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Verlagsspezial

Bild: Uniklinikum Köln

Interview : Stärke im Netzwerk für Wissenschaft und Versorgung

Die Fortschritte in der Krebsmedizin entwickeln sich mit so enormer Geschwindigkeit, dass kein Experte und keine Klinik alleine den kompletten Überblick behalten kann. Michael Hallek, Direktor des CIO Aachen Bonn Köln Düsseldorf, spricht über die zukünftige Behandlung von Krebspatienten in Netzwerken und die Perspektiven der Onkologie in Deutschland.

          Herr Professor Hallek, seit April wird das gemeinsame Krebszentrum der Universitätskliniken Aachen, Bonn, Köln und Düsseldorf als onkologisches Spitzenzentrum gefördert. Welche Ziele verfolgt dieses Comprehensive Cancer Center?
          Michael Hallek: Der Aufbau unseres gemeinsamen Krebszentrums „Centrum für Integrierte Onkologie – CIO“ wurde 2004 in Köln begonnen. 2006 haben wir uns mit der Uniklinik Bonn zusammengeschlossen. Im Jahr 2018 sind mit Aachen und Düsseldorf zwei weitere Partner dazugekommen. Jetzt arbeiten also über 200 universitäre ­Kliniken und Institute an vier Standorten in der Krebsmedizin und -forschung zusammen. Das ist in Europa einmalig. Ein Ziel ist, in unserer Region mit insgesamt über zehn Millionen Einwohnern ein abgestimmtes Konzept für die Behandlung und die Forschung zu Krebserkrankungen zu erarbeiten. Außerdem wollen die vier Standorte gemeinsam Spitzenforschung in Verbünden organisieren. Kurz: es soll das Potential von vier Universitäten genutzt werden, um  schnellere und größere Fortschritte für Krebspatienten weltweit zu erzielen.

          Wie werden die Patienten in dieser Region von diesem Zusammenschluss profitieren?
          Die Krebspatienten im Rheinland werden den konkreten Nutzen dieser Kooperation in ihrer Versorgung spüren. Schließlich werden die Spezialkenntnisse exzellenter ­Experten aus den vier Standorten gebündelt und ­fließen ein in die Behandlung des einzelnen Patienten. Das verbessert die Situation enorm im Vergleich zur früheren Konkurrenz­situation. Profitieren werden davon auch die Patienten in den mit uns kooperierenden Praxen und nichtakademischen Kranken­häusern. Wir wollen das medizinische ­Wissen zu den Patienten bringen.

          Kann diese Kooperation als Vorbild für andere Regionen in Deutschland gelten?
          Dieser Verbund kann sehr wohl als Vorbild für andere Regionen dienen, wenn es gelingt, das Projekt CIO Aachen, Bonn, Köln und Düsseldorf erfolgreich voranzutreiben. Bei den einzelnen Projektpartnern hat diese ­Kooperation jedenfalls sehr viel Positives und eine ganz starke Dynamik ausgelöst. Der Wille zu mehr Miteinander und eine ­große Motivation zu noch höherer Qualität lässt sich bei vielen Beteiligten spüren.

          Die Onkologie hat durch die Nutzung von molekularen und genetischen Daten die Personalisierung der Therapie ermöglicht. Was braucht es, damit die Potentiale in der Versorgung genutzt werden können?
          Es braucht dafür vor allem vernetzte Systeme, in denen das Wissen an alle Partner weitergegeben wird. Ein solches Konzept bündelt das Know-how der führenden Experten auf dem jeweiligen Gebiet und stellt es den anderen zur Verfügung. Gleichzeitig strebt jeder Experte beziehungsweise jedes Institut und jede Klinik auf seinem Spezialgebiet nach ständiger qualitativer Verbesserung. Ein Beispiel: Das für eine bestimmte Tumorerkrankung ausgewiesene pathologische Institut führt die molekulare Diagnostik durch und stellt die Ergebnisse allen Ärzten und Patien­ten in einer Region oder in einem Land zur Verfügung. Es wird zukünftig unmöglich sein, das gesamte diagnostische Wissen an jedem einzelnen Ort, also in jeder einzelnen diagnostischen Einrichtung oder in jedem einzelnen Krankenhaus, umfänglich vorzuhalten. Stattdessen kommt es zu Spezialisierungen. Dieses Wissen wird allen Patienten zugutekommen, wenn es in Netzwerke eingebunden und genutzt werden kann.

