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Verlagsspezial

: Neurorehabilitation: Genesung nach schwerer Krankheit

Die Schädigung von Nervenzellen hat weitreichende Folgen. Bild: Siarhei/AdobeStock

Jeder zehnte Patient benötigt nach dem Krankenhausaufenthalt eine Rehabilitation, weil er sich selbst noch nicht gut genug helfen kann. Besonders schwer Betroffene brauchen eine Neurorehabili­tation, denn gerade Nerven werden durch eine ernste Krankheit am stärksten ­beeinträchtigt.

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          Nerven sind essentiell für das ­Leben. Je mehr Menschen schwere Traumata überleben, desto wichtiger wird die Neurorehabilitation. Vieler­orts gibt es heute multidisziplinäre Schwerpunktzentren für Neurorehabilitation, in denen Neurologen, Neurochirurgen, Kardio­logen, Internisten und Intensivmediziner in der Versorgung von Schwer- und Mehrfach­erkrankten zusammenarbeiten. Denn was für die Behandlung nach Schlaganfällen gilt, trifft auch für Patienten nach Blutvergiftungen oder komplizierten Unfallverletzungen zu. Je früher sie wieder gefordert werden, desto besser – selbst dann, wenn sie noch beatmet werden. Inaktivität führt zu Muskel­abbau und Kraftverlust, und die Atmung wird genauso trainiert wie das Gehen: erst mit viel und dann mit immer weniger Unterstützung.


          Gehirnaktivität über Spannungsänderungen messbar

          In der Neurorehabilitation geht es darum, ob, wann und wie Nerven und ihre Netzwerke reaktiviert werden können. Besonders bei Patienten mit großen Hirnblutungen, mit Hirnquetschungen durch Unfälle oder Hirnsauerstoffmangel durch Herzstillstand ist es zentral, zu wissen, ob Bewusstsein vorhanden ist. Da Nerven über elektrische Impulse zusammenarbeiten, lässt sich die Gehirn­aktivität über Spannungsänderungen messen. Netzwerkanalysen zeigen, wann wieder erste Bewusstseinsinseln auftauchen, obwohl Patienten noch nicht sichtbar mit der Umwelt interagieren können. Für die Wahrnehmung von Berührungen, ­Geräuschen oder Seheindrücken müssen nämlich unterschiedliche Gehirnregionen kooperieren. Diese Zusammenarbeit können Rehabilitationsneurologen berechnen und damit nachverfolgen, wie Therapien anschlagen.

          Darüber hinaus wird versucht, die Gehirnaktivität von außen durch elektrische Impulse zu beeinflussen, um auf diese Weise das Wiedererlernen zu erleichtern. So kann beispielsweise eine Gleichstromstimulation über Elektroden auf der Kopfhaut die Aktivierungsschwelle des Gehirns senken. Studien untersuchen derzeit, ob dadurch das Training nach Sprachstörungen verbessert werden kann. Noch nicht ganz so weit sind Ansätze, durch hochfrequenten Wechselstrom hirneigene Aktivitätsrhythmen anzutreiben und damit ebenfalls das Lernen zu verbessern. Geradezu einfach klingen dagegen neue Verfahren bei Patienten mit Schluckstörungen: Hier wird die Rachenhinterwand elektrisch stimuliert, um deren Sensibilität zu verbessern und wieder ein koordiniertes Schlucken zu erlauben. Gerade Schluckstörungen nach ­Nervenschädigungen werden oft übersehen und können doch schwere Folgen haben, wenn verschlucktes Fremdmaterial eine Lungenentzündung auslöst.


          Elektrische Signale der Nerven steuern Prothesen

          Elektrische Impulse von Nerven werden auch dazu genutzt, um Geräte zu steuern: Nach dem Verlust eines Armes kann beispielsweise eine elektrische Prothese mit Hilfe der elektrischen Signale der Nerven am Amputationsstumpf gesteuert werden. Diese Signale können mittlerweile sogar direkt am Gehirn abgegriffen werden. So laufen Versuche bei Querschnittsgelähmten, elektrische Signale mittels implantierter Elektroden direkt im Gehirn abzufangen und für die Steuerung von Hilfsgeräten zu nutzen.
          Doch bevor derartige Maßnahmen in Angriff genommen werden können, muss die überwiegende Zahl der Patienten überhaupt erst einmal einen Zugang zur Neurorehabilitation erhalten. Neurologische Behandlungen schnell und verlässlich beginnen zu können scheitert häufig daran, dass die Rehabilitation nach wie vor langwierig bewilligt werden muss. Die Folge: Viele Patienten werden erst spät oder manchmal gar nicht neurorehabilitiert,­bleiben daher bettlägerig und pflegebedürftig.


          Unterstützung durch virtuelle und robotische Assistenten

          Eine zusätzliche, gesellschaftliche Herausforderung ist, dass die ältere und häufiger rehabilitationsbedürftige Bevölkerung wächst, während gleichzeitig weniger junge Erwerbspersonen nachrücken. In der Neuroreha­bilitation können digitale Technologien Abhilfe schaffen und die Behandlungen trotz begrenzter Ressourcen und knappem Personal effizienter machen. Schon heute gibt es Maschinen und Roboter, die den Pflege­kräften die Arbeit erleichtern, indem sie Patienten heben, aufrichten oder bei ­Bewegungen unterstützen. Mit Hilfe der virtuellen ­Realität können auch Denken und Sprache in einem virtuellen Raum wie bei einem Computerspiel trainiert werden. In der ­Logopädie werden bei Sprachstörungen durch Schlaganfälle bereits die ersten Programme zum virtuellen Training eingesetzt, die dank verbesserter Spracherkennung sehr viel wirksamer werden. Dagegen braucht es beim Bewegungstraining mehr als einen ­virtuellen Raum: Mit Bewegungssensoren und Robotern muss hier eine künstliche ­körperliche Umwelt geschaffen werden.

          Mittelfristig werden Physio-, Ergo-, Sprach- oder Neuropsychotherapeuten ganze Teams aus virtuellen und robotischen Thera­pieassistenten leiten, denen sie Übungselemente übergeben. Schwieriger ist es bei scheinbar trivialen, aber umso wichtigeren Funktionen wie Aufstehen aus dem Bett, Gehen oder Treppensteigen – keine virtuellen, sondern sehr konkrete Tätigkeiten. Hier braucht es den menschlichen ­Therapeuten, der ermutigt, Tricks zeigt und sich mit dem Patienten über Erfolge freut. So nötig moderne Technologie in der Neurorehabili­tation ist, zentral bleibt der Mensch.

          Professor Dr. Stefan Knecht ist Direktor des Integrierten Neurorehabilitationszentrums der St. Mauritius Therapieklinik Meerbusch und Leiter der Arbeitsgruppe Neurorehabili­tation an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

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