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Verlagsspezial

: Gemeinsam den Zugang zu Innovationen sicherstellen

Überholte Regularien und Prozesse können für medizinische Innovationen Barrieren auf dem Weg zum Patienten darstellen. Bild: Nickolay Khoroshkov/Adobe Stock

Ohne Forschung keine neuen Therapien. Auch deshalb haben Ministerien mit anderen Partnern die Nationale Dekade gegen Krebs gestartet. Die Dekaden-Ziele sind ehrgeizig: Es geht um die Stärkung der onkologischen Grundlagenforschung und um den rascheren Wissenstransfer vom Labor zum Krankenbett. Was braucht es dafür?

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          Die Nationale Dekade gegen Krebs ist eine logische Erweiterung des Nationalen Krebsplans. Der wurde 2008 initiiert, um die Krebsversorgung zu verbessern – zum Beispiel durch bessere Früherkennungsprogramme, Versorgungsstrukturen und wirksamere Behandlungen. Dennoch gibt es in Deutschland noch immer zu wenig ­Präventionsforschung. Und neue Forschungsergebnisse ­gelangen derzeit oft nur schleppend in den Regel­leistungskatalog der gesetzlichen Kranken­ver­sicherung.
          Doch wo genau liegen die Barrieren für den langsamen Innovationstransfer? Reicht es aus, einfach mehr öffentliche Fördergelder einzusetzen oder neue Exzellenzentren aufzubauen? Oder brauchen wir auch neue Prozesse, damit die Patienten rascher von neuen Forschungserkenntnissen profitieren?


          Stärkere Vernetzung gefragt

          Eine der entscheidenden Barrieren besteht darin, dass die Studienergebnisse, die zum Zeitpunkt der Marktzulassung vorliegen, als Grundlage für die Entscheidung über die Aufnahme in den Regelleistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) oft nicht genügen. Ob eine medizinische Neuheit im Versorgungsalltag, zum Beispiel bei Patienten mit mehreren Erkrankungen, wirksam und sicher ist, muss sich nämlich erst noch herausstellen. Deshalb brauchen wir dringend mehr Forschung nach der Zulassung einer Therapie und die entsprechenden Prozesse, um diese Ergebnisse nutzbar zu machen.  
          Einen Ansatz dazu bietet das Konzept der „Wissen generierenden onkologischen“ Versorgung, das 2017 erstmals von Vertretern aus Politik und verschiedenen ­Organisationen im Gesundheitswesen vorgestellt wurde. Im Zentrum dieses Konzepts stehen sogenannte translationale Tumorboards, in denen die behandelnden Ärzte eng mit Spezialisten aus der Forschung zusammenarbeiten. Patienten, die ein neues Therapieverfahren benötigen, ­stellen sich dort vor und profitieren für die Dauer der innovativen Behandlung vom Know-how der Experten, die mit der Innovation vertraut sind. Ganz wesentlich: Der eingeschlagene Behandlungsweg wird sorgfältig dokumentiert, zum Beispiel in Registern. Eine solche Datenerhebung und -auswertung vereinfacht die Überführung einer Innovation in die Regelversorgung erheblich. Und umgekehrt profitiert auch die Forschung davon, wenn sie Daten aus der Versorgung nutzen kann, um zielgerichtet zu forschen und die Versorgung der Menschen weiter zu verbessern.
          Ein Beispiel für die erfolgreiche Vernetzung zwischen Forschung und Versorgung existiert bereits. Im Deutschen Konsortium für familiären Brust- und Eierstockkrebs haben sich derzeit 17 universitäre Zentren zusammengeschlossen, mit dem Ziel, in der Zusammenarbeit mit behandelnden ­Zentren betroffenen Frauen mit einem genetischen Risiko für diese beiden Krebsarten eine gute Versorgung zu bieten. Gemeinsam mit ­Wissenschaftlern aus anderen Ländern gelang es dem Konsortium, neue genetische Risikovarianten zu identifizieren. Die Ergebnisse erlauben eine verbesserte Risiko­vorhersage sowohl für die Allgemeinbevölkerung als auch für Mutationsträgerinnen.


          Leistungsrechtliche Barrieren

          Doch gefragt ist nicht nur eine gute Vernetzung von Forschung und Versorgung. Grundsätzlich wird zwar von der GKV-finanzierten Krankenversorgung erwartet, dass sie den allgemein anerkannten Stand der medizinischen Erkenntnisse umsetzt und dem medizinischen Fortschritt folgt. So steht es auch im Gesetz. Faktisch stellt das GKV-System die Anwendung neuer Verfahren im Krankenhaus jedoch ­unter Finanzierungsvorbehalt: Sie können so ­lange erbracht werden, bis der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) dies ausdrücklich verbietet. Leider geht das deutsche Fallpauschalen-System davon aus, dass Krankenhäuser den Einsatz neuer Verfahren auf eigene Kosten vorfinanzieren. Weil bis zu ihrer korrekten Kalkulation in der Regel mehrere Jahre vergehen, können Krankenhäuser individuelle und zeitlich befristete Zusatzentgelte mit den Krankenkassen vereinbaren. Das ist ein lang­wieriger Prozess: Die Einreichung dieser Anträge ist nur einmal im Jahr möglich, und das Verfahren dauert üblicherweise sechs bis 18 Monate. Was das für die Patienten bedeuten kann, wird am Beispiel derer deutlich, die eine kostenintensive CAR-T-Zelltherapie ­benötigen. Diese Therapie ist seit 2018 in Deutschland zugelassen – und zwar zur Behandlung bestimmter Blutkrebsarten, wenn keine andere Behandlung mehr hilft. Der Kostenaufwand für eine CAR-T-Zell­impfung beträgt etwa 350 000 Euro – ein solcher Betrag ist für die Betroffenen, für die dieses Verfahren in ­Frage kommt, selten selbst zu stemmen. Ihnen bleibt derzeit nur abzuwarten, bis das behandelnde Krankenhaus eine Möglichkeit zur Finanzierung dieser Behandlung erhält. Oder sie erbitten in einem ­zeitaufwendigen, patienten­individuellen Verfahren die Kosten­übernahme bei ihrer Krankenkasse. In manchen Fällen dauert das für die ­betroffenen Patienten zu lange.
          Hier könnten neue Regeln den Zugang zum medizinischen Fortschritt deutlich beschleunigen. Denkbar wäre zum Beispiel, dass der GKV-Spitzenverband unmittelbar nach der Zulassung einer krankenhaus­relevanten medizinischen Innovation bundes­weit Vertragspartner auf der Versorgungsseite sucht und damit eine flächen­deckende Versorgungsstruktur aufbaut.
          Mein Appell: Forschung darf nicht ­aufhören, wenn die Zulassung einer medizinischen Innovation erfolgt ist. Und wir müssen Mittel und Wege finden, dass unser Gesundheitssystem möglichst ­allen ­Patienten, die von einer medizinischen ­Innovation profitieren können, auch den Zugang dazu ermöglicht.

          Dr. Johannes Bruns ist Generalsekretär der Deutschen Krebsgesellschaft in Berlin.

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