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Verlagsspezial

: Plädoyer für Prävention und Früherkennung

Bild: paitoonpati/Adobe Stock

Neue Therapien und medizi­nische Verfahren finden den Weg zum Patienten nicht immer leicht. Noch herausfordernder ist die Situation für die die Bereiche Präven­tion und Früherkennung.

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          Neue Besen kehren gut, weiß der Volksmund, und allem Anschein nach trifft dies auch auf Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zu, ist doch seit seinem Amtsantritt in der Gesundheitspolitik vieles in Bewegung geraten.


          Beispiele: Organspende und Masern-Schutzimpfung

          Bei der Novellierung des Transplantationsgesetzes wird es, wie in seltener Einmütigkeit von Jens Spahn und Karl Lauterbach empfohlen, entweder eine erweiterte Widerspruchslösung bei Organspenden geben, oder es wird sich eine regelmäßige Beratung der Bürger über den Sinn beziehungsweise Notwendigkeit von Organspende durchsetzen. Wie auch immer die Diskussion ausgeht, schon jetzt ist abzusehen, dass sich die Perspektive der auf Spenderorgane wartenden Patienten deutlich verbessern wird.
          Die Masern-Schutzimpfung soll nach jahrelangem Zögern nun für alle Kita- und Schulkinder Pflicht werden. Im Falle einer Nichtbeachtung könnten sogar Bußgelder von bis zu 2500 Euro fällig werden. Vielleicht lässt sich so doch noch erreichen, was ­eigentlich schon 2015 erreicht sein sollte – die Eliminierung der Masern.
          Mit anderen Worten: Themen, die viele Jahre als heiße Eisen galten, halbherzig angegangen wurden oder es gar nicht erst auf die Prioritätenliste geschafft haben, werden plötzlich angepackt und mutig diskutiert. Das stimmt optimistisch und lässt hoffen, dass auch die dringend notwendige Neuordnung der Darmkrebsprävention endlich die Aufmerksamkeit erhält, die sie verdient.


          Deutschland hinkt in der Prävention hinterher

          Es ist schon erstaunlich, dass es bisher nicht gelungen ist, bei der Prävention und Früh­erkennung von Darmkrebs von unseren Nachbarn zu lernen. So gibt es beispielsweise in den Niederlanden seit Jahren ein landesweites Einladungsverfahren, bei dem die Angehörigen der Zielgruppen von einer zentralen staatlichen Stelle einen immunologischen Test auf Blut im Stuhl nach Hause geschickt bekommen. Wenn sie ihn in Anspruch genommen haben, stecken sie diesen in einen beigelegten Rückumschlag und können ihn per Post an ein Labor senden. Die Teilnahmeraten liegen bei diesem einfachen Verfahren seit Jahren bei über 70 Prozent.
          Obwohl sich in Deutschland alle relevanten medizinischewissenschaftlichen Fachgesellschaften nachdrücklich für ein vergleichbares Einladungsverfahren ausgesprochen haben, beschloss der G-BA ein wesentlich komplizierteres Verfahren, bei dem Testwillige bis zu drei Mal ihren Arzt aufsuchen müssen – um den Test entgegenzunehmen, ihn für die Auswertung wieder dorthin zu bringen und dann noch einmal, um das Ergebnis zu erfahren. Erwartet wird, dass die Teilnahmerate mit dem Einladungsverfahren nur unwesentlich höher ausfallen wird als diejenige, die sich bei dem seit einem Jahr als Kassenleistung eingeführten immunologischen Test abzeichnet: Sie liegt bei lediglich 20 Prozent. In der Konsequenz ist davon auszugehen, dass deshalb zahlreiche Vorstufen von Darmkrebs nicht erkannt und Krebserkrankungen nicht vermieden werden.


          Dringend mehr Engagement gefordert

          Über 60000 Darmkrebs-Neuerkrankungen pro Jahr in Deutschland sind ein Signal. Es ist höchste Zeit, dass Gesundheits- und Standespolitiker auch beim Thema Darmkrebsprävention endlich aktiv werden. Es braucht einen politisch-gesellschaftlichen Konsens, wonach die jetzige Situation bei der Prävention und Früherkennung von Krebserkrankungen inakzeptabel ist. Statt in Besitzständen und Silos zu denken, helfen beim Thema Krebs eng vernetztes Handeln und Kooperationen weiter. Und schließlich braucht es so schnell wie möglich eine digitale Infrastruktur mit elektronischer Patientenakte, in die alle Leistungserbringer die erhobenen Patientendaten vollständig und in strukturierter Form einpflegen. Dies bietet für den einzelnen Patienten enorme Vorteile und ermöglicht, seine Versorgung zu optimieren. Werden die Daten in anonymisierter Form der medizinischen Forschung zur Verfügung gestellt, profitieren zudem künftige Patienten von der wissenschaftlichen Auswertung.
          Dass dieses Vorgehen Anfangsinvestitionen erfordert, liegt auf der Hand. Jedoch könnte eine dringend notwendige volkswirtschaftliche Kostenrechnung für Krebserkrankungen die wahre finanzielle und gesellschaftliche Dimension dieser Krankheit erkennen lassen. Dies würde allen Beteiligten wahrscheinlich helfen, schneller die grundlegenden, erforderlichen Entscheidungen im Sinne von Prävention und Früherkennung von Krebserkrankungen zu treffen.

          Dr. Georg Ralle ist Generalsekretär des ­Netzwerks gegen Darmkrebs in München, und er leitet die Konferenz „Vision-Zero“, die im Ernst-Cramer des Axel Springer Verlags in Berlin stattfindet.

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