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Verlagsspezial

: Individuelle Behandlung der Patienten dank Präzisionsonkologie

Bild: Eisenhans/Adobe Stock

Krebspatienten können heute sehr viel individueller behandelt werden als noch vor einigen Jahre. Für die Therapie werden Analysen der Erbinfor­ma­tionen im ­Tumorgewebe ­genutzt, nachdem sich das Verständnis für die ­zellu­lären Grundlagen ­bösartiger ­Erkrankungen ­sowie die ­molekulare ­Diagnostik ­immer weiter verbessert haben.

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          Seit etwa zwanzig Jahren stehen in der Onkologie neben Chemo- und Strahlentherapie auch zielgerichtete Therapeutika zur Verfügung. Diese Medikamente können das Wachstum von Tumorzellen auf vielfältige Art hemmen und haben die Krebstherapie entscheidend weiterentwickelt. So konnten vormals tödliche Erkrankungen teils in langfristig stabile Verlaufsformen überführt werden.


          Zentral: molekulare Diagnostik

          Während mehr als 1000 Wissenschaftler im Rahmen des Humangenomprojekts von 1990 bis 2003 an der Entschlüsselung des ersten menschlichen Genoms gearbeitet haben und das Projekt etwa drei Milliarden Dollar verschlang, ­können vergleichbare Untersuchungen heute in Wochenfrist und für einen Bruchteil der Kosten durchgeführt werden: Diese schnell verfügbaren, molekularen Analysen einer Tumorzelle haben entscheidend dazu beigetragen, dass die Präzisionsonkologie weiterentwickelt wurde. Hierfür stehen verschiedene Tests zur Verfügung: die Überprüfung einer begrenzten Anzahl an Genen; Untersuchungen, welche die gesamte kodierende Region des Genoms zum Ziel haben; schließlich die Entschlüsselung der gesamten Erbinformation. Ergänzt wird dies dadurch, dass die Bauanleitung der zellulären Proteine und schließlich der fertig hergestellten Eiweiße analysiert werden. Auf diese Weise sollen Veränderungen in den Tumorzellen identifiziert werden, die im Idealfall Behandlungen ­ermöglichen, welche in die Teilungs­maschinerie der Krebszelle eingreifen und diese hemmen.


          Der lange Weg zur Anwendung

          Das Zusammenspiel von moderner Dia­gnostik und neuartigen Therapeutika bedeutet für zahlreiche bösartige Erkran­kungen eine deutliche Verbesserung bei der Behandlung. Es sind zunehmend ­kleine Patientengruppen betroffen, deren Tumor­erkrankungen durch gemeinsame genomische Veränderungen charakterisiert sind. Aus diesem Grund können die gleichen Medi­kamente bei verschiedenen Tumor­erkrankungen eingesetzt werden. Aufgrund dieser Erfolge steigt die Zahl der Patienten ständig an, die eine erweiterte molekulare Diagnostik erhalten.
          Die wissenschaftliche Evidenz für den Einsatz molekular-zielgerichteter ­Substanzen ist bei einigen Tumorerkrankungen sehr stark, für viele andere aber nicht. Dies fordert die Wissenschaft, da viele molekulare Veränderungen selten auftreten und sich viele Fragestellungen aufgrund kleiner Fallzahlen und heterogener Patientenkollektive nur unzureichend in klinischen Studien ­beantworten lassen. So orientieren sich viele Therapieansätze an kleinen Fallserien, Analogieschlüssen oder gar biologischer Rationale, was dazu führt, dass Patienten im Rahmen von individuellen ­Heilversuchen behandelt oder Therapien nicht umgesetzt werden. Der Zugang zu zielgerichteten Thera­peutika und deren Vergütung bleiben daher große Hindernisse in der Umsetzung. Um diesen Herausforderungen zu begegnen, wurden vielerorts Präzisionsonkologieprogramme etabliert. Häufig gehören molekulare Tumorboards dazu, in denen interdisziplinäre Expertengremien aus onkologisch tätigen Ärzten, Molekularpathologen, ­Humangenetikern und Grundlagenwissenschaftlern molekularpathologische ­Befunde diskutieren und Therapieempfehlungen ausprechen. Ziel sollte es immer sein, betroffene Patienten in eine klinische Studie einzubinden. Ist das nicht möglich, sollte die Behandlung in klinischen Registern erfasst werden, um den Erfolg oder Misserfolg einer individualisierten Therapie bewerten und Evidenzlücken schließen zu können.


          Zukünftige Entwicklungen

          Basierend auf den Erfahrungen der vergangenen Jahre, scheint das Prinzip der Präzisions­onkologie weiterhin ausgesprochen vielversprechend zu sein. Um das Gesamtkonzept im Sinne der Patienten nachhaltig und sorgfältig in der medizinischen Versorgung zu verankern, müssen alle Komponenten der Präzisionsonkologie, von der Diagnostik bis zur Therapie, adäquat finanziert sowie der Zugang zu innovativen Medikamenten und neuen Behandlungskonzepten ermöglicht werden.

          Dr. med. Benedikt Westphalen ist ärztlicher Mitarbeiter der Medizinischen Klinik III am Klinikum der Universität München und Koordinator für Molekulare Onkologie am Krebszentrum des Comprehensive Cancer Center München.

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