https://www.faz.net/-itk-9rd3e
Verlagsspezial

: Die Erfolgsgeschichte der MS-Therapie

Die MS-Therapie zeigt, welche Fortschritte in der Medizin möglich sind. Bild: Gerhard Seybert/Adobestock

Die multiple Sklerose ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung des Zentralnervensystems. Intensive Forschung ermöglichte es, immer effektivere Wirkstoffe zu entwickeln, die die Lebensqualität der Betroffenen stetig verbessern. Entscheidend für den Erfolg sind eine möglichst frühe Diagnose und die gezielte Behandlung.

          4 Min.

          Noch in den 1980er-Jahren wurde die multiple Sklerose (MS) im Allgemeinen damit assoziiert, dass Erkrankte sehr rasch einen Rollstuhl zur Fortbewegung benötigen. Tatsächlich verschlechtern sich von Schub zu Schub neurologische Funktionen wie die Beweglichkeit der Gliedmaßen, das Sehvermögen oder die Koordination. In der Bundesrepublik gab es damals geschätzt rund 75 000 Patienten, die an schubförmiger oder ständig schleichender MS erkrankt waren. Die medizinischen Möglichkeiten beschränkten sich weitgehend auf die Behandlung der akut auftretenden Schübe mit Kortison.

          Bei der Behandlung setzte sich in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre zunehmend die Hochdosis-Kortisonpulstherapie mit einem synthetischen Kortisonpräparat durch. Darüber hinaus gab es nur wenig Ansätze zu einer Langzeittherapie: Die Behandlung mit ungesättigten Fettsäuren war bereits in den 1970er-Jahren als unwirksam befunden worden. Ein für die Erkrankung Myasthenie bewährtes, mildes Immunsuppressivum wurde an einigen Universitätskliniken eingesetzt, ohne dass jedoch die Daten aus kontrollierten Therapiestudien überzeugend waren. Ebenso verhielt es sich mit einem damals neu entwickelten Wirkstoff, der überwiegend aus der Transplantationsmedizin stammte. Für schwere Verläufe blieb ein aus der Chemotherapie von Blutkrebs stammendes Medikament reserviert.

          Erste wirksame Medikamente kommen zum Einsatz

          Anfang der 1990er-Jahre führte der Pharmakonzern Schering mit seinem nordamerikanischen Tochterunternehmen eine kontrollierte Studie bei schubförmiger MS durch: Das regelmäßige Spritzen von Interferon beta, ursprünglich aus der Therapie grippaler Infekte entwickelt, zeigte eine Schubreduktion um rund 30 Prozent und etwa 70 Prozent weniger Entzündungsherde bei der Kernspintomographie. Damit kam erstmals ein vorsichtiger Optimismus hinsichtlich einer möglichen Therapie auf. Kurz danach folgten weitere vergleichbare Interferonpräparate, die sich von der Dosierung und der Applikationsweise – unter die Haut oder in den Muskel – unterschieden. In der Folge kam der Wirkstoff Glatirameracetat zur Zulassung, der mit täglicher Injektion im Wesentlichen vergleichbare Ergebnisse, aber mit anderen Wirkmechanismen erzielte. Damit war der Grundstein für die modernen MS-Therapien gelegt. Wenngleich die ständigen Injektionen und die damit verbundenen Nebenwirkungen für viele Patienten belastend waren, zeichnete sich ein deutlicher Nutzen ab. So zeigte die Langzeitbeobachtung der Interferonpatienten aus der ursprünglichen Zulassungsstudie, die 20 Jahre später veröffentlicht wurde, dass die Sterblichkeit aufgrund von MS um mehr als zwei Drittel reduziert werden konnte. Dies hätte in den 1990ern noch keiner erwartet.

