https://www.faz.net/-isn-9o3m7
Verlagsspezial

: Sichere Daten für eine bessere Medizin

Patientenbezogene Daten werden in Zukunft essentiell. Bild: wladimir1804/Adobe Stock

Einzunehmende Medikamente, Vorsorgetermine, Untersuchungsergebnisse, Laborwerte, Röntgenbilder: Gesundheitsrelevante Daten fallen bei jedem Arztbesuch an. Doch bisher gibt es kein System, das alle Informationen zusammenbringt und sie für den einzelnen Patienten, die behandelnden Ärzte und auch für die Forschung verfügbar macht.

          3 Min.

          Man stelle sich Folgendes vor: Geldautomaten gibt es nicht. Man muss für Bankgeschäfte im Foyer der Filiale eine Nummer ziehen. Die Wartezeit beträgt im Schnitt eine gute Stunde, die man im Kreis von hustenden und prustenden Leidensgenossen auf einem harten Stühlchen verbringt. Wird man endlich für durchschnittlich sieben ­Minuten zum Sachbearbeiter vorgelassen, hat der den gewünschten Gehaltsscheck wahrscheinlich gerade verlegt oder noch nicht in der Post und schlägt daher vor, am nächsten Tag noch einmal wiederzukommen und am besten das Gehalt doch lieber in bar mitzubringen oder auf einer CD. Auch der gewünschte Termin für eine Eigenheimfinanzierung ist frühestens im nächsten Quartal zu bekommen. Aus Sicherheitsgründen ist jedoch eine Anmeldung per E-Mail nicht möglich. Man muss direkt in die Fachfiliale gehen und persönlich einen Termin vereinbaren, wobei heute leider schon geschlossen ist. Es wird geraten, alle Kontoauszüge mitzubringen, weil die Kreditabteilung nicht an das Internet angeschlossen ist. Im Hinausgehen wird noch Geld abgehoben. Hierzu trägt man einen kleinen roten Zettel in das nahe gelegene Geldausgabegeschäft mit dem roten A. Der freundliche Mensch im weißen Kittel fragt dort, ob man wirklich diese Währung wolle, denn er hat ja keine weiteren Informationen über den Kunden. Das wären ja Zustände wie im Gesundheitssystem, sagen Sie? Da haben Sie den Nagel auf den Kopf getroffen.


          Technische Rückständigkeit kollidiert mit medizinischen Innovationen

          Was heute bei Geldgeschäften mehr als vorsintflutlich klingt, ist in der Medizin in vielen Bereichen nach wie vor üblich. ­Zusammenhängende Datenstrukturen, die den Patienten durch alle Sektoren des Gesundheitssystems begleiten, sind bisher noch nicht zustande gekommen. Dabei sind diese papierbasierten Prozesse nicht nur mit Ärger und Verzögerungen verbunden, sondern haben in vielen Fällen auch handfeste, ja zum Teil sogar lebensbedrohliche Konsequenzen für die Betroffenen. Wenn menschliche oder systematische Fehler, wie zum Beispiel inkompatible Medikamente oder das gehäufte Auftreten von Problemkeimen, mangels Informationsfluss nicht rechtzeitig erkannt werden können, ist das nicht einfach nur lästig.
          Im Gegensatz zur technischen Rückständigkeit des Verbindungssystems hat sich der digitale Fortschritt in der Medizin in den vergangenen Jahren dramatisch weiterentwickelt: Bei vielen Methoden, wie der Bildgebung durch Magnetresonanz- oder Computertomographie, der DNA-Sequenzierung für die individualisierte Krebstherapie oder bei computergestützten Verfahren in der Chirurgie, sind Patienten heute schon vital darauf angewiesen, dass große Datenmengen schnell verarbeitet, von den behandelnden Ärzten verstanden und für die Behandlung genutzt werden.
          Woran fehlt es? Patienten werden im deutschen Gesundheitssystem heute weitgehend im Unklaren gelassen über die Art und den Inhalt der Daten, die über sie vorhanden sind. Besser wäre es, Patienten selbst über alle ihre Gesundheitsdaten verfügen zu lassen. Je nach persönlicher Einstellung und Notwendigkeit können diese dann ganz oder zum Teil mit behandelnden Ärzten, Pflegepersonen, Krankenhäusern, Apotheken und anderen Anbietern digitaler Gesundheitsdienstleistungen geteilt werden. Dabei werden die digitalen Daten entweder vom Patienten selbst am Computer oder via Handy weitergegeben oder durch eine Vertrauensperson, wie beispielsweise einen Angehörigen oder den eigenen Hausarzt.
          Dies ist eigentlich, zumal in anderen Ländern, Stand der Technik. In Deutschland wird zumindest an vielen Stellen daran geforscht. So wird unter dem Dach des Deutschen Krebsforschungszentrums zurzeit ein System mit dem Projektnamen DataBox entwickelt, das Patienten ermög­lichen soll, ihre Daten selbständig oder mit Unterstützung zu sammeln und mit den Ärzten ihres Vertrauens zu teilen. Auf diese Weise sollen alle wichtigen Informationen sofort verfügbar sein. Allein der Patient hat alle Rechte an seinen Daten.


