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Verlagsspezial

: Nationale Dekade gegen Krebs: starke Forschung für eine bessere Versorgung

Bild: Syda Productions/Adobe Stock

Rund eine halbe Million Menschen erkranken allein in Deutschland jährlich neu an einer Krebserkrankung. Die Entwicklung zeigt einen steigenden Trend und stellt Gesundheitswesen und Gesellschaft vor enorme Herausforderungen. Deshalb wurde die „Nationale Dekade gegen Krebs“ als gemeinsame Initiative gestartet.

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          Krebs ist in Deutschland die zweithäufigste Todesursache und die wahrscheinlich am meisten gefürchtete Krankheit. In den nächsten 20 Jahren wird sich die Zahl der Krebsneu­erkrankungen weltweit verdoppeln. Allein in Deutschland ist gegen Ende des Jahrzehnts mit einem Anstieg der Krebsneuerkrankungen von derzeit 500 000 auf 600 000 Fälle jährlich zu rechnen. Bedeutende Ursachen sind unsere älter werdende Gesellschaft und eine un­gesunde Lebensweise. Gleichzeitig leben immer mehr Menschen immer länger mit ihrer Krebserkrankung.


          Gemeinsame Initiative aller Akteure

          Um die Perspektiven der Krebspatienten spürbar zu verbessern, müssen neue Möglichkeiten der Therapie und Nachsorge erforscht werden und möglichst schnell den Betroffenen zugutekommen. Mit verbesserter Früherkennung soll ein möglichst hoher Anteil an Krebserkrankungen in einem frühen, heilbaren Stadium entdeckt werden. Parallel dazu müssen wirksame Wege der Prävention entwickelt und umgesetzt werden, um die Zahl an neuen Krebsfällen langfristig zu senken.
          Deutschland braucht daher neben dem Nationalen Krebsplan, der sich vorrangig auf die Weiterentwicklung der Versorgung konzentriert, auch eine langfristige Forschungsstrategie im Kampf gegen den Krebs. Ein größeres Bewusstsein aller Akteure für eine starke Krebsforschung, für gezielte Forschung zur Krebsprävention, für die Stärkung klinischer Studien, für eine bessere Verzahnung von Forschung und Versorgung und eine schnellere Überführung neuer, wirksamer Präventions-, Diagnose- und Therapieansätze in die Praxis ist dringend notwendig.
          Deshalb hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung gemeinsam mit dem Bundesministerium für Gesundheit und zahlreichen weiteren Partnern die auf zehn Jahre angelegte „Nationale Dekade gegen Krebs“ ins Leben gerufen. In dieser einmali­gen Initiative arbeiten Vertreter aus ­Politik, Krebsforschung, Forschungsförderung, Gesund­heitswesen, Wirtschaft und Gesellschaft zusammen. Die Akteure treten an mit der Mission, alle Kräfte in Deutschland zu mobilisieren und Krebs gezielt und erfolgreich zu bekämpfen.


          Zunehmende Bedeutung von Daten

          Im Rahmen der Dekade will ein breites Bündnis von Partnern die onkologische Forschung in Deutschland weiter stärken und das Ziel verfolgen, ihren Spitzenplatz im internationalen Vergleich auszubauen. Durch die forschungsgetriebene Entwicklung neuer, personalisierter Behandlungsmethoden und die Weiterentwicklung bereits bestehender Therapien soll sowohl die Lebensqualität verbessert als auch das Überleben nach ­einer Krebsdiagnose verlängert werden.
          Krebserkrankungen zeichnen sich durch eine enorme Heterogenität aus, die am besten in großen, vernetzten Forschungsstrukturen wirksam bewältigt werden kann. Die molekulare Stratifizierung der Tumoren bedingt immer spezifischere klinische Studien an immer kleineren Patientenkohorten, die sich vielfach nur im nationalen oder internationalen Verbund realisieren lassen. Dabei haben wir mit den Standorten des Deutschen Krebskonsortiums (DKTK) sowie den Nationalen Centren für Tumorerkrankungen mit ihren bisher zwei Standorten Heidelberg und Dresden ein tragfähiges Fundament aufgebaut, was es nun in Zukunft weiter auszubauen gilt.
          Durch den intensiven Austausch von Ressourcen und Daten aller ­Netzwerkpartner und den Einsatz digitaler Technologien ­lassen sich viele Prozesse deutlich beschleunigen. Die Vernetzung zahlreicher Standorte, die exzellente Forschung mit herausragender Krebsmedizin verbinden, ermöglicht es, drängende Forschungsfragen multidisziplinär und sektorenübergreifend zu adressieren. Hierzu gehören neben der Weiterentwicklung der onkologischen Diagnostik und Therapie auch die Krebsnachsorge und die Betreuung von Krebs-Langzeitüberlebenden.
          Auch für die internationale Konkurrenz­fähigkeit der deutschen Krebsforschung ist eine umfassende Vernetzung der ­beteiligten ­Akteure entscheidend. Nur im Zusammen­schluss kann sich die Krebsmedizin in Deutschland gegen die größeren und stetig wachsenden Comprehensive Cancer Center in den USA und zunehmend auch in China behaupten. Insbesondere mit der zunehmend exzellenten Grundlagenforschung in China, die immer mehr Patente hervorbringt und klinische Prüfungen initiiert, ist inzwischen ein weiterer ernstzunehmender Konkurrent entstanden.


