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Verlagsspezial

Gerd Schulte-Körne Bild: privat

Interview : „Depressionen entwickeln sich schleichend und werden meist zu spät erkannt“

Gesunde Psyche und gesunder Geist sind elementar für das Wohlbefinden eines Menschen. Deshalb sollten die steigende Häufigkeit von Depressionen bei Kindern und Jugenlichen ernst genommen werden. Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Universität München, spricht über neue Untersuchungen und die Herausforderungen bei Depressionen.

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          Herr Professor Schulte-Körne, nach jüngsten Daten der Barmer GEK hat sich die Zahl der von Depression betroffenen Kinder unter 14 Jahren zwischen den Jahren 2005 und 2017 verdoppelt. Wie sieht die Situation aus?
          Gerd Schulte-Körne: Die Versicherungsdaten der Barmer sprechen von insgesamt 190 000 an Depression Erkrankten im Alter von zehn bis 18 Jahren, dies entspricht einer Krankheitshäufigkeit, der sogenannten Prävalenz, von drei Prozent. Insgesamt liegt diese Prävalenz aber deutlich unter den internationalen Zahlen, die für Jugendliche veröffentlicht wurden – diese liegen bei über fünf Prozent.

          Es geht den Kindern und Jugendlichen in Deutschland hinsichtlich einer möglichen Depression also besser als in anderen Ländern?
          Nein, genau das wäre ein Trugschluss! Der Grund für die Unterschiede ist vielmehr in den Daten begründet: Eine Krankenversicherung erfasst die Erkrankungshäufigkeit nur anhand der ärztlich festgestellten Diagnosen. Folglich werden nur die Patienten erfasst, die zum Arzt gehen – dies sind bei psychisch kranken Kindern und Jugendlichen lediglich ein Viertel aller Betroffenen! Bei den Bevölkerungsstudien werden aber alle Jugendlichen einer Alterskohorte untersucht, hier findet also a priori keine Selektion statt. Daher ist davon auszugehen, dass die Häufigkeit der Depression bei Jugendlichen noch deutlich höher liegt, als die oben genannten Daten zeigen.

          Worin liegen die Ursachen für diesen gemessenen Anstieg?
          Aus wissenschaftlicher Sicht muss man festhalten, dass es einen solchen abgesicherten Anstieg der Prävalenzen über die vergangenen Jahre oder Jahrzehnte in Deutschland nicht gibt. Der Kinder- und Jugendsurvey des Robert-Koch-Institutes (RKI) hat die längsschnittliche Entwicklung psychischer Erkrankungen bei den Drei- bis 17-Jährigen in Deutschland untersucht. Die Erkrankungshäufigkeit ist in den vergangenen fünf bis sechs Jahren stabil hoch geblieben.

          Es gibt allerdings zwei andere Punkte, die die Verdoppelung der Depressionsdia­gnose der Versicherungen erklären könnten. Zum einen kann die Erkrankung häufiger erkannt werden. Dafür sprechen eine bessere ambulante und stationäre ärztliche Versorgung in Verbindung mit der besseren Ausbildung im Erkennen psychischer Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. Zum anderen wurde 2011 erstmals eine Behandlungsleitlinie für Depression bei Kindern und Jugendlichen veröffentlicht, die sicherlich sehr zur Verbesserung des Wissens um die Wirksamkeit der Behandlung und um das Störungsbild Depression bei Kindern und Jugendlichen beigetragen hat.

