ärzten verschiedener Fachrichtungen und Pflegekräften ermöglicht wird. Das Portal stellt medizinische Fachinformationen und patientenbezogene Statusinformationen in einer verständlichen Form dar, denn in einer Umfrage gaben mehr als 90 Prozent der befragten Patienten an, sich grundsätzlich die Nutzung eines solchen elektronischen Portals vorstellen zu können. Dabei wurden unter anderem Einsicht in die Patientenakte und in wichtige Dokumente, eine Übersicht der einzunehmenden Medikamente inklusive deren Zweck und Wirkung sowie der Überblick über zukünftige Arztbesuche als hilfreiche Funktionen angesehen. Der Patient wird somit zum Mitentscheider seiner Behandlung. Dadurch wird die Therapie stärker akzeptiert und aktiver mitgearbeitet, so dass letztendlich eine verbesserte Therapietreue zu besseren Behandlungsergebnissen führt.

          Neben dem Patientenportal werden auch die Vorort-Konsultationen der Betroffenen im MS-Zentrum digitalisiert. So werden Fragebögen zu subjektiven Symptomen wie zum Beispiel der häufig bei MS auftretenden Müdigkeit von den Erkrankten eigenständig am Tablet beantwortet. Auch Tests zu Konzentration, Gehfähigkeit, Sehfähigkeit und Geschicklichkeit der Hände erfolgen am Tablet. Eine detaillierte Untersuchung der Gehfunktion wird darüber hinaus halbjährlich mit speziellen Sensoren durchgeführt, bei der das Gangbild dokumentiert wird, um etwaige Gangstörungen im Verlauf erkennen zu können.


          Beantwortung detaillierter Fragebögen am Tablet

          Des Weiteren kann mit Hilfe eines neuen digitalen Messprinzips ein neuer Biomarker, der das Ausmaß der Zerstörung von Nervenzellen anzeigt, bei jedem Patienten bestimmt und im Verlauf dokumentiert werden. Eine wichtige Rolle bei der Beurteilung der MS und deren Verlauf kommt auch der Bildgebung von Gehirn und Rückenmark mit Hilfe der Kernspintomographie zu. Dafür werden alle Bilder standardisiert erhoben. Neue Softwarealgorithmen beurteilen dann den Verlauf der Erkrankung. Dabei wird neben neuen Entzündungsprozessen auch die durch den zerstörerischen Entzündungsprozess bedingte Abnahme der Gehirnsubstanz gemessen, was in der klinischen Praxis bisher nicht möglich war. So dient das quantitativ beurteilbare Kernspintomogramm dem Neurologen, die Bildgebung mit ihrem Verlauf kann aber auch dem Patienten nahegebracht werden.

          Entscheidend ist die Sammlung all dieser Daten in einer großen Datenbank, in der alle Informationen zum Patienten und seiner Krankheit verfügbar sind und passgenau dargestellt werden. So können wissenschaftliche Untersuchungen zu individualisierten Therapien einfacher durchgeführt werden. Während individuelle Therapieentscheidungen zurzeit keine wissenschaftliche Basis haben, sondern allein aufgrund klinischer Erfahrung gefällt werden, kann im Zusammenspiel dieser hochqualitativen Daten mit speziellen Algorithmen und Analysewerkzeugen die bestmögliche personalisierte Therapie identifiziert werden. Durch das Patientenportal kann jeder einzelne Patient an der Schnittstelle von Forschung und Versorgung in diese Prozesse miteinbezogen werden, was letztendlich die Umsetzung der Therapie und ihre Akzeptanz in der Praxis verbessert. So profitiert der Patient mehrdimensional von der digitalen Neurologie, wobei der klassische Arzt-Patienten-Kontakt gestärkt wird, da sich beide Seiten auf die Kerninteraktion und -kommunikation konzentrieren können.

          Professor Dr. Tjalf Ziemssen ist Facharzt für Neurologie und Leiter des Multiple Sklerose Zentrums, des autonomen und neuro­endokrinologischen Funktionslabors und des neuroimmunologischen Labors am ­Zentrum für Klinische Neurowissenschaften am ­Universitätsklinikum Carl Gustav Carus in Dresden.

          Topmeldungen

          Neurotransmitter, die hier zwischen zwei Synapsen diffundieren, bestimmen entscheidend die Kommunikation der Nervenzellen untereinander.

          : Fortschritt im Wechselspiel von Hirnforschung und Therapie

          Über die vergangenen zwei Jahrzehnte haben sich die Erforschung von neurologischen Therapien und das Verständnis von Krankheiten, insbesondere bei der multiplen Sklerose, gegenseitig bereichert und verbessert. Daraus sind große Fortschritte für die Patienten entstanden. Die Neurologie gilt heute als Fach der Zukunft.
          Bei der Alzheimerdemenz macht die Diagnostik Fortschritte, eine Therapie gibt es noch nicht.

          : Alzheimer – Forschung notwendiger denn je

          In der letzten Zeit sind erneut klinische Tests mit vielversprechenden Alzheimer-Medikamenten gescheitert. Die Enttäuschung darüber war groß. Doch Rückschläge gehören einfach zur Forschung.
          Genomanalysen und Biomarker ermöglichen die Differenzierung von augenscheinlich identischen Krankheitsbildern.

          : Die richtige Diagnose wird immer wichtiger

          Treten zu Beginn einer Erkrankung nur einige Probleme auf oder kommen die Beschwerden auch bei anderen Krankheiten vor, kommt der Diagnostik ein besonders hoher Stellenwert zu. Dies ist speziell bei Beteiligung des Nervensystems der Fall, da sich erste Krankheitszeichen meist nicht eindeutig interpretieren lassen.
          Dank moderner Diagnostik können bereits manche Krankheiten erkannt und behandelt werden, bevor sich Symptome zeigen.

          : Frühe Interventionen können Krankheiten verhindern

          Krankheiten belasten die Betroffenen und die Gesellschaft. Deshalb versuchen Forscher und Mediziner verstärkt, Krankheiten früher zu diagnostizieren und zu behandeln. Dieses Konzept der Disease Interception lässt sich auf viele Bereiche anwenden.