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Verlagsspezial

Bild: Universität Rostock

Interview : „Demenzen gehören zu den teuersten Erkrankungen“

Gedächtniserkrankungen, vor allem die häufigste Form, die Alzheimer-Demenz, drohen Gesellschaften zu verändern. Sie können immer besser vorhergesagt, doch noch kaum behandelt werden. Die Expertin Gabriele Doblhammer-Reiter spricht über die wichtigen Entwicklungen und Folgen dieser drohenden Epidemie.

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          Frau Professor Doblhammer-Reiter, die Lebenserwartung der Menschen steigt. Gleichzeitig nehmen mit dem Älterwerden die Risiken für verschiedene Krankheiten zu – Beispiel Alzheimer. Wie sehen die Zahlen und Entwicklungen für Deutschland aus?
          Gabriele Doblhammer-Reiter: In ­westlichen Gesellschaften leiden etwa fünf bis ­sieben Prozent der über 60-Jährigen an einer Demenz, wobei der Alzheimer als häufigste Form der Demenz auftritt. Mit zunehmendem Alter finden sich immer mehr gemischte Demenzformen. Neben der Alzheimer-Krankheit ist das vor allem die vaskuläre Demenz. Aktuell gehen wir von etwa 1,6 Millionen Betroffenen aus. Unter 80 Jahren findet sich bei Männern ein etwas höherer Anteil an Erkrankten, darüber bei Frauen. In der Altersgruppe der 95- bis 99-Jährigen haben etwa 28 Prozent der Männer, jedoch 43 Prozent der Frauen eine Demenz. Die Ursache erklärt sich mit der höheren Sterblichkeit von Männern. Bei ­stetig steigender Lebenserwartung findet sich für viele Industrieländer ein Rückgang in den altersspezifischen Anteilen der Demenzerkrankten von etwa ein Prozent pro Jahr. Der Rückgang ist stärker für Frauen als für Männer. Das ist eine positive Entwicklung, deren Ursache vor allem in der steigenden Bildung und der Reduzierung der Armut zu liegen scheint. Als kognitive Reserve wird die Fähigkeit bezeichnet, durch Demenzerkrankungen verursachte pathologische Veränderungen im Gehirn zu kompensieren. Diese Kompensationsfähigkeit steigt mit dem Bildungsstand wie auch der sozialen Teilhabe an.

          Nach Schätzungen von Experten sollen die Zahlen über die kommenden Jahrzehnte deutlich steigen. Falls die Szenarien eintreten, leben allein hierzulande über drei Millionen mit einer Alzheimer-Demenz. Wie wird sich dadurch unsere Gesellschaft verändern?
          Es ist wichtig, zu verstehen, dass ein Rückgang der altersspezifischen Neuerkrankungsraten nicht zu einem Rückgang der Zahl der Demenzerkrankten führt. Hohes Alter ist das Hauptrisiko für eine Demenz­erkrankung, und es wird von immer mehr Menschen erreicht. Dazu kommt, dass die Betroffenen im Durchschnitt fünf bis sieben Jahre ab Erstdiagnose leben. Eine Zahl von über drei Millionen Erkrankten in 2060 ergibt sich, wenn es im Krankheitsgeschehen keine Änderungen gibt und die Lebenserwartung weiter steigt wie in den letzten Jahrzehnten. Nur starke Änderungen in den Erkrankungsraten könnten diesen Anstieg geringer ausfallen lassen. Es ist unklar, ob der aktuell stattfindende Rückgang der altersspezifischen Erkrankungsraten auch in Zukunft stattfinden wird. Die ältere Bevölkerung Deutschlands wird immer vielfältiger im Hinblick auf Bildungsstatus, ökonomischem Hintergrund und Lebensstilfaktoren. Zudem steigen generell die Prävalenzen von Adipositas und Diabetes an; beide stellen wichtige Risikofaktoren für Demenzerkrankungen dar. Tatsache ist, dass sich Demenzen von einer früher wenig sichtbaren Krankheit zu einer Volkskrankheit hin entwickeln werden, von der fast jede Familie betroffen sein wird.