          Wie können Eltern erkennen, dass ihr Kind nicht nur eine leichte Gemütsschwankung hat, sondern eine behandlungsbedürftige Depression?
          Meist entwickeln sich depressive Symptome schleichend, so dass Eltern, aber auch Freunde der Erkrankten es nicht beobachten. Die Erkrankten selbst realisieren die Veränderungen als depressive Entwicklung häufig nicht. Diese Konstellation führt dazu, dass eine Depression meist zu spät erkannt und behandelt wird. Die ersten Symptome sind oft Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen in der Schule, und/oder es fehlt der Antrieb, sich mit Freunden zu treffen, in die Schule zu gehen. Der Tag beginnt schon meist schlecht, das Aufstehen fällt schwer, die Jugendlichen fühlen sich müde und schlapp. Meist kreisen die Gedanken um die vielen Dinge, die gemacht werden müssen, aber nicht geschafft werden. Gemischt mit Schuldgefühlen zu versagen, lasten Ängste vor der Zukunft, vor dem Tag, vor der nächsten anstehenden Aufgabe auf den Kindern. Eine behandlungsbedürftige Erkrankung liegt dann vor, wenn diese und weitere Symptome mindestens über zwei Wochen vorliegen.

          Sie entwickeln mit Unterstützung der Beis­heim Stiftung eine webbasierte Informations­plattform für die betroffenen Kinder und Eltern. Wie wird dieses Angebot aussehen?
          Die Plattform wird sowohl die Eltern, Angehörige als auch die Kinder und Jugendlichen direkt ansprechen. Es geht um wissenschaftlich abgesicherte Informationen zu den verschiedenen wichtigen Bereichen der Depression: Woran erkenne ich eine Depression, und wie wird eine Depression festgestellt? Was sind die Ursachen? Wer kann mir helfen, und wo finde ich Hilfen? Was kann ich selbst tun? Wie kann ich mich vor einer Depression schützen?

          Diese Informationen sind so aufbereitet und dargestellt, dass sich Kinder und Jugendliche sowie ihre Eltern direkt angesprochen fühlen. Für Jugendliche bedeutet dies, dass sowohl die Sprache als auch die Präsentation der Informationen und die Zugänge zur Website auf ihr Mediennutzungsverhalten zugeschnitten sind. So spielen soziale Netzwerke wie Youtube oder Facebook und natürlich das Smartphone als wichtigstes mobiles Gerät eine wichtige Rolle, um Informationen lesen, hören und sehen zu können.  

          Diese Plattform soll 2020 zur Verfügung stehen. Wie geht es dann weiter?
          Vor dem finalen Start werden wesentliche Teile der Website wissenschaftlich evaluiert, ob sie zu der gewünschten Wissens- und Einstellungsänderungen führen. Ist die Website fertig, wird im Rahmen einer Pressekampagne der Launch der Website vorbereitet. Ein Team wird sich permanent um die Fragen zur Website, die Aktualisierung und Aufnahme neuer Informationen und Formate kümmern. Letztendlich sollen nicht nur die Kinder und Jugendlichen und ihre Familien, die an einer Depression erkrankt sind, die Website nutzen, sondern auch alle Kinder und Jugendlichen, die in belasteten Situationen leben und psychisch Stress haben. Denn die Website will auch Hilfe zu Selbsthilfe geben und Jugendliche möglichst so früh ansprechen, bevor eine Depression vorliegt.

          Die Potentiale der Prävention sind in vielen Bereichen groß, genutzt werden sie nur ­selten. Wie können Kinder und Jugendliche ihre mentale Gesundheit stärken?
          Zwei Aspekte sind wichtig: Die Risiken für die eigene psychische Gesundheit erkennen und nicht versuchen, alles alleine lösen zu wollen. Liegen schwere Belastungen vor – wie etwa eine erkrankte Mutter beziehungsweise Vater, oder das Kind wird in der Schule gemobbt oder von Freunden ausgegrenzt –, ist es wichtig, sich schnell Hilfe zu holen und mit einer Vertrauensperson darüber zu sprechen. Rückzug, stundenlange Computerspiele, Alkohol- und Drogenkonsum sind keine Lösungen gegen Stress, schlechte Stimmung oder fehlende Freunde. Wohingegen körperliche Aktivitäten, regelmäßiger Sport und Entspannungstechniken durchaus positiv auf die Gemütsverfassung wirken können. Außerdem helfen realistische Ziele in der Schule, um sich vor Überforderung zu schützen. Jugendliche können sich auch gegenseitig sehr gut stützen und entlasten.

          Das Interview führte Anna Seidinger.

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