          Hochwirksame orale und intravenöse Therapien

          Es war das Interferon beta, mit dem ein neues, hochpreisiges Marktsegment in der Arzneimitteltherapie eröffnet wurde. Der damit verbundene Erfolg führte dazu, dass im Abstand von nur wenigen Jahren neue Entwicklungen zur Zulassung kamen. Erstmalig kam mit Natalizumab ein Antikörperwirkstoff auf den Markt, der nicht mehr täglich, sondern nur noch alle vier Wochen per Infusion verabreicht werden musste. Mit diesem Medikament konnten die Schübe um 70 Prozent und die neuen Entzündungswerte um fast 90 Prozent reduziert werden. Endlich konnte man sagen: Die MS kann zwar nicht geheilt, aber gestoppt werden. Über die Studiendauer von zwei Jahren waren etwa 40 Prozent der Patienten sowohl klinisch als auch in der Zusatzdiagnostik völlig stabil. Der Wunsch nach Wirkstoffen, die nicht gespritzt, sondern geschluckt werden mussten, brachte die aus der Schuppenflechte-Therapie stammenden Fumarate über erste Beobachtungen der Bochumer Ruhr-Universität zur Zulassung. Mittlerweile profitieren davon rund 400 000 MS-Patienten weltweit. Auch die Gruppe der Sphingosin-1-Phosphat-Agonisten, die unter anderem die Immunzellen in das Lymphsystem des Körpers zurückdrängt und so eine Einwanderung in das Gehirn verhindert, erreichen mittlerweile annähernd 300 000 Patienten. Die tägliche Einnahme der Präparate kann gut in den Alltag integriert werden, und ihre Wirksamkeit liegt deutlich über derjenigen der Spritzenmedikamente aus der ersten Generation. Weitere monoklonale Antikörper, die aus der Molekularbiologie entwickelt werden konnten, wurden zugelassen. Sie unterdrücken die spezifischen Zellfunktionen oder eliminieren Immunzellen.


          Krankheitsprozesse verzögern und stoppen

          Die verfügbare Palette an Therapieoptionen lässt es zu, über die bestmögliche Behandlungsstrategie nachzudenken. So kann heute überlegt werden, zu welchem Zeitpunkt und mit welcher Art von Medikament ein neuer Patient behandelt werden sollte. Viele Erkrankte möchten bei einem Verlauf mit wenigen Schüben keine dauerhafte Medikation. Forschungen haben aber gezeigt, dass der Krankheitsverlauf über mehrere Jahre hinweg gesehen günstiger ist, wenn früh mit einer hochwirksamen Therapie begonnen wird. Dies begründet sich auf diagnostische Hirnbiopsien von zwei bis drei Millimeter Durchmesser, mit denen erfahrene Neuropathologen nicht nur einen Tumor ausschließen, sondern gerade in frühen Phasen der Entzündung eine bis zu fünffach höhere Dichte von Entzündungszellen und Zerstörung der Nervenfasern beschreiben konnten als bei Spätbiopsien. Dies bedeutet im Klartext: Zu Krankheitsbeginn besteht am meisten entzündungshemmender Therapiebedarf, um die Reserven im Nervensystem zu schonen. Bereits im vergangenen Jahrzehnt wurde der positive Effekt der Frühtherapie mit allen Interferonpräparaten und Glatirameracetat bestätigt. Mögliche Belastungen einer Therapie und natürlich auch Risiken, wenn es sich um hochaktive Antikörperpräparate handelt, müssen dagegen abgewogen werden. Ebenso wichtig ist es, die Patienten mit den momentanen Therapieoptionen langfristig zu behandeln, denn die Krankheit ist nicht heilbar und schädigt den Körper auch im Alter noch.


          Nach neuesten Schätzungen sind heute in Deutschland etwa 230 000 Patienten an multipler Sklerose erkrankt, davon dreimal mehr Frauen als Männer. Die Krankheit kann mittlerweile in den meisten Fällen sehr gut behandelt und zum Stillstand gebracht werden.Für den Arzt erschweren Nutzen-/Risikoabwägungen mitunter die Therapieentscheidungen, ohne sie jedoch unmöglich zu machen – das gilt vor allem für die meist jungen Patientinnen, die ihr Leben planen und eine Familie gründen wollen. Die schubförmige Form der MS hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten bei konsequenter und fachgerechter Behandlung den Großteil ihres Schreckens verloren. Komplette Heilung ist allerdings zurzeit noch nicht in Sicht. Auch für die schleichend verlaufenden Formen sind erstmalig wirksame Substanzen ent­wickelt und zugelassen worden. Hier ist es aber noch zu früh, um deren Wirkung im Alltag zu beurteilen.

          Professor Dr. Ralf Gold ist Direktor der Neurologischen Klinik am Sankt Josef-Hospital, Ruhr-Universität Bochum, und Vorstandssprecher des Krankheitsbezogenen Kompetenznetzes Multiple Sklerose (KKNMS).