          Die Prognosen werden doppelt treffen: Familienangehörige, die heute ihre demenzkranken Eltern pflegen, können in Jahrzehnten selbst pflegebedürftig sein. Geleichzeitig werden viel weniger Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Wie wird die Versorgung dieser Menschen gelingen?
          Die großen Kohorten der Baby-Boomer-Generation werden die ersten an Demenz erkrankten Jahrgänge sein, die vergleichsweise wenig Kinder haben oder oft kinderlos geblieben sind. Dazu werden diese Kinder stärker in den Erwerbsprozess eingebunden sein, vor allem Töchter im Alter von 50 bis 70 Jahren werden öfter erwerbstätig sein, als dies früher der Fall war. Das ist aber genau jener Lebensabschnitt, in dem an Demenz erkrankte Eltern gepflegt werden müssen. Da die Lebenserwartung der Männer schneller steigt als die der Frauen, ist auch die Wahrscheinlichkeit größer, dass beide Elternteile erkranken. Familien werden die alleinige Versorgung nicht leisten können. Sie muss stärker durch mobile und ambulante Pflege unterstützt werden. Pflegeberufe  müssen aufgewertet werden sowohl vom Einkommen als auch von Ansehen. Meine persönliche Hoffnung ist, dass digitale Assistenzsysteme den Pflegeberuf erleichtern, attraktiver machen und auch die Lebensqualität für Personen mit Demenz positiv verändern. Ältere Menschen sind bereits heute mit digitaler Technik vertraut, viele Baby-Boomer haben einen Großteil ihres Lebens mit IT-Systemen verbracht und wird sie im Alter nicht missen wollen. Assistenzsysteme werden mithelfen, dass Menschen länger in ihrer Häuslichkeit verbleiben können. Das ist es auch, was die Menschen sich für ihr Alter wünschen, und es macht einen enormen Unterschied in den Kosten der Demenzerkrankung.

          Wie sehen die Schätzungen hinsichtlich der Kosten aus, die mit der steigenden Zahl von Alzheimer-Erkrankten einhergehen?
          Demenzen gehören zu den teuersten Erkrankungen im Alter, wobei das Teure der Pflege­aufwand ist, während die Kosten der medizi­nischen Versorgung nur geringfügig höher sind als bei Personen ohne Demenz. Im Bereich der professionellen Pflege schlagen vor allem die stationären und ambulanten Pflegekosten zu Buche, im Bereich der familiären Pflege die Kosten der verlorenen Produktivität der pflegenden Angehörigen. Schätzungen für Deutschland gehen von fast 40 000 Euro pro Jahr für leichte und 63 000 Euro für mittelschwere Erkrankungen aus. Der überwiegende Teil davon sind die Kosten der informellen Pflege durch die Angehörigen. Diese Kosten sind aber schwer zu fassen und abhängig davon, welcher hypothetische Stundenlohn für informelle Pflege angesetzt wird.

          Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) benennt Alkohol, Diabetes, Bluthochdruck, Rauchen und Bewegungsmangel als Risikofaktoren. Unternehmen wir aktuell genug, um Demenzerkrankungen vorzubeugen?
          Tatsächlich sind dies die wichtigsten bekannten veränderbaren Risikofaktoren, vor allem wenn sie in der Mitte des Lebens auftreten. Viele Menschen wissen nicht, dass ein gesunder Lebensstil nicht nur Herzinfarkt, Schlaganfall und vielen chronischen Erkrankungen vorbeugen kann, sondern auch Demenzen. Und dabei nicht nur der vaskulären Demenz, die ja Resultat eines Schlaganfalls sein kann, sondern auch der Alzheimer-Demenz. Das Wissen muss verstärkt unter die Menschen gebracht werden, dass auch die kognitive Gesundheit durch einen gesunden Lebensstil beeinflusst wird und dass man damit bereits in den mittleren Lebensjahren anfangen muss.