          Forschungsfortschritt aktiv umsetzen

          Forschungserfolge sollen möglichst schnell bei den betroffenen Menschen ankommen. Um eine flächendeckende Erreichbarkeit für Krebskranke und die Vernetzung mit regio­nalen und überregionalen Versorgungseinrichtungen sicherzustellen, müssen die Krebsforschungsstrukturen in Deutschland weiter gestärkt und ausgebaut werden – etwa die Standorte des NCT oder die Comprehensive Cancer Center. Gleichzeitig müssen Strukturen gefördert werden, um die neuesten Erkenntnisse aus der aktuellen Forschung für jeden Arzt, der Krebspatienten betreut, bereitzustellen. Hierdurch erhalten mehr Menschen die Chance, von herausragender Versorgung und wissenschaftlicher Exzellenz aus einer Hand zu profitieren.
          Außerdem sollen die Erfahrungen und Daten aus Kliniken und Arztpraxis vermehrt in wissenschaftliche Projekte zurückfließen. Damit wird erreicht, dass Krebsforschung gezielt die praxisrelevanten Probleme angehen kann.


          Chancen der Prävention besser nutzen

          Die Forschung zur Gesunderhaltung und zur Prävention sowie zur Krebsfrüherkennung muss in enger Zusammenarbeit mit dem Nationalen Krebsplan ausgebaut werden. 40 Prozent aller Krebsfälle ließen sich durch Primärprävention, also Lebensstil­änderung und Impfungen, vermeiden. Weitere Krebserkrankungen können darüber hinaus durch die Teilnahme an Programmen zur Krebsfrüherkennung verhindert oder der Krebs in einem frühen, besser heilbaren Stadium entdeckt werden. Mit der Entwicklung von wirksamen Methoden der risikoangepassten Krebsfrüherkennung für Menschen mit einem erhöhten Krebsrisiko soll auch die Prävention zunehmend personalisiert werden.
          Als eine wesentliche Maßnahme der ­Dekade werden die Deutsche Krebshilfe und das Deutsche Krebsforschungszentrum in einer strategischen Partnerschaft ein Nationales Krebspräventionszentrum aufbauen. Hier sollen unter einem Dach Grundlagen der Krebsprävention erforscht und aus den Ergebnissen Empfehlungen abgeleitet werden. Ein weiteres Anliegen des Präventionszentrums ist es, die Prävention breit in der Gesellschaft zu verankern und dafür spezielle Maßnahmen und Programme zu entwickeln, die etwa in Krebszentren, Arztpraxen oder in Schulen flächendeckend in Deutschland umgesetzt werden können.
          Gesundheitsforschung ist nur dann erfolgreich, wenn sie die Menschen erreicht. Daher müssen Patientenvertreter in onkologische Forschungsthemen einbezogen werden. Die Bürgerinnen und Bürger ­werden damit aktiv in die ­Dekade eingebunden und bringen zusätzlich ihre Sichtweise und Expertise ein. Um die Krebsforschung in Deutschland zukunftsfähig zu halten, ist dafür zu sorgen, dass die nächsten Generationen von Ärzten und Krebsforschern exzellent und umfassend ausgebildet werden. Mit einer aktiven Kommunikation sollen die Menschen in Deutschland für die Bedeutung der Krebsforschung sensibilisiert und Fortschritte und Erfolge in die Öffentlichkeit getragen werden, und insbesondere soll das Bewusstsein für aktive Prävention und Früherkennung gestärkt werden.

          Professor Dr. Michael Baumann ist ­Vorstandsvorsitzender des ­Deutschen ­Krebsforschungszentrums und ­Ko-Vorsitzender des Strategiekreises der Nationalen Dekade gegen Krebs.

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