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Verlagsspezial

: CAR-T-Zell-Therapie: Möglichkeiten und Perspektiven

Die CAR-T-Zell-Therapie kann heute erst bei wenigen Lymphom- und Leukämie-Patienten angewendet werden, bei denen zudem alle anderen Therapien versagt haben. Bild: Prudkov/Adobe Stock

Zwei CAR-T-Zell-Therapien wurden im vergangenen Jahr für die Behandlung von Rückfällen bei der Akuten Lymphatischen Leukämie und bei einer speziellen Form des B-Zell-Non-Hodgkin-Lymphoms zugelassen. Damit wurde eine neue Ära eingeläutet – in der Hoffnung, zukünftig auch andere Krebsarten auf diese Weise heilen zu können.

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          Mit der Zulassung der beiden CAR-T-Zell-Konstrukte werden erstmals in der Krebstherapie die individualisierte und die zielgerichtete zelluläre Therapie kombiniert. Dafür werden dem Patienten zunächst eigene, gesunde Immunzellen entnommen und unter kontrollierten Bedingungen im Labor genetisch manipuliert, indem mit Hilfe eines Virus ein Molekül in die Zellen eingeschleust wird. Dieses Molekül, der chimäre Antigenrezeptor (CAR), erkennt die Tumorzellen des Erkrankten. Da sich das Molekül auf der Oberfläche der Immunzelle befindet, kann es die Tumorzelle mit ihren eigenen Werkzeugen zerstören. Um den genetisch manipulierten Immunzellen ausreichend Raum zur Vermehrung zu geben, erhalten die Betroffenen unmittelbar vor Rückgabe der CAR-T-Zellen zur Unterdrückung der körpereigenen, nicht manipulierten Immunzellen eine milde Chemotherapie.
          Die logistische Herausforderung einer solchen Behandlung ist groß: Patienten müssen an einem qualifizierten Zentrum, in der Regel Universitätskliniken, vorgestellt und auf die Behandlung vorbereitet werden. Nach Entnahme der Lymphozyten muss die Erkrankung während des circa vierwöchigen Herstellungsprozesses stabil gehalten werden. Mögliche Nebenwirkungen der Behandlung unterscheiden sich grundlegend von einer konventionellen Chemotherapie und verlangen daher eine interdisziplinäre Zusammenarbeit der betreuenden Onkologen und Hämatologen mit Intensivmedizinern, Neurologen und Ärzten anderer Fachrichtungen. Eine einzelne CAR-T-Zell-Behandlung ist teuer und kostet rund 350 000 Euro. Lohnt sich das alles?


          Non-Hodgkin-Lymphom: erfolgversprechende Therapie

          Schaut man auf das, was bisher mit dieser Therapie erreicht werden konnte, und auf die Daten, die kontinuierlich aus klinischen Studien generiert werden, dann ist die Antwort ein klares „Ja“. Ein guter Beleg dafür ist das großzellige diffuse Non-Hodgkin-Lymphom (NHL), für das die CAR-T-Zell-Behandlung nun zur Verfügung steht. In Deutschland erkranken jährlich etwa 14 000 Menschen an einem Non-Hodgkin-Lymphom, das ­großzellig diffuse NHL macht etwa 25 Prozent aus. Durch eine konventionelle Standard-Chemotherapie in Kombination mit ­einem monoklonalen Antikörper können etwa 60 Prozent der Patienten geheilt werden. Kommt es zu einem Rückfall, werden durch eine hochdosierte Chemotherapie erneut etwa 40 Prozent der Betroffenen gesund, allerdings eignet sich nur etwa die Hälfte der Erkrankten für diese Behandlung. Kommt es danach zu einem erneuten Rückfall oder kann die Chemotherapie nicht durchgeführt werden, beträgt die mittlere Überlebenszeit etwa zehn Monate. In dieser Situation führte die CAR-T-Zell-Therapie in klinischen Studien zu einem Ansprechen der Therapie bei rund 80 Prozent der Patienten, 40 Prozent blieben über den Nachbeobachtungszeitraum von im Median mehr als zwei Jahren erkrankungsfrei, was wahrscheinlich eine dauerhafte Heilung bedeutet. Dies alles wurde durch eine einmalige Infusion der manipulierten Zellen erreicht, ohne dass eine weitere Nachbehandlung erforderlich wurde. Für den einzelnen Patienten ist dies derzeit die einzige Überlebenschance in einer bis dato verzweifelten Behandlungssituation. Im gesamtgesellschaftlichen Kontext haben erste Kosten-Nutzen-Analysen ebenfalls zu einer positiven Bewertung geführt.
          Die eigentliche Errungenschaft der CAR-T-Zell-Behandlung versteckt sich ein wenig hinter diesen Daten: Fachleute hoffen, mit Hilfe dieser neuartigen Therapie bisher unheilbare Erkrankungen zumindest bei einem Teil der Betroffenen heilen zu können. Konnte das Leben von Menschen mit unterschied­lichen Erkrankungen beispielsweise durch die Entwicklung neuer, wirksamer Arzneimittel kontinuierlich verlängert werden, durch­brechen CAR-T-Zellen Erkrankungsverläufe möglicher­weise ganz grundsätzlich und machen dauerhafte Behandlungen überflüssig.


