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: Long-Covid geht auf Hirn und Nerven

  • -Aktualisiert am

Die Folgen einer Covid-19-Erkrankung können vielfältig sein, Gehirn und Nerven sind häufiger betroffen. Bild: SciePro/AdobeStock

Einige Patienten entwickeln nach einer Corona-Infektion ein Long-Covid-Syndrom. Dieses kann mit neurologischen Beschwerden wie einer eingeschränkten Gedächtnisleistung einhergehen. Um die langfristigen Folgen zu verstehen und behandeln zu können, müssen Zentren unterstützt und neue Studien angestoßen werden.

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          Ein müdes, fast gequältes Lächeln huscht über das Gesicht des jungen Jurastudenten. Nein, eine Erkältung selbst habe er nicht bemerkt, lediglich der Geruch und der Geschmack seien zu Anfang ausgefallen. Sechs Monate hätten diese Empfindungsstörungen angehalten, bevor er zum ersten Mal deutliche Einschränkungen beim Lernen bemerkt habe. Seither haben sich seine Erinnerungsfähigkeit und seine Konzentration beständig verschlechtert. Neben diesen Beschwerden fühle er sich zunehmend ausgelaugt und antriebslos. Andere Patienten berichten von ähnlichen Beschwerden. Verschiedene Terminologien wie „chronisches Covid-19-Syndrom“ oder „Long-Covid“ versuchen seither eine klinische Symptomatik zu fassen, die eine Vielzahl unterschiedlicher Beschwerden einschließt. Neben Spätfolgen der Lungenschädigung betreffen Long-Covid-Symptome häufig das zentrale und periphere Nervensystem und damit das Fachgebiet der Neurologie.


          Viren können neurologische Symptome verursachen

          Solche virusvermittelten Phänomene sind nicht ganz unbekannt: Bereits nach den Influenza-Pandemien von 1889 und 1892, die als Russische Grippe in die Medizingeschichte eingingen, wurden lang anhaltende neurologische Ausfallssymptome, Psychosen und Angstzustände beschrieben. Der in diesen Tagen häufiger zitierten Spanischen Grippe folgte eine Häufung von Parkinson-Erkrankungen und Katatonie. Fälle von Encephalitis lethargica, erstmals im Jahr 1917 beschrieben, wurden in der nachfolgenden Dekade weltweit diagnostiziert. Ebenso traten nach nicht allzu lange zurückliegenden SARS- und MERS-Infektionen Gedächtnisstörungen, Aufmerksamkeitsdefizite und Konzentrationsprobleme lange nach der Akutphase auf.

          Die in einer solchen Akutphase einer Covid-19-Erkrankung beschriebenen neurologischen Symptome wie Geschmacks- und Geruchsverlust, Enzephalitis, Delir, Schlaganfälle und Epilepsie werden mit großer Wahrscheinlichkeit nicht nur durch die Virusinfektion des Gehirns, sondern durch eine Kombination unterschiedlicher Einflüsse hervorgerufen. Dazu gehören eine eingeschränkte Lungenfunktion, die Ausschüttung entzündlicher Botenstoffe durch aktivierte Immunzellen, ein multiples Organversagen und eine aktivierte Blutgerinnung. Während es hier schwierig bleibt, die genaue Ursache der klinischen Beschwerden zu erfassen, ist dies im Fall von Long-Covid-assoziierten Einschränkungen noch komplizierter, da Forscher die zugrunde liegenden pathologischen Vorgänge bisher kaum verstehen.


          Strukturelle Veränderungen im Gehirn nachgewiesen

          Dass im Fall von Covid-19 Konzentration, Lernvermögen und Merkfähigkeit betroffen sein könnten, vermuteten Wissenschaftler schon recht früh. Aktuelle Untersuchungen zeigen nun, dass neurokognitive Funktionen wie Verarbeitungsgeschwindigkeit, Wortgedächtnis und Aufmerksamkeitsleistung bei 60 bis 80 Prozent der Corona-Patienten langfristig betroffen sein können und zu den häufigsten Symptomen des Long-Covid-Syndroms gehören.