          Die Immunonkologie ist heute etabliert. Die Kombination verschiedener Wirkstoffe mit und ohne Chemotherapie steigert die Wirksamkeit, aber auch die Komplexität. Wie lässt sich dieser Weg erfolgreich fortsetzen?
          Die Immunonkologie steigert die Wirksamkeit verschiedener Behandlungsprinzipien, in einigen Fällen wirkt sie aber auch allein, wie man beim Hodgkin-Lymphom in der Behandlung mit den Checkpoint-Inhibitoren sehen kann. Trotz der bestehenden Erfahrungen ist auf diesem Feld noch sehr viel Forschungsarbeit zu leisten, um besser zu verstehen, welche Patienten auf welche Behandlung ansprechen. Das Ziel ist, schon vor Therapiebeginn zu erkennen, welche Therapie bei dem jeweiligen Patienten am vielver­sprechendsten ist. Bei der Kombination verschiedener Immuntherapien stehen wir hier fast noch am Anfang. Es laufen zahlreiche Studien, in denen die Wirksamkeit einzelner Therapeutika in Kombination, beispielsweise mit gezielten Medikamenten oder auch mit Chemotherapie, erhöht werden kann.

          Die CAR-T-Zell-Technologie gehört zu den innovativsten Verfahren mit der Hoffnung, Krebs vielleicht einmal heilen zu können. Aber auch mit der Gefahr, dass Patienten die Nebenwirkungen der ­Therapie nicht überleben. Liegt die Zukunft in der Gentherapie?
          Die CAR-T-Zell-Therapie ist hoch wirksam. Die Nebenwirkungen sind akut und in der Regel gut zu bewältigen. Dafür muss während der Behandlung ein geschultes Team mit intensivmedizinischer Kompetenz vorgehalten werden, um bei Nebenwirkungen schnell, entschlossen und bestmöglich handeln zu können. In dieser CAR-T-Zell-Technik liegt sehr viel Potential. Auch hier sind – wie in den anderen Therapieverfahren – noch weitere, wesentliche Verbesserungen zu erarbeiten. Das Verfahren muss insgesamt sicherer und wirksamer gemacht werden., Die Herstellung muss vereinfacht werden. Außerdem steht eine CART-T-Zelltherapie nur für wenige Krebsarten zur Verfügung.

          Welche anderen Technologien sehen Sie bereits am Horizont?
          Hier sehe ich vor allem die Technologie der „Liquid Biopsies“ ganz stark im Kommen. Mit diesem Verfahren lässt sich in der Zukunft die Krebstherapie steuern, indem die Veränderungen der Tumorzellen, beispielsweise Resistenz-Mutationen auf einen Wirkstoff, direkt in die Steuerung der weiteren Therapie einfließen. Außerdem setze ich ­große Hoffnung in die Behandlung durch Genome Editing, also die Korrektur fehlerhafter Gene, bei gutartigen Erkrankungen des blutbildenden Systems. Zu den ersten Anwendungen werden die Sichelzellanämie und die Thalassämie zählen.

          Kontrovers werden die hohen Kosten der neuen Medikamente und Verfahren ­diskutiert. Insbesondere die CAR-T-Zell-Technologie steht in diesem Punkt am Pranger, weil sie mit mehreren hunderttausend Euro pro Patient zu Buche s­chlagen kann. Für wie viele Patienten kommt diese Therapie heute in Frage?
          Aktuell kommen diese Verfahren in Deutschland noch nicht für viele Patienten in Frage, geschätzt etwa ein- bis zweitausend Lymphom-Patienten pro Jahr. In Kürze ­werden die multiplen Myelom-Patienten dazukommen. Da die Behandlung teuer ist, muss sorgfältig mit der Indikationsstellung umgegangen werden. Wichtig ist, dass nach wie vor der behandelnde Arzt die Entscheidung trifft, ob diese Behandlung sinnvoll ist. Den neuen Trend, dass nach Kosten­gesichtspunkten am grünen Tisch entschieden wird, welcher Patient behandelt werden soll, heiße ich nicht gut. Der Arzt gehört zu den freien Berufen; er muss unabhängig von allen anderen Interessen im Interesse des Patienten entscheiden können. Diese Freiheit darf durch ökonomische oder andere Zwänge nicht prinzipiell in Frage gestellt werden.

