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Verlagsspezial

Hans-Christoph Diener Bild: DGN/privat

Interview : Kopfschmerzen sind nicht gleich Kopfschmerzen

Es gibt mehr als 200 verschiedene Arten von Kopfschmerzen, und sie sind die am weitesten verbreiteten Schmerzen in der Bevölkerung. Der Neurologe und Schmerzexperte Hans-Christoph Diener spricht über Entwicklungen bei der Therapie und was bei Schmerzmitteln zu beachten ist.

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          Herr Professor Diener, Kopfschmerzen gehören zu den häufigsten Beschwerden – schätzungsweise 70 Prozent der Erwachsenen sind davon mindestens einmal im Jahr betroffen. Welche sind die häufigsten Kopfschmerzen?
          Hans-Christoph Diener: Kopfschmerzen sind weit verbreitet. Bis zu 90 Prozent der Bevölkerung leidet unter episodischen Spannungskopfschmerzen, das bedeutet, die Kopfschmerzen treten an weniger als 15 Tagen im Monat auf und halten meistens einige Stunden bis maximal einen Tag an. Bei etwa drei Prozent der Bevölkerung sind die Spannungskopfschmerzen chronisch, das heißt, sie treten an mehr als 15 Tagen pro Monat auf. Der Leidensdruck dieser Patienten ist besonders hoch. Am zweithäufigsten ist die Migräne. Jede fünfte Frau und etwa jeder zwölfte Mann sind davon betroffen. Dieses Krankheitsbild zeichnet aus, dass es neben dem Kopfschmerz zu weiteren Beschwerden wie Übelkeit und Erbrechen kommen kann, auch sind die Betroffenen während der Migräneanfälle sehr lärm- und lichtempfindlich. Alle anderen Kopfschmerzarten sind deutlich seltener.

          Was empfehlen Sie bei Spannungskopfschmerzen, von denen die meisten Menschen gelegentlich betroffen sind?
          Bei gelegentlichen Spannungskopfschmerzen empfehlen wir einfache Schmerzmittel wie Acetylsalicylsäure, Paracetamol oder nichtsteroidale Antirheumatika wie Ibuprofen. Die wirken in der Regel schnell und gut – sie haben aber einen Haken: Werden sie zu oft eingenommen, verursachen sie selbst Kopfschmerzen. Als Faustregel gilt: Werden sie über drei Monate mehr als fünfzehnmal im Monat eingenommen, kann es zu einem Medikamentenübergebrauch-Kopfschmerz kommen. Das sollten die Betroffenen wissen. Es empfiehlt sich daher, auch nichtmedikamentöse Maßnahmen auszuprobieren. Mit Entspannungstechniken kann beispielsweise langfristig die Anfallshäufigkeit gesenkt werden. In der Akutsituation kann es auch helfen, Pfefferminzöl auf die Schläfen und die Stirn aufzutragen.

          Migräne ist besonders bei Frauen weit verbreitet, aber auch Männer sind betroffen. Besteht auch bei dieser Erkrankung die Gefahr, dass durch die Schmerzmedikation die Entstehung eines Kopfschmerzes durch Übergebrauch von Schmerz- oder Migränemitteln begünstigt wird?
          Bei einer geringen Zahl der Patienten kann es durch die zu häufige Einnahme von Schmerzmitteln oder Migränemitteln zu einer Zunahme der Kopfschmerzhäufigkeit und einem sogenannten Kopfschmerz durch Übergebrauch von Schmerz- oder Migränemitteln kommen. Sogenannte Triptane, bewährte Migränemedikamente, sollten daher nach Möglichkeit auch nicht an mehr als zehn Tagen pro Monat eingenommen werden. Ob ein Medikamentenübergebrauch-Kopfschmerz vorliegt, kann allerdings erst dann sicher festgestellt werden, wenn die Patienten die Einnahmehäufigkeit von Schmerz- und Migränemitteln deutlich reduzieren und sich der Kopfschmerz dann bessert.

          Was können Migränepatienten mit hoher Anfallshäufigkeit tun, um ein möglichst schmerzarmes Leben führen zu können?
          Bei der vorbeugenden Behandlung der Migräne unterscheiden wir medikamentöse und nichtmedikamentöse Maßnahmen, die nach Möglichkeit in Kombination eingesetzt werden sollten. Zu den nichtmedikamentösen Therapiemaßnahmen gehören Ausdauersport, Entspannungsverfahren und Stressbewältigung. Um die Anzahl der Migräneanfälle zu reduzieren, sollten die Betroffenen auch die ihnen bekannten Auslöser, die sogenannten Trigger, meiden. Die sind individuell ganz unterschiedlich – bei dem einen kann Rotwein einen Migräneanfall auslösen, bei einem anderen Patienten visuelle Reize wie Flackerlicht. Mit diesen nichtmedikamentösen Maßnahmen schaffen es viele Patienten, ihre Anfallsfrequenz so zu senken, dass sie nicht an mehr als zehn Tagen Migränemedikamente einnehmen müssen. Es ist wichtig, dass Patienten diese nichtmedikamentösen, sanften Maßnahmen, die die Anfallshäufigkeit nachgewiesenermaßen verringern können, konsequent umsetzen.

