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Verlagsspezial

: Die Krebsmedizin als Wirtschaftsfaktor

Weltweite Konkurrenz prägt auch die Medizin. Die Akteure in Deutschland dürfen mehr Anstrengungen unternehmen, um im Wettbewerb zu bestehen. Bild: Akarat Phasura/Adobe Stock

Den Blick auf Krebserkrankungen kennzeichnen sowohl die bahnbrechenden Fortschritte in Diagnose und Therapie als auch eine Kostendebatte. Häufig wird die wirtschaftliche Bedeutung vergessen. Diese zeigt die Stärke der Vereinigten Staaten gegenüber Europa und Deutschland, die Rolle der Politik und die gewaltigen ­Bestrebungen von China, an die Spitze der Krebsforschung zu treten.

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          Mit rund 9,6 Millionen Todes­fällen war Krebs 2018 die zweithäufigste Todesursache weltweit. Nach Schätzungen von Experten werden bis 2030 aufgrund sich ändernder Lebensstile und einer immer älter werdenden Bevölkerung jährlich 23 Millionen Menschen an Krebs neu erkranken. Die volkswirtschaftlichen Folgen sind immens: 2010 beliefen sich die durch Krebs verursachten Kosten weltweit auf 1,2 Billionen Dollar. Doch die andere Seite der Medaille ist, dass Investitionen in die Krebsforschung das Wirtschaftswachstum fördern. Die Rettung von Leben oder eine Verlängerung der Lebensdauer durch Innovationen steigert die Produktivität ebenso wie eine höhere Beschäftigungsrate in der ­Arzneimittelforschung selbst und den damit verbundenen Branchen. 2015 entfielen allein 700 Milliarden Dollar beziehungsweise 3,7 Prozent des amerikanischen-Bruttoinlands­produkts (BIP) auf die amerikanische Biopharmaindustrie, die mehr als 800 000 Menschen direkt sowie weitere 3,9 Millionen indirekt beschäftigte.


          Amerika fördert Innovationen, Europa drosselt die Forschung

          Obwohl sich die Regierungen dessen bewusst sind, bremsen sie das Innovations­tempo durch steuerliche Einschränkungen und politische Diskussionen wie die hinsichtlich der Preise für innovative ­Medikamente. Dabei ist deren Entwicklung kostspielig und aus Sicht von Unternehmen immer riskant. Schätzungen zufolge belaufen sich die Kosten für die Markteinführung eines neuen Medikaments auf 2,6 Milliarden Dollar. Wenn also ­Regierungen Innovationen fördern wollen, müssen die Preise der Medikamente dieses Risiko widerspiegeln dürfen. In den Vereinigten Staaten haben höhere Medikamentenpreise und das hieraus resultierende Ökosystem der Biopharmabranche sowie deren kritische Masse Anreize für umfassendere ­Investitionen geschaffen, so dass dort deutlich mehr Medikamente entwickelt werden als innerhalb der Europäischen Union. Auch in puncto Neuzulassungen haben die Vereinigten Staaten zuletzt deutlich die Nase vorn.
          In Deutschland beispielsweise spüren die Arzneimittelunternehmen eine ­stärkere Preisunsicherheit aufgrund des 2011 in Kraft getretenen Gesetzes zur Neuordnung des Arzneimittelmarktes (AMNOG). Demnach müssen die Arzneimittelhersteller mit den Krankenkassen den Erstattungsbetrag eines Medikaments ein Jahr nach dessen Einführung aushandeln, was die Höhe der Investitionen in die Forschung beeinträchtigt. Die Zahlen sprechen für sich: Während zwischen 2012 und 2014 auf die Vereinigten Staaten durchschnittlich 22 Prozent des weltweiten BIP und 4 Prozent der Weltbevölkerung entfielen, lag das Land mit 44 Prozent der weltweiten Ausgaben für Forschung und Entwicklung im Biopharmabereich an der Spitze und dominierte mit einem Marktanteil von 40 Prozent das weltweite Pharmageschäft. Der Onkologiemarkt belief sich 2017 auf 133 Milliarden Dollar, wobei 46 Prozent auf die Vereinigten Staaten und lediglich 24 Prozent auf die fünf bevölkerungsreichsten Länder der EU entfielen. Bis 2022 soll er laut Prognosen ein Volumen in Höhe von 200 Milliarden Dollar erreichen, wobei der Anteil der Vereinigten Staaten dann sogar bei 50 Prozent liegen dürfte.


          Deutsche Krebspatienten haben sehr guten Zugang zu Therapien

          Bezogen auf die Patientenversorgung, belegt Deutschland im internationalen Vergleich eine gute Position: 2017 hatten deutsche Patienten Zugang zu 40 der 55 Krebsmedikamente, die zwischen 2012 und 2016 neu eingeführt wurden und lag damit im inter­nationalen Vergleich mit an der Spitze. Ebenso hatten deutsche ­Patienten Zugang zu innovativen Behandlungen wie Immun­therapien mittels PD-1 oder PD-L1-Inhibitoren; lediglich die Vereinigten Staaten schnitten in dieser Hinsicht besser ab. Deutlich schlechter steht Deutschland im Bereich der Forschung dar: So belegte das Land in einem 2016 veröffentlichten Bericht über weltweite Biopharma-Innovationen lediglich Platz 15 von insgesamt 56.
          Chinesische Biotech-Firmen in der Krebsforschung auf dem Vormarsch
          Eine bedeutende Rolle, wenn nicht gar die führende im Kampf gegen Krebs nimmt mittlerweile China ein, wo 2015 4,3 Millionen Krebsfälle diagnostiziert wurden. Mittlerweile prägen verstärkt höherwertige Leistungen und Tätigkeiten die Wirtschaft des Landes, wobei Investitionen in die Gesundheit eine zentrale Rolle spielen. Hierzu zählen neben der Finanzierung von Forschung und Entwicklung auch schnellere Genehmigungsprozesse für innovative Behandlungen. Chinesische Biotechunternehmen könnten somit in Zukunft zu Vorreitern in der Krebsforschung werden. 2017 wurden 10 Milliarden Dollar in chinesische Biotechunternehmen investiert. Und schon damals lag nach Angaben von TheScientist und CellTrails.org China mit Blick auf die Anzahl der klinischen CAR-T-Zell-Therapiestudien mit 240 vor den Vereinigten Staaten (170).
          Allen Ländern gemein ist die Tatsache, dass Krebs deren Gesundheitsbudgets und Ressourcen in den kommenden Jahren enorm belasten wird. Regierungen, die diese Last drosseln möchten und müssen, was auch für Deutschland gilt, sollten hier einen aktiven Ansatz verfolgen. Investitionen in innovative Forschung, die zu lebenserhaltenden und kostspieligen Behandlungen führt, und die Weiterentwicklung der Gesetzgebung zur Förderung und zum Schutz der Entwicklung neuartiger komplexer Behandlungen sind Teile dieser Gleichung. Die Krebsforschung ist eine Investition in die Gesellschaft, die wirtschaftlichen Nutzen mit sich bringt. Sie rettet und verlängert Leben, schafft neue Arbeitsplätze und erhöht die Produktivität eines Landes. Mit anderen Worten: Sie verwandelt einen Teil der Belastung durch Krebs in eine wirtschaftliche Chance.

          Michael Sjöström ist Mitgründer und aktuell Senior Partner von Sectoral Asset Management; Vasilios Tsimiklisist in dem Unternehmen Volkswirt.

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