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Verlagsspezial

: Hirnforschung – Basis für immer bessere Therapien

Bild: Magicmine/AdobeStock

Der komplexe Aufbau des menschlichen Gehirns spiegelt die Evolutionsgeschichte wider und beschäftigt die Wissenschaft seit der Antike. Heute liefert die Hirnforschung wichtige Grundlagen, um Zusammenhänge und Wirkmechanismen zu verstehen, bestehende Behandlungsmethoden zu verbessern und neue, wirksamere Therapien zu entwickeln.

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          Schaltzentrale: Zentrales Nervensystem
          Gehirn und Rückenmark bilden zusammen das zentrale Nervensystem und damit das wichtigste Steuerungszentrum im menschlichen Körper. Das Gehirn wiegt etwa 1500 Gramm, verbraucht aber 20 Prozent der Körperenergie. Es besteht aus über 100 Milliarden Nervenzellen, die wiederum mit einem Vielfachen an neuronalen Verbindungen, sogenannte Dendriten und Synapsen, ein komplexes Schaltwerk bilden. Es ist der Ort, an dem alle Sinneseindrücke und Informationen aus Umwelt und Körper verarbeitet und passende Antworten, Körperfunktionen und Bewegungen gesteuert werden. Das Gehirn organisiert alle kognitiven Prozesse, es lässt Emotionen spüren und steuert Handlungen.

          Anpassungsfähig dank ­Neuroplastizität
          Erst vor wenigen Jahren hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass das Gehirn bis ins hohe Alter lernfähig bleibt. Wissenschaftler sprechen von Neuroplastizität und meinen damit die Fähigkeit des Gehirns, sich strukturell den Umständen anzupassen und Informationen zu speichern. Für diesen Prozess müssen neue Nervenzellen gebildet, synaptische Verbindungen gestärkt sowie neue Kontakte zwischen den Nervenzellen hergestellt werden. Zusammen mit vielfachen Wiederholungen, zum Beispiel im Rahmen von Rehabilitationsprogrammen oder Trainings, entstehen neue neuronale Bahnen, die sich in der Hirnstruktur erkennen lassen.

          Patienten im Fach­gebiet Neurologie
          Neurologen behandeln in Deutschland jedes Jahr schätzungsweise zwei Millionen Patienten, die rund 200 häufige Krankheitsbilder aufweisen, darunter Volkskrankheiten, aber auch mehrere tausend seltene und sehr seltene Erkrankungen. Zu den häufigsten Krankheiten gehören in Deutschland unter anderem: Kopfschmerzen und Migräne mit etwa vier Millionen Betroffenen, die Alzheimer-Erkrankung mit etwa 1,4 Millionen Patienten, Epilepsien mit mehr als 400 000 Patienten, Parkinson mit etwa 220 000 Patienten und die Autoimmunerkrankung multiple Sklerose mit über 120 000 Patienten.

          Patienten im Fach­gebiet Psychiatrie
          Jedes Jahr sind deutschlandweit etwa 27,8 Prozent der erwachsenen Bevölkerung von einer psychischen Erkrankung betroffen, das entspricht rund 17,8 Millionen Menschen. Zu den häufigsten Erkrankungen zählen Angststörungen (15,4 Prozent), gefolgt von affektiven Störungen (9,8 Prozent, unipolare Depression allein 8,2 Prozent) und Störungen durch Alkohol- oder Medikamentenkonsum (5,7 Prozent). Psychische Erkrankungen zählen in Deutschland nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bösartigen Neubildungen und muskuloskelettalen Erkrankungen zu den vier wichtigsten Ursachen für den Verlust gesunder Lebensjahre.

          Lebensretter: Stroke Units
          Der Schlaganfall gehört zu den medizinischen Notfällen, bei denen jede Minute zählt. Je weniger Zeit zwischen den ersten Symptomen eines Schlaganfalls und dem Beginn der Behandlung liegt, desto günstiger ist die Prognose für den Patienten. Akute Fälle sollten möglichst in spezialisierten Einrichtungen behandelt werden. Von diesen sogenannten Stroke Units gibt es in Deutschland mittlerweile über 300 zertifizierte Einrichtungen. Die Schlaganfallbehandlung rückt immer mehr in den Fokus, weil es durch neue Therapiealternativen heute bessere Behandlungsmöglichkeiten gibt. Schlaganfälle zählen zu den häufigsten Erkrankungen und zu den führenden Ursachen für eine durch Krankheit erworbene Behinderung und Tod. Ein Schlaganfall ist die dritthäufigste Todesursache in Deutschland mit etwa 63 000 Todesfällen und weltweit nach Schätzungen der WHO die Todesursache Nummer zwei mit geschätzten 5,5 Millionen Todesfällen pro Jahr.

          Datenquellen: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (www.dgn.org); Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (www.dgppn.de); Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft (www.dgs-info.de); Max-Planck-Gesellschaft (www.mpg.de)

          Topmeldungen

          Neurotransmitter, die hier zwischen zwei Synapsen diffundieren, bestimmen entscheidend die Kommunikation der Nervenzellen untereinander.

          : Fortschritt im Wechselspiel von Hirnforschung und Therapie

          Über die vergangenen zwei Jahrzehnte haben sich die Erforschung von neurologischen Therapien und das Verständnis von Krankheiten, insbesondere bei der multiplen Sklerose, gegenseitig bereichert und verbessert. Daraus sind große Fortschritte für die Patienten entstanden. Die Neurologie gilt heute als Fach der Zukunft.
          Bei der Alzheimerdemenz macht die Diagnostik Fortschritte, eine Therapie gibt es noch nicht.

          : Alzheimer – Forschung notwendiger denn je

          In der letzten Zeit sind erneut klinische Tests mit vielversprechenden Alzheimer-Medikamenten gescheitert. Die Enttäuschung darüber war groß. Doch Rückschläge gehören einfach zur Forschung.
          Genomanalysen und Biomarker ermöglichen die Differenzierung von augenscheinlich identischen Krankheitsbildern.

          : Die richtige Diagnose wird immer wichtiger

          Treten zu Beginn einer Erkrankung nur einige Probleme auf oder kommen die Beschwerden auch bei anderen Krankheiten vor, kommt der Diagnostik ein besonders hoher Stellenwert zu. Dies ist speziell bei Beteiligung des Nervensystems der Fall, da sich erste Krankheitszeichen meist nicht eindeutig interpretieren lassen.
          Dank moderner Diagnostik können bereits manche Krankheiten erkannt und behandelt werden, bevor sich Symptome zeigen.

          : Frühe Interventionen können Krankheiten verhindern

          Krankheiten belasten die Betroffenen und die Gesellschaft. Deshalb versuchen Forscher und Mediziner verstärkt, Krankheiten früher zu diagnostizieren und zu behandeln. Dieses Konzept der Disease Interception lässt sich auf viele Bereiche anwenden.