          Forscher können am Ausmaß der systemischen Infektion und der Aktivierung des Blutgerinnungssystems in der Akutphase vorhersagen, ob lang anhaltende neurokognitive Fehlleistungen auftreten oder nicht. Auch eine eingeschränkte Lungenfunktion und neurologische Beschwerden in der Akutphase waren mit einer deutlich schlechteren Gedächtnisleistung vergesellschaftet. Interessanterweise finden sich bereits in Studien, die relativ kurze Zeiträume zwischen drei und sechs Monaten nach der Infektion betrachten, strukturelle und funktionelle Hirnveränderungen. Chinesische Wissenschaftler wiesen nach, dass das kortikale Hirnvolumen abnimmt und sich die ­zerebrale Durchblutung verringert. In einer anderen Studie traten keine hirnstrukturellen Abnormalitäten auf, dafür aber ausgeprägt verlangsamte Hirnstromkurven. Zu diesem frühen Zeitpunkt ist es nur schwer möglich, solche Studien und deren Aussagekraft zu vergleichen, und die Ergebnisse sollten daher nicht zu Fehlinterpretationen führen. Sie belegen jedoch die Notwendigkeit für prospektive Untersuchungen, die auch radiologisch feststellbare, langfristige Hirnveränderungen berücksichtigen.


          Symptome von Parkinson-Patienten verschlechtern sich

          Neben kognitiven Fehlleistungen gehören Kopfschmerzen, Muskelschmerzen und das seltenere Guillain-Barré-Syndrom zu den Folgeerscheinungen einer Covid-19-Infektion. Sie müssen dabei nicht in einem unmittelbaren zeitlichen Zusammenhang mit der akuten Phase stehen. Ärzte sehen zunehmend auch neuropsychiatrische Auffälligkeiten wie Depressionen, Angststörungen oder ein obsessiv-zwanghaftes Verhalten. Diese können mit den bereits genannten Beschwerden gemeinsam, aber auch isoliert auftreten.

          Auch gesunde Menschen können nach einer SARS-CoV-2-Infektion solche Symptome entwickeln. Dies legt nahe, dass Personen mit neurologischen Vorerkrankungen von Covid-19 noch stärker betroffen sind. Italienische Wissenschaftler beschrieben, dass sich bei an Covid-19 erkrankten Parkinson-Patienten die Symptome deutlich verschlechterten, was sie dazu zwang, die medikamentöse Therapie anzupassen. Neben infektionsvermittelten Mechanismen müssen hier auch die Effekte einer Pandemie, unter anderem soziale Isolation und Einsamkeit, berücksichtigt werden, die sich negativ auf kognitive Funktionen, motorische Fähigkeiten und Affektstabilität auswirken.

          Ein erstes Licht am Ende des Tunnels: Die initialen Veränderungen des Hirnglukose-Stoffwechsels und der Kognition können sich wieder erholen. Außerdem kann ein spezifisches Rehabilitationsprogramm die eingeschränkte körperliche und geistige Leistungsfähigkeit von Long-Covid-Betroffenen deutlich verbessern.


          Forschung zu Langzeitfolgen weiter vorantreiben

          Was ist nun zu tun? Wichtig erscheint es, Zentren zu unterstützen, die neurokognitive und psychiatrische Erkrankungen in Zusammenhang mit SARS-CoV-2-Infektionen gezielt untersuchen. Es ist dringlich, eine spezifische kognitive Rehabilitation zu entwickeln und nach medikamentösen Therapieansätzen zur Behandlung der mit Covid-19 assoziierten kognitiven Langzeitschäden zu suchen. Studien zu den Langzeitfolgen, die die Erholung und Progression der beschriebenen Einschränkungen erfassen sowie die Effizienz nichtpharmakologischer und pharmakologischer therapeutischer Interventionen untersuchen, müssen angestoßen werden. Diese sollten langfristig angelegt und finanziert werden, um das Vollbild solcher virusinfektionsassoziierter neurologischer Langzeitfolgen zu ermitteln. Dies scheint nicht nur für Erwachsene, sondern auch für Kinder wichtig, bei denen zu den langfristigen Auswirkungen und möglichen Leistungseinschränkungen kaum Erkenntnisse vorliegen.

          Auch wenn die nun zur Verfügung stehende Impfung die aktuelle Pandemie möglicherweise beenden wird, ist eine nächste Viruspandemie mit ähnlichen Langzeitfolgen wahrscheinlich. Daher sollte sich nicht nur die Wissenschaftspolitik, sondern unsere gesamte Gesellschaft in der Pflicht sehen, notwendiges Wissen rechtzeitig zu sammeln, um im Fall der Fälle eine bessere Antwort zu geben, als dies bisher gelingt.

          Professor Dr. med. Michael T. Heneka ist Direktor der Klinik für Neurodegenerative Erkrankungen und Gerontopsychiatrie am Universitätsklinikum Bonn sowie Forschungsgruppenleiter am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE).

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