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Verlagsspezial

: Wissen gegen die Angst

  • -Aktualisiert am

Gute Gesundheitsinformation ist eine wichtige Hilfe, damit Patienten eine Krankheit besser bewältigen können. Bild: fotomek/Adobestock

Die Diagnose Krebs wird oft als einschneidende Erfahrung erlebt. Wissenschaftlich fundierte und passgenaue Informationen können Betroffenen helfen, die Angst zu bewältigen, sich in der onkologischen Versorgungslandschaft zu orientieren und gemeinsam mit den behandelnden Ärzten tragfähige Entscheidungen zu treffen.

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          Im Jahr 2021 werden 500 000 Menschen in Deutschland mit einer Krebsdiagnose konfrontiert – mit deutlich steigender Tendenz in den kommenden Jahren aufgrund der demografischen Entwicklung. Zwar ist Krebs noch immer die zweithäufigste Todesursache, dennoch ist die Diagnose nicht zwangsläufig ein Todesurteil. Die Fortschritte der biomedizinischen Forschung machen bei immer mehr Tumorarten und Erkrankungssituationen eine erfolgreiche, auf die individuelle Lage zugeschnittene Behandlung möglich. Dies bedeutet aber auch: Die Therapieentscheidungen für verschiedene Krankheitsumstände werden immer komplexer, oft gibt es mehrere Optionen. Und häufig findet die Behandlung in einem ambulanten Setting statt. Mehr als die Hälfte aller Krebspatienten hat heute eine reelle Chance auf ein langfristiges Überleben: Viele können mit einer dauerhaften Heilung rechnen. Und auch bei einem fortgeschrittenen Tumorleiden besteht die Aussicht auf längere Überlebenszeiten bei gleichzeitig guter Lebensqualität.


          Mit Fakten der Unsicherheit entgegentreten