          Für die medikamentöse Vorbeugung gibt es eine Reihe von Medikamenten, die aber – und das ist das Interessante – keine Schmerzmedikamente oder gar Migränemedikamente sind. Einen nachgewiesenen Nutzen bei der Anfallsprophylaxe haben Betablocker, Kalziumantagonisten, Antiepileptika und Antidepressiva. Sie können bei regelmäßiger Einnahme die Häufigkeit und Schwere der Kopfschmerzattacken reduzieren, denn sie erhöhen die Erregungsschwelle der Hirnrinde, d. h., die Schmerzschwelle wird heraufgesetzt. Bei chronischer Migräne, das heißt bei Patienten mit mehr als 15 Kopfschmerztagen im Monat, ist auch eine Injektionsbehandlung mit Botulinum-Toxin wirksam.

          Neu sind auch moderne Antikörpertherapien. Wo sehen Sie die Chancen und Limitationen dieser Substanzen in der Migränetherapie? Wie sieht die Studienlage aus?
          Seit kurzem stehen Antikörper gegen einen Bodenstoff, genannt CGRP, zur Verfügung und werden in der Migränetherapie eingesetzt. Diese sind ebenso wirksam wie die traditionellen vorbeugenden Medikamente zur Reduzierung der Migränehäufigkeit, haben aber weniger unerwünschte Arzneimittelwirkungen. Triptane, beispielsweise, wirken gefäßverengend, sie dürfen daher bei Patienten nach Herzinfarkt oder Schlaganfall nicht eingesetzt werden. Solche Nebenwirkungen und Kontraindikationen haben die neuen Antikörper nicht. Sie werden einmal im Monat unter die Haut gespritzt und wirken bei den Patienten, die auf die Therapie ansprechen, sehr effektiv. Die Wirkung setzt in der Regel nach etwa vier Wochen ein. Bei lediglich 30 Prozent der Patienten bleibt jedoch ein Therapieeffekt aus. Warum das so ist, ist noch ungeklärt. Eine weitere Limitation ist, dass sie sehr teuer sind. Daher können sie nur bei Patienten eingesetzt werden, bei denen alle bisher durchgeführten medikamentösen Therapien erfolglos geblieben sind, sie nicht vertragen wurden oder kontraindiziert sind.

          Die Antikörper reduzieren Anfallshäufigkeit. Gibt es auch neue Entwicklungen in der Akuttherapie?
          Ja, und das ist auch wichtig, denn in der Akuttherapie werden ebenfalls Triptane eingesetzt, und bisher hatten wir kaum Therapiealternativen für die Patienten, die sie nicht vertragen oder aus medizinischen Gründen nicht einnehmen dürfen. Zur Behandlung akuter Migräneattacken wurden kleine Moleküle entwickelt, die CGRP-Rezeptoren des Nervus trigeminus angreifen. Diese sind zwar weniger wirksam als Triptane, aber in jedem Fall eine gute Therapieoption für diejenigen, bei denen diese herkömmlichen Migräne­medikamente kontraindiziert sind.

          Eine Studie in Dresden zeigte, dass die Kopfschmerzprävalenz bei Kindern und Jugendlichen gestiegen ist. Was ist Ihrer Meinung nach die Ursache hierfür?
          Die Studie war sehr aufschlussreich, ich glaube allerdings, dass diese Daten einen Anstieg der Kopfschmerzrate nicht wirklich belegen können. Es ist letztlich nicht sicher, ob die Kopfschmerzhäufigkeit bei Kindern und Jugendlichen tatsächlich gestiegen ist oder ob nur die diagnostische Einordnung besser gelingt. Wenn die Migränehäufigkeit tatsächlich zugenommen hat, könnte das wahrscheinlich an dem hohen Konsum von Smartphones, Computerspielen und Fernsehen und der damit verbundenen geringeren körperlichen Betätigung liegen. Denn wie gerade erwähnt, ist beispielsweise Ausdauersport ein wichtiger Faktor bei der Prophylaxe von Kopfschmerzen.

          Werden Kopfschmerzen bei Kindern und Jugendlichen genauso behandelt wie bei Erwachsenen? Welche Besonderheiten gibt es zu beachten?
          Ein wesentlicher Unterschied ist, dass Migräneattacken bei Kindern und Jugendlichen deutlich kürzer sind als bei Erwachsenen. Leider sind aber auch die Möglichkeiten der Therapie begrenzter. Triptane, beispielsweise, sind bei Kindern unwirksam. Bei kind­lichen Kopfschmerzen wird vor allem Paracetamol zur Akuttherapie eingesetzt. Wenn dies nicht wirksam ist kann auch Ibuprofen gegeben werden. Die Vorbeugung der kindlichen Migräne sollte bevorzugt durch nichtmedikamentöse Therapiemaßnahmen wie Ausdauersport, Stressbewältigung und Entspannungsverfahren erfolgen. Medikamente sollten möglichst nur dann zum Einsatz kommen, wenn alle nicht medikamentösen Maßnahmen versagt haben.

          Das Interview führte Anna Seidinger.

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