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Verlagsspezial

: Gegen die ökonomische Überformung der Medizin

Bild: Mark Ocskay/Fotolia

Medizin ist dafür da, Menschen zu helfen. Doch im gegenwärtigen System wird sie vor allem dazu benutzt, Erlöse zu optimieren. Es ist ein Umdenken gefordert: Denn die Sicherstellung der Krankenversorgung ist staatliche Aufgabe, die der Staat nicht dem Markt überlassen darf.

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          Die Medizin gehört zum sozialen Bereich der Gesellschaft, weil es in der Medizin um einen Bedarf geht, der nicht unbeantwortet bleiben darf. Das Wissen darum, dass der Staat diese Antwort im Sinne einer Daseinsvorsorge garantiert, ist notwendig, um auch in gesunden Tagen gut leben zu können. Nun hat man spätestens mit der Einführung der Fallpauschalen diesen sozialen Bereich einer betriebswirtschaftlichen Logik unterworfen und dabei vollkommen übersehen, dass durch eine solche betriebswirtschaftliche Steuerung die Medizin automatisch in einen Zielkonflikt getrieben wird, der sich im Zweifelsfall gegen das Soziale wendet.


          Großer Treiber: Pauschale Vergütung auf Basis der Diagnosen

          Die Einführung der Fallpauschalen, genannt DRGs (Diagnosis Related Groups), bedeutet ja nichts anderes, als dass man für jeden Patienten, ganz gleich was man mit ihm konkret macht, einen Stückpreis erhält. Was so harmlos klingt, hat verhängnisvolle Konsequenzen, denn wenn man nicht das rückerstattet bekommt, was man tatsächlich ausgegeben hat, sondern nur einen Stückpreis erhält, dann entsteht automatisch ein Anreiz, die Patienten so schnell wie möglich und so viele wie möglich durchzuschleusen und an dem einzelnen Patienten so viel wie möglich zu sparen, um die „Herstellungskosten“ gering zu halten.

          Es wird durch die Fallpauschalenregelung tatsächlich eingespart, aber es wird nicht das Unnötige eingespart, sondern es wird am Personal gespart, an der Kontaktzeit, an der inneren Ruhe der Heilberufe, die einem künstlichen Stress ausgesetzt werden. Resultat ist eine fließbandartige Abfertigung von Patienten. Die Einführung der Fallpauschalen führt somit dazu, dass man am falschen Ende einspart, denn wer an der Kontaktzeit mit dem Patienten spart, spart nicht vernünftig.

          Erlösoptimierung bedeutet Kapitali­sierung der medizinischen Leistungen

          Aber der Einspardruck ist nur eine unheilvolle Auswirkung der Fallpauschalenregelung. Noch gravierender ist die den Heilberufen auferlegte Fokussierung auf die Erlösrelevanz ihrer Tätigkeiten. Ärzte fühlen sich heute zerrissen zwischen widersprüchlichen Anforderungen, die an sie gestellt werden. Sie werden zerrissen zwischen den Anforderungen einer betrieblichen Rationalität, die Stromlinienförmigkeit von ihnen fordert, und einer Sorgerationalität, die ein individuelles Eingehen auf jeden Patienten notwendig macht. Die Heilberufe werden so in eine moralische Dissonanz hineinmanövriert, weil sie bei jedem Patienten überlegen müssen, ob sie mehr der Erlösoptimierung oder der Deckung des Bedarfs folgen sollen. Denn wenn die Weiterexistenz eines Klinikums allein von der schwarzen Zahl abhängt, dann besteht automatisch ein Anreiz zur Erlösoptimierung, und das ist nichts anderes als eine Kapitalisierung der medizinischen Leistungen. Durch die Abhängigkeit der Kliniken von den Erlösen wird alles unter ein ökonomisches Tribunal gestellt. Jede Tätigkeit wird nur noch unter dem Gesichtspunkt einer betrieblichen Investition beurteilt, und die eigentliche Bedeutung medizinischer Maßnahmen als professionelle Hilfe für den hilfsbedürftigen Kranken wird gar nicht mehr reflektiert. Es erfolgt eine ökonomische Umdeutung medizinischer Maßnahmen hin zu einer monetarisierten Verwertung pflegerisch-ärztlichen Könnens. Die Medizin wird durch formalisierte betriebswirtschaftliche Konzepte einfach vereinnahmt. Die Folge ist eine ökonomische Überformung der Medizin.

          Die sukzessive ökonomische Umdeutung des medizinischen Handelns stellt die folgenreichste Auswirkung der DRG-Einführung dar, weil damit eine Entfremdung vom sozialen Gehalt der Medizin stattfindet. Die Einführung der Fallpauschalenregelung hat in Verbindung mit einem Verdrängungswettbewerb der Kliniken zu einer sukzessiven Entwertung der sozialen Zielsetzung von Medizin geführt, und das ist ein Kardinalfehler im System. Eine solche Umprogrammierung der Medizin kann nicht als vernünftig angesehen werden, weil sie sich gegen das richtet, wozu Medizin eigentlich da ist: nämlich keine Geschäfte zu machen, sondern eine Praxis der Sorge für hilfsbedürftige Menschen zu sein.


          Gefordert ist ein Umdenken hin zum Bedarf der Patienten

          Deswegen gilt es der ökonomischen Überformung der Medizin Einhalt zu gebieten und ihr zu ermöglichen, tatsächlich nach dem Bedarf ihrer Patienten zu handeln und nicht nach der Maximierung der Umsätze. Es ist staatliche Aufgabe, eine bedarfsgerechte Versorgung zu garantieren, und diese staatliche Aufgabe darf man nicht dem Markt überlassen, sondern es ist Aufgabe einer weitsichtigen Gesundheitspolitik, den sozialen Gehalt der Medizin zu bewahren. Um das zu leisten, muss man der Medizin die Freiheit zurückgeben, allein nach medizinischen und gerade nicht nach unternehmenspolitischen Kriterien zu handeln. Es ist staatliche ­Aufgabe, den Rentabilitätskalkül aus der Medizin fernzuhalten und stattdessen in die Professionalität zu investieren. Die Ärzte sind nicht angetreten, um ein Unternehmen zu leiten, sondern um kranken Menschen zu helfen, und das System muss dafür ­sorgen, dass die Ärzte ihr Sachziel, für den Patienten da zu sein, ohne moralische Dissonanz verfolgen können. Die Ärzte mit der Doppelfunktion auszustatten, sowohl für ihre Patienten als auch für die guten Bilanzen einzutreten, war ein politischer Fehler, der korrigiert werden muss, im Interesse aller kranken Menschen.

          Giovanni Maio ist Universitätsprofessor für Medizinethik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

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