          Positive Studienergebnisse beim Multiplen Myelom

          Eine dieser Erkrankungen ist das Multiple Myelom, eine bislang unheilbare Form des Knochenmarkkrebses, von dem etwa 6500 Menschen pro Jahr in Deutschland neu betroffen sind. Wurde in der vergangenen Dekade durch die Zulassung neuer Medikamente mit neuen Wirkungsmechanismen die durchschnittliche Überlebenszeit von im Median drei auf acht bis zehn Jahre verlängert, blieb die Erkrankung dennoch in der Regel unheilbar. Der Einsatz von CAR-T-Zellen beim Multiplen Myelom hat jetzt zu einer Fortentwicklung des Therapieprinzips geführt, mussten die manipulierten Zellen doch nun gegen ein neues Ziel ausgerichtet werden. Statt wie ­bisher gegen das Molekül CD19 richtet sich die CAR-T-Zell-Behandlung beim Multiplen Myelom gegen das B-Cell-Maturation-Antigen (BCMA). Im ersten Einsatz zeigte sich, dass sich die Nebenwirkungen in ihrer Ausprägung und Schwere ebenfalls ändern – im posi­tiven Sinne. Das typische Zytokin-Release-Syndrom, die unmittelbare und teilweise gewaltige Entzündungsreaktion des Körpers auf die Rückführung der manipulierten Zellen, war deutlich geringer ausgeprägt. Erste Studienergebnisse ließen aufhorchen: Patienten mit durchschnittlich schon sieben Vorbehandlungen, bei denen die Therapieoptionen im Grunde schon erschöpft waren, sprachen in über 90 Prozent der Fälle auf die Behandlung an und erreichten im Mittel eine rückfallfreie Zeit von etwa einem Jahr. Das bedeutet noch keine Heilung. Es zeugt aber von einer erfolgreichen Behandlung mit nur einer Infusion, während die Betroffenen vorher über Jahre hinweg kontinuierliche Therapien mit allen sich hieraus entwickelnden Nebenwirkungen sowie der nachhaltigen Beeinflussung des Alltags und der Lebensqualität über sich ergehen lassen mussten. Einzelne Patienten bleiben erfreulicherweise sogar über einen Nachbeobachtungszeitraum von nun schon mehr als zwei Jahren erkrankungsfrei. Bisher wurden die CAR-T-Zellen beim Multiplen ­Myelom in sehr ungünstigen Behandlungs­situationen eingesetzt. Die Anstrengungen gehen nun dahin, die Therapie im Erkrankungsverlauf früher einzusetzen und dadurch die Ergebnisse kontinuierlich zu verbessern.


          CAR-T-Zellen fester Bestandteil bei der Krebstherapie

          Nachdem die CAR-T-Zell-Therapie bei immer mehr Krebsarten, Erkrankungen des ­Blutes und des Knochenmarkes, aber auch bei den soliden Tumorerkrankungen eingesetzt wird, arbeitet man jetzt daran, die Zellen rascher und in größerem Umfang verfügbar zu machen. Neue Technologien erlauben die Herstellung von CAR-T-Zellen aus fremden und somit immer verfügbaren Zellen. Gleichzeitig wird nach Strategien gesucht, um die Effektivität weiter zu steigern. So soll sich eine Zelle zum Beispiel gegen mehr als nur ein Zielmolekül richten, um den Tumor auf diese Weise noch breiter angreifen zu können. Mittlerweile sind CAR-T-Zellen zu einem festen Bestandteil bei der Therapie von Krebserkrankungen geworden. Nun gilt es, die entsprechende logistische Routine in spezialisierten Zentren aufzubauen und eine breite Verfügbarkeit zu ermöglichen. Gleichzeitig muss verstärkt geforscht werden, um das Potential dieser neuen Therapie noch weiter auszuschöpfen und den Krebs besser und häufiger heilen zu können.

          Professor Dr. med. Katja Weisel ist Oberärztin an der II. Medizinischen Klinik am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

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