https://www.faz.net/-itk-9rd4u
Verlagsspezial

: Frühe Interventionen können Krankheiten verhindern

Dank moderner Diagnostik können bereits manche Krankheiten erkannt und behandelt werden, bevor sich Symptome zeigen. Bild: ipopba/Adobestock

Krankheiten belasten die Betroffenen und die Gesellschaft. Deshalb versuchen Forscher und Mediziner verstärkt, Krankheiten früher zu diagnostizieren und zu behandeln. Dieses Konzept der Disease Interception lässt sich auf viele Bereiche anwenden.

          4 Min.

          Viele Erkrankungen von Psyche und Nervensystem sind Zeichen von bereits über lange Zeit bestehenden krankheitsbedingten Veränderungen des Gehirns – zunächst unbemerkt verlaufend und erst in der späten Phase als Krankheit manifestiert. Exemplarisch dafür steht die Alzheimer-Krankheit, die häufigste der sogenannten neurodegenerativen Erkrankungen, denen der Untergang von Gehirngewebe gemeinsam ist. Nach heutigem Forschungsstand entwickelt sich diese Krankheit über einen Zeitraum von bis zu 20 Jahren weitgehend unbemerkt im Gehirn der Betroffenen. Erste bemerkbare Zeichen sind dann zunächst subtile Störungen der geistigen Leistungsfähigkeit, die im Verlauf weiter zunehmen und schließlich zu einer Demenz führen. Im am weitesten fortgeschrittenen Stadium sind die Beeinträchtigungen so weitreichend, dass ein ­selbständiges Leben für den Betroffenen nicht mehr ­möglich ist.

          Diagnostik heute schon frühzeitig möglich

          Die typischen Veränderungen – Ablagerungen körpereigener Eiweißstoffe und chronisch entzündliche Veränderungen mit der Folge des Nervenzellverlustes – und damit auch die Alzheimer-Krankheit können bereits heute mittels Biomarkern ­gemessen werden. Sie werden eingesetzt, um die Ursache einer bestehenden Demenz zu ­klären. Außerdem kann mittels Biomarkern bei Menschen, die bereits objektivierbare Gedächtnisdefizite aufweisen, allerdings noch nicht den Beeinträchtigungsgrad einer Demenz haben, das Risiko für eine spätere Demenz grob abgeschätzt werden. Auch bei vollständig beschwerdefreien ­Personen könnten diese Biomarker angewendet ­werden, um die Alzheimer-typischen patholo­gischen Veränderungen festzustellen. Davon wird aber aktuell abgeraten, da eine individuelle Prognose, ob und wann eine Demenz bei der jeweiligen Person auftreten wird, nicht ausreichend sicher abgeschätzt werden kann. Ein weiterer wesentlicher Umstand, weshalb von der Anwendung von Biomarkern für die Alzheimer-Krankheit bei beschwerdefreien Personen abgeraten wird, weil bisher keine wirksame Therapie entwickelt werden konnte, die einen mög­lichen Krankheitsprozess substantiell aufhalten könnte. Trotz Rückschlägen gehen die Forschungsbemühungen weiter, und es gibt durchaus Hoffnung, dass Medikamente zukünftig das Potential haben, sowohl das Fortschreiten der Pathologie der Erkrankung wie auch der Symp-tome verzögern zu können.


          Trend zu früherer Diagnose und Intervention

          Eine konzeptuelle Grundlage für Früherkennung und Frühbehandlung wird aktuell unter dem Begriff der Disease Interception diskutiert. Darunter verstehen Experten, einen Krankheitsprozess zu einem Zeitpunkt, beispielsweise mittels Screening, zu erkennen, an dem die Betroffenen noch vollständig beschwerdefrei sind. Wenn der Krankheitsprozess vorliegt, wird eine spezifische Intervention durchgeführt, um das Fortschreiten der Krankheit aufzuhalten oder den Betroffenen zu heilen. Dadurch soll die symptomatische Phase der Erkrankung, im Fall der Alzheimer-Krankheit die Demenz, verhindert werden. Ein weiteres Beispiel ist die Darmkrebsprävention: Durch eine Darmspiegelung im Rahmen eines Screenings werden zu einem Zeitpunkt Krebsvorstufen erkannt und operativ entfernt, wenn noch keine Symptome bestehen. Darüber hinaus bezieht sich Disease Interception im Wesentlichen auf krankheitsspezifische molekulare Biomarker und spezifische medikamentöse Therapien. Bei der Alzheimer-Krankheit wäre das Zukunftsszenario eine Biomarker-basierte Erkennung der spezifischen Pathologie, bevor erste Gedächtnisstörungen vorliegen mit der nachfolgenden Gabe spezifischer Medikamente, die den Krankheitsprozess aufhalten und damit die Demenz verhindern können. Auch wenn vielleicht eine vollständige Heilung des Prozesses nicht absehbar ist, so erscheint doch eine Verzögerung der Demenz durch einen solchen Ansatz eine realistische Option der Zukunft zu sein. Weitere Anwendungsfelder zeigen Experten in der von Janssen Deutschland unterstützten und im Verlag Monitor Versorgungsforschung veröffentlichten Publikation „Disease Interception“ auf.