          Medikamente gegen Multiple Sklerose haben gesamtgesellschaftlichen Wert

          Die Durchschnittskosten pro MS-Patient und Jahr können bis zu 63 000 Euro betragen. Medikamente machen hier nur einen Teil aus. Dabei können sie den Verlauf der Erkrankung positiv beeinflussen – das ist von Nutzen für die Patienten und für die Gesellschaft als Ganzes.

          Multiple Sklerose (MS) ist eine Erkrankung, die ihren Anfang meist im jungen Erwachsenenalter nimmt. Sie trifft Menschen mitten im Leben, wenn sie zum Beispiel gerade ins Erwerbsleben starten wollen oder mit der Familienplanung beginnen. „Dies betrifft zuallererst die Lebensqualität der Patienten, belastet aber auch die Gesellschaft als Ganzes in Form zunehmender direkter und indirekter Kosten“, erklärt der Verband der forschenden Pharma-Unternehmen bio (vfa bio).

          Wie aus dessen „Biotech-Report 2019“ hervorgeht, sind etwa 40 Prozent der Patienten im Alter von 50 Jahren und 60 Prozent der betroffenen 60-Jährigen auf Gehhilfen angewiesen. „Die Durchschnittskosten pro Patient und Jahr betragen rund 28 000 bis 63 000 Euro – je nach Schwere der Erkrankung.“ Etwa ein Drittel davon entfällt auf indirekte Kosten, die durch Produktivitätsverluste oder Frühverrentung entstehen.

          Medikamente und verlaufsmodifizierende Therapien (DMTs) machen laut vfa bio „nur einen (kleinen) Teil der Gesamtkosten bei MS-Patienten aus“. Dabei können innovative Arzneimittel wie Biopharmazeutika einen positiven Einfluss auf den Verlauf der MS haben. So zeigte etwa eine deutsche Studie mit einem Biopharmazeutikum, dass die Behandlung mit dem Präparat die Krankenhauseinweisungen um rund 72 Prozent und die Kosten pro Krankenhausaufenthalt und Patient um gut 78 Prozent senkt.

          „Durch Biopharmazeutika wurde MS erstmals spezifisch behandelbar – zum Nutzen für die Patienten und im Hinblick auf die Verzögerung des Fortschreitens der Behinderung und der damit verbundenen Produktivitätsverluste auch zum gesamtgesellschaftlichen Nutzen“, fasst der vfa bio zusammen.

           

          Topmeldungen

          Neurotransmitter, die hier zwischen zwei Synapsen diffundieren, bestimmen entscheidend die Kommunikation der Nervenzellen untereinander.

          : Fortschritt im Wechselspiel von Hirnforschung und Therapie

          Über die vergangenen zwei Jahrzehnte haben sich die Erforschung von neurologischen Therapien und das Verständnis von Krankheiten, insbesondere bei der multiplen Sklerose, gegenseitig bereichert und verbessert. Daraus sind große Fortschritte für die Patienten entstanden. Die Neurologie gilt heute als Fach der Zukunft.
          Bei der Alzheimerdemenz macht die Diagnostik Fortschritte, eine Therapie gibt es noch nicht.

          : Alzheimer – Forschung notwendiger denn je

          In der letzten Zeit sind erneut klinische Tests mit vielversprechenden Alzheimer-Medikamenten gescheitert. Die Enttäuschung darüber war groß. Doch Rückschläge gehören einfach zur Forschung.
          Genomanalysen und Biomarker ermöglichen die Differenzierung von augenscheinlich identischen Krankheitsbildern.

          : Die richtige Diagnose wird immer wichtiger

          Treten zu Beginn einer Erkrankung nur einige Probleme auf oder kommen die Beschwerden auch bei anderen Krankheiten vor, kommt der Diagnostik ein besonders hoher Stellenwert zu. Dies ist speziell bei Beteiligung des Nervensystems der Fall, da sich erste Krankheitszeichen meist nicht eindeutig interpretieren lassen.
          Dank moderner Diagnostik können bereits manche Krankheiten erkannt und behandelt werden, bevor sich Symptome zeigen.

          : Frühe Interventionen können Krankheiten verhindern

          Krankheiten belasten die Betroffenen und die Gesellschaft. Deshalb versuchen Forscher und Mediziner verstärkt, Krankheiten früher zu diagnostizieren und zu behandeln. Dieses Konzept der Disease Interception lässt sich auf viele Bereiche anwenden.