          Wie könnte eine gute Präventionsstrategie aussehen?
          Eine gute Präventionsstrategie umfasst alle Alter. Alzheimer-Plaques können sich bereits früh im Leben bilden – daher müssen wir die Einflussfaktoren über den ganzen Lebensweg betrachten. Schon während der Schwangerschaft wirken sich Umwelteinflüsse auf die Entwicklung des Fötus aus. Investitionen in gute Bildung in der Jugend, kognitiv fordernde Berufe in der Zeit der Erwerbstätigkeit, die Vermeidung der genannten klassischen vaskulären Risikofaktoren über den gesamten Lebenslauf, viel körperliche Bewegung und soziale Einbindung in Familie und Freundeskreise auch im Alter fördern die kognitive Gesundheit.

          Wie sieht die Lage in anderen Regionen der Welt hinsichtlich Demenzen aus?
          Häufig wird angenommen, dass die Demenz vor allem in den entwickelten Regionen mit hoher Lebenserwartung zu finden ist. Dies trifft jedoch nicht zu. Laut dem Welt-Alzheimer-Bericht leben bereits heute mehr Menschen mit Demenzen in Asien (22,9 Millionen) als in Europa und Nord- und Südamerika zusammen (9,4 Millionen). Für das Jahr 2050 wird prognostiziert, dass 68 Prozent aller Personen mit Demenz in Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen leben werden. Ursache dafür ist, dass auch in diesen Regionen die Lebenserwartung steigt. Die Reduzierung der Armut und bessere Lebensbedingungen haben dort ebenfalls zu einem Anstieg von Diabetes und Übergewicht geführt und damit zu einem steigenden Risiko, im Alter an Demenzen zu erkranken.

          Die Diagnose von Alzheimer macht seit einigen Jahren große Fortschritte. So können heute bereits Jahrzehnte vor den eigentlichen Krankheitssymptomen Wahrscheinlichkeiten für eine Erkrankung ermittelt werden. Wie können Ärzte und Patienten mit solchen Diagnosen, für die es aktuell keine Therapieoption gibt, umgehen?
          Man muss zwei Situationen unterscheiden. Amyloidplaques bilden sich bereits Jahrzehnte vor einem möglichen Ausbruch der Erkrankung im Gehirn, und es ist nicht klar, ob und wann der pathologische Befund der Plaques zu den Symptomen der Alzheimer-Erkrankung führen wird. Hier sei auf die Nonnen-Studien verwiesen, die zeigen, dass Plaques die kognitive Leistungsfähigkeit nicht immer reduzieren und dass zwei Nonnen mit ähnlichen Plaque-Ablagerung kognitiv sehr unterschiedlich aktiv sein können. Dabei spielt die kognitive Reserve eine wichtige Rolle. Eine hohe kognitive Reserve geht mit einer höheren Vernetzung von Gehirnteilen einher, so dass Aufgaben von Gehirnregionen übernommen werden können, die nicht von Plaques befallen sind. Kurz, es hängt von vielen Faktoren ab, ob das Vorhandensein von Plaques auch tatsächlich zu den Symptomen einer Demenz führt. Eine Diagnose für eine Erkrankung zu stellen, die noch keine Symptome verursacht und für die es bislang keine kurativen Therapieoptionen gibt, kann die betreffenden Personen stark verunsichern und die Lebensqualität negativ beeinflussen. Risiko­faktoren vermeiden und kognitiv fit bleiben ist auch unabhängig von eventuellen Plaque-Ablagerungen eine gute Strategie für erfolgreiches Altern.

          Anders stellt sich die Situation dar, falls bereits ein Verdacht auf eine demenzielle Erkrankung durch die Person selber oder ihre Angehörigen besteht. Hier ist eine möglichst frühzeitige Diagnosestellung wichtig, um den progredienten Verlauf der Erkrankung durch medikamentöse wie auch nicht-medikamentöse Behandlungen zu verzögern und den Angehörigen Hilfestellung zukommen zu lassen.

          Das Interview führte Anna Seidinger.

          Professor Dr. Gabriele Doblhammer-Reiter ist Inhaberin des Lehrstuhls für empirische Sozialforschung und Demographie an der Universität Rostock. Sie leitet die Arbeitsgruppe Demographie, Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen in Bonn, und ist Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Demographie.

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