          Krankheitslast und Folgekosten reduzieren

          Früherkennung und Frühinterventionen spielen auch bei anderen psychischen Erkrankungen eine zunehmend wichtige Rolle. Die Schizophrenie tritt beispielhaft zumeist im jungen Erwachsenenalter auf. Nach der akuten Phase sind bei einem erheblichen Teil der Betroffenen die kognitive Leistungsfähigkeit und das soziale Funktionsniveau so stark beeinträchtigt, dass die Reintegration in das soziale Umfeld oder in den Beruf nicht mehr gelingt. Auch bei dieser Erkrankung wäre eine frühe und gezielte Intervention, die das volle Ausmaß der Erkrankung verhindert und Funktionen erhält, sehr wertvoll. Tatsächlich ist zunehmend besser möglich, basierend auf subtilen Veränderungen des Denkens, der Wahrnehmung, der kognitiven Leistung und der Kommunikation, Personen zu identifizieren, die ein erhöhtes Risiko haben, an einer Schizophrenie zu erkranken. Frühinterventionen durch psychotherapeutische Verfahren können bei diesen Risikopatienten das Auftreten einer Schizophrenie verzögern oder auch verhindern. Man geht heute davon aus, dass bei den meisten psychischen Erkrankungen wie Depressionen und Angsterkrankungen, Abhängigkeiten und ADHS eine frühere Krankheitserkennung mit früher psychotherapeutischer und möglicherweise pharma-kologischer Behandlung günstige Effekte auf den Krankheitsverlauf haben und die hohen Folgekosten reduzieren können. Deshalb ­müssen neben der Versorgung ­psychisch schwerkranker Patienten auch die frühe Krankheitserkennung und die frühe Behandlung fokussiert werden.

          Wie könnte die Zukunft aussehen? Unser wissenschaftliches Zeitalter ist gekennzeichnet durch rasante Fortschritte in der Gewinnung riesiger Informationsmengen über einzelne Individuen. Dies umfasst biologische Daten wie Genetik und zahlreiche Parameter des menschlichen Körpers. Es umfasst potentiell auch Verhaltens- und Bewegungsdaten, aus denen sich zunehmend Muster ableiten lassen, die auf frühe Erkrankungsstadien hinweisen, bevor sie für Untersucher und vielleicht sogar für die Betroffenen selber erkennbar werden. Basierend auf Algorithmen der künstlichen Intelligenz, wird es möglich sein, diagnostische und prädiktive Aussagen über den Einzelnen zu treffen, die der menschlichen Einschätzung überlegen sein werden. Wahrscheinlich können sowohl die Gesundheit als auch Krankheiten immer exakter erkannt und vorhergesagt werden. Zu hoffen ist, dass begleitend wirksame personalisierten Therapien entwickelt werden. Sollte dies ausbleiben, überwiegen die Risiken von Stigma, sozialer Benachteiligung und psychischer Belastung. Sollte es gelingen, wird die Wirksamkeit von Behandlungen erheblich ansteigen und werden vielleicht sogar häufige und schwere Erkrankungen von heute effektiv verdrängt.

          Professor Dr. med. Frank Jessen ist Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Uniklinik Köln und Forscher am Deutschen Zentrum für Neuro­degenerative Erkrankungen (DZNE). Er ist Mitherausgeber der Publikation „Disease Interception“, die unter www.monitor-versorgungsforschung.de/DI/DI-Buch/view zum kosten­losen Download zur Verfügung steht.

          Topmeldungen

          Neurotransmitter, die hier zwischen zwei Synapsen diffundieren, bestimmen entscheidend die Kommunikation der Nervenzellen untereinander.

          : Fortschritt im Wechselspiel von Hirnforschung und Therapie

          Über die vergangenen zwei Jahrzehnte haben sich die Erforschung von neurologischen Therapien und das Verständnis von Krankheiten, insbesondere bei der multiplen Sklerose, gegenseitig bereichert und verbessert. Daraus sind große Fortschritte für die Patienten entstanden. Die Neurologie gilt heute als Fach der Zukunft.
          Bei der Alzheimerdemenz macht die Diagnostik Fortschritte, eine Therapie gibt es noch nicht.

          : Alzheimer – Forschung notwendiger denn je

          In der letzten Zeit sind erneut klinische Tests mit vielversprechenden Alzheimer-Medikamenten gescheitert. Die Enttäuschung darüber war groß. Doch Rückschläge gehören einfach zur Forschung.
          Genomanalysen und Biomarker ermöglichen die Differenzierung von augenscheinlich identischen Krankheitsbildern.

          : Die richtige Diagnose wird immer wichtiger

          Treten zu Beginn einer Erkrankung nur einige Probleme auf oder kommen die Beschwerden auch bei anderen Krankheiten vor, kommt der Diagnostik ein besonders hoher Stellenwert zu. Dies ist speziell bei Beteiligung des Nervensystems der Fall, da sich erste Krankheitszeichen meist nicht eindeutig interpretieren lassen.

          Interview : „Demenzen gehören zu den teuersten Erkrankungen“

          Gedächtniserkrankungen, vor allem die häufigste Form, die Alzheimer-Demenz, drohen Gesellschaften zu verändern. Sie können immer besser vorhergesagt, doch noch kaum behandelt werden. Die Expertin Gabriele Doblhammer-Reiter spricht über die wichtigen Entwicklungen und Folgen dieser drohenden Epidemie.