          Neue Therapien durch die Analyse großer Datenbestände

          Darüber hinaus muss sich das deutsche Gesundheitssystem unter Wahrung bester Datensicherheit zu einem lernenden System wandeln, das in der Lage ist, abgelaufene Vorgänge zu analysieren und sich fortlaufend zu verbessern. Dies gilt nicht nur für Komfortmerkmale wie Terminvereinbarungen oder die bequemere Übermittlung von Röntgenaufnahmen und Arztbriefen, sondern insbesondere für die Absicherung und Weiterentwicklung der Therapien für chronische, schwere und lebensbedrohliche Erkrankungen. Experten erhoffen sich aus der anonymisierten Analyse großer Datenbestände Qualitätsverbesserungen, mehr Sicherheit und im Idealfall neue Diagnosemethoden und Behandlungskonzepte. Was in anderen Lebensbereichen selbstverständlich geworden ist und im Straßen­verkehr, in der Luftfahrt und am Arbeitsplatz viele Menschenleben rettet, muss endlich auch in der Medizin in Form einer guten Datenverarbeitung Einzug halten.
          Interessanterweise gibt es im Medizinbereich schon landesweit funktionierende, komplette Netzwerke des Datenaustausches, in denen persönliche Daten, Diagnosen und Ergebnisse übermittelt werden und nichts verlorengeht: Ärzte und Krankenhäuser können ihre Leistungen ausschließlich elektronisch bei den Krankenkassen abrechnen. Ohne Digitalisierung fließt kein Geld. Für die Finanzströme im Gesundheitssystem beträgt daher der Digitalisierungsgrad auch in Deutschland schon seit Jahren hundert Prozent.
          Jetzt müssen wir auch die Inhalte zur Vorbeugung, frühen Diagnosestellung und Therapie von Krankheiten auf diesen Stand bringen. Wir schulden es den Menschen, zu erkennen, wie sich unsere Maßnahmen auf ihr Leben auswirken. Nur dann werden wir in der Lage sein, in der Medizin einer Vision Zero von der Verhinderung aller vermeidbaren Todesfälle in großen Schritten näher zu kommen. Bessere Daten sind eine gute Medizin.

          Professor Dr. med. Christof von Kalle ist BIH Chair für Klinisch-Translationale ­Wissenschaften des Berliner Instituts für Gesundheitsforschung an der Charité Universitätsmedizin Berlin und Gründungsdirektor des gemeinsamen Klinischen Studienzentrums.

          Topmeldungen

          : Nationale Dekade gegen Krebs: starke Forschung für eine bessere Versorgung

          Rund eine halbe Million Menschen erkranken allein in Deutschland jährlich neu an einer Krebserkrankung. Die Entwicklung zeigt einen steigenden Trend und stellt Gesundheitswesen und Gesellschaft vor enorme Herausforderungen. Deshalb wurde die „Nationale Dekade gegen Krebs“ als gemeinsame Initiative gestartet.
          Überholte Regularien und Prozesse können für medizinische Innovationen Barrieren auf dem Weg zum Patienten darstellen.

          : Gemeinsam den Zugang zu Innovationen sicherstellen

          Ohne Forschung keine neuen Therapien. Auch deshalb haben Ministerien mit anderen Partnern die Nationale Dekade gegen Krebs gestartet. Die Dekaden-Ziele sind ehrgeizig: Es geht um die Stärkung der onkologischen Grundlagenforschung und um den rascheren Wissenstransfer vom Labor zum Krankenbett. Was braucht es dafür?

          Interview : Stärke im Netzwerk für Wissenschaft und Versorgung

          Die Fortschritte in der Krebsmedizin entwickeln sich mit so enormer Geschwindigkeit, dass kein Experte und keine Klinik alleine den kompletten Überblick behalten kann. Michael Hallek, Direktor des CIO Aachen Bonn Köln Düsseldorf, spricht über die zukünftige Behandlung von Krebspatienten in Netzwerken und die Perspektiven der Onkologie in Deutschland.
          Weltweite Konkurrenz prägt auch die Medizin. Die Akteure in Deutschland dürfen mehr Anstrengungen unternehmen, um im Wettbewerb zu bestehen.

          : Die Krebsmedizin als Wirtschaftsfaktor

          Den Blick auf Krebserkrankungen kennzeichnen sowohl die bahnbrechenden Fortschritte in Diagnose und Therapie als auch eine Kostendebatte. Häufig wird die wirtschaftliche Bedeutung vergessen. Diese zeigt die Stärke der Vereinigten Staaten gegenüber Europa und Deutschland, die Rolle der Politik und die gewaltigen ­Bestrebungen von China, an die Spitze der Krebsforschung zu treten.