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Verlagsspezial

: Die großen Potentiale der Prävention nutzen

Bild: Hetizia/Adobe Stock

Die Zahl der Krebserkrankungen steigt weltweit. Jährlich erkranken schätzungsweise rund 18 Millionen Menschen neu an Krebs. Die Tendenz ist steigend.

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          Grundsätzlich gibt es drei Ansätze bei der Vorbeugung von Krebs: Durch Primärprävention will man die Entstehung von Krebs dadurch verhindern, dass vermeidbare Krebsursachen ausgeschaltet und ein gesunder Lebensstil gefördert werden. Die Sekundärprävention zielt darauf ab, Krebs in einem möglichst frühen Stadium zu erkennen, da dann die Heilungschancen zumeist noch sehr viel besser sind. Werden Krebsvorstufen entdeckt und entfernt, kann der Krebs oft sogar noch komplett verhindert werden. Die Tertiärprävention umfasst Maßnahmen, die neben der primären Therapie des Tumors zu einem längeren Überleben und einer besseren Lebensqualität der Patienten beitragen.


          Primärprävention: in erster Linie Ursachen vermeiden

          Aus großen epidemiologischen Studien gibt es mittlerweile viele als gesichert geltende Erkenntnisse zu Krebsursachen, Risiken und Schutzfaktoren. Eine aktuelle Studie aus dem vergangenen Jahr besagt, dass sich statistisch gesehen circa 40 Prozent aller Krebserkrankungen in Deutschland in der Altersgruppe von 35 bis 84 Jahren – das sind etwa 165 000 Neuerkrankungen pro Jahr – auf bekannte und potentiell vermeidbare Ursachen zurückführen lassen. Der wichtigste Risikofaktor ist dabei weiterhin das Rauchen, auf dessen Konto rund die Hälfte der vermeidbaren Krebserkrankungen geht. Bei einzelnen Krebsarten, wie zum Beispiel Lungenkrebs, ist dieser Anteil mit über 80 Prozent noch sehr viel höher. Aber auch durch gesündere Ernährung, Vermeidung von Übergewicht und Bewegungsmangel ließen sich jährlich jeweils circa 30 000 Krebserkrankungen verhüten. Dabei sollte jeder Einzelne Verantwortung für seine Gesundheit übernehmen. Aber auch die Politik muss Prioritäten setzen: So steht die Wirksamkeit einer konsequenten Tabakpräventionspolitik außer Frage. Dennoch gehört Deutschland bei der Umsetzung europaweit zu den Schlusslichtern. In Großbritannien oder Australien, in denen höhere Tabaksteuern, Tabakwerbeverbote und Unterstützung zur Raucherentwöhnung sehr viel konsequenter umgesetzt werden, fordert das Rauchen weit weniger Krebsopfer als hierzulande. Handlungsbedarf besteht auch bezüglich Übergewicht und Bewegungsmangel, die häufig in Kombination auftreten und immer öfter bereits im frühesten Lebensalter beginnen. Kindern und Jugendlichen Präventionskompetenz beizubringen sowie Lebenswelten zu schaffen, in denen ausreichende Bewegung wieder zum „Normalfall“ wird, sind gesellschaftliche Herausforderungen, denen höchste politische Priorität eingeräumt werden sollte. Nicht zuletzt kann einzelnen Krebsarten, die auf eine Infektion zurückzuführen sind, mittlerweile durch Impfungen wirksam vorgebeugt werden. Ein Beispiel ist der Gebärmutterhalskrebs, der durch Papillomviren verursacht wird und durch eine Impfung im Kindes- bzw. Jugendalter weitestgehend verhütet werden kann. Dieses Angebot wird in Deutschland bisher leider noch viel zu wenig genutzt.


          Konsequente Früherkennung mit sehr guten Heilungsraten

          Bei den meisten Krebsarten hängen Prognose und Heilungsaussichten sehr stark davon ab, wie weit sich die Erkrankung bei der Dia­gnose bereits ausgebreitet hat. So liegt die ­Heilungsrate beispielsweise bei Darmkrebs bei circa 90 Prozent, wenn der Tumor in einem frühen Stadium diagnostiziert wird. ­Dagegen überlebt nur eine Minderheit der ­Patienten, die zum Zeitpunkt der Diagnose schon ­Metastasen hatten, die nächsten fünf Jahre. Mit einer Darmspiegelung können Darmkrebsvorstufen sehr zuverlässig erkannt und unmittelbar entfernt werden. Damit können Studien zufolge mindestens zwei von drei Neuerkrankungen und mindestens zwei von drei Todesfällen durch Darmkrebs verhindert werden. In Deutschland wird diese Art der Vorsorge für Männer ab 50 Jahren und für Frauen ab 55 Jahren angeboten. Dadurch sind die Erkrankungs- und Sterberaten an Darmkrebs bereits deutlich zurückgegangen. Zwar hatte zwischenzeitlich etwa die Hälfte der über 50-Jährigen in Deutschland schon einmal eine Darmspiegelung. Bei einer noch besseren Nutzung des Vorsorgeangebots könnten die Erkrankungs- und Sterberaten aber noch deutlich stärker sinken. Aus diesem Grund werden ab Sommer 2019 endlich auch in Deutschland von Experten bereits seit langem geforderte Einladungen für das Darmkrebsscreening verschickt. Daneben gibt es im gesetzlichen Krebsfrüherkennungsprogramm weitere Angebote für Brust- und Gebärmutterhalskrebs, für Prostata- und Hautkrebs. Derzeit wird weltweit intensiv geforscht, um bestehende Früherkennungsangebote zu verbessern und weitere Früherkennungsmöglichkeiten zu implementieren.


          Gezielte Bewegung verbessert Prognose und Lebensqualität

          Es gibt zunehmend mehr Erkenntnisse darüber, dass neben der Therapie auch die Lebensumstände und der Lebensstil zu einer besseren Prognose und Lebensqualität beitragen können. So lohnt es sich selbst noch nach einer Krebsdiagnose, das Rauchen aufzugeben, da dies die Überlebenschancen oftmals deutlich verbessert. Während man Krebspatienten früher häufig geraten hat, sich zu schonen, konnten Studien in den vergangenen Jahren zeigen, dass körperliche Aktivität und gezieltes Training gerade auch vor, während und nach intensiven Behandlungen vielfach sowohl die Prognose als auch die Lebensqualität der Patienten deutlich verbessern können. Wahrscheinlich spielt hier die Stärkung des Immunsystems eine zentrale Rolle. Studien zeigten insbesondere, dass die Fatigue, eine bei vielen Krebspatienten auftretende quälende Müdigkeit und Erschöpfung, durch körperliche Aktivität oftmals deutlich gelindert werden kann.

          Prof. Dr. med. Hermann Brenner leitet die Abteilung Klinische Epidemiologie und Alternsforschung am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg.

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