          Wie schätzen Sie das Potential ein?
          Das zukünftige Potential der CAR-T-Zell-Therapie ist hoch, wenn es gelingt, auch bei soliden Tumoren die richtigen Antigene zu identifizieren und dort eine sichere Behandlung durchzuführen. Allerdings wird abzuwarten sein, ob die CAR-T-Zell-Therapien nicht zu viele Nebenwirkungen haben, indem sie auch gesunde Gewebe schädigen.
          Eine Kostensenkung erhoffe ich mir vor allem bei der Produktion der CAR-T-Zellen durch vereinfachte und schnellere Verfahren sowie durch eine dezentrale Produktion vor Ort. Es gibt verschiedene Unternehmen, die an neuen Verfahren arbeiten. Davon erhoffe ich mir einen Innovationssprung und gleichzeitig eine Kostenreduktion.

          Das Gesundheitswesen verbinden viele Betrachter allein mit Ausgaben. Gleichzeitig birgt die Medizin enorme wirtschaftliche Potentiale. Was sollte in Deutschland ­unternommen werden, damit die Krebsmedizin ökonomisch gewinnen kann?
          Dieser Aspekt wird in Deutschland häufig übersehen. Ich halte es für wesentlich, dass die Krebsmedizin und die Medizin insgesamt innovativ und vorwärtsgerichtet gestaltet werden. Damit könnten sich sogar Risiken bei anderen Industriesegmenten, in denen Deutschland Arbeitsplätze ins Ausland zu verlieren droht, ausgleichen lassen. Viele der neuen Verfahren haben ihren Ursprung in der Forschung. Auch das ist ein Gebiet, in dem andere Länder wie Amerika oder China die Treiber sind.

          Wie kann Deutschland hier aufholen?
          Deutschland muss noch stärker und konsequenter in die Forschung investieren. Amerika und China treiben die Innovationen in der Medizin mit milliardenschweren Investitionen sehr ­entschlossen voran. Die Nationale Dekade gegen Krebs und überhaupt die Besinnung auf die starke Grundlagenforschung und die noch viel wichtigere klinische Forschung in Deutschland müssen dazu führen, dass in diesen Bereichen mehr investiert wird. Als Innovations- und Exportland können wir es uns nicht leisten, auf den wichtigen zukunftsweisenden Gebieten der ­Medizin keine Weltmarktführungs­position zu haben.
          Außerdem brauchen wir dringend eine Kultur der Innovation und mehr Gründergeist. Dazu gehören ­öffentliche Förde­rungen oder die Unterstützung von ­Kapitalgebern, die gezielt Mittel für ­frühe Phasen der klinischen Entwicklung bereit­stellen. Schließlich hängt eine ­niedrigere Innovationskraft in der ­Medizin mit der extrem hohen ­bürokratischen Last zusammen, die Unternehmen ­schultern müssen, um in Europa neue Substanzen oder Therapieprinzipien bis zur ­Marktreife zu entwickeln. Dies ist eine ­öffentliche Aufgabe. Sie sollte ohne ­Zweifel mit dem notwendigen Aufwand für die Patien­tensicherheit gelöst werden. Die überwachenden Behörden müssen sich aber auch der Verantwortung stellen, dass sie durch umständliche, zu ­fragmentierte, teilweise föderal geprägte Bürokratie de facto den Fortschritt verlangsamen und die Forschungsfreiheit ­einschränken können. Hier besteht ein öffentlicher ­Diskussionsbedarf und ein erhebliches Verbesserungspotential.

          Das Interview führte Anna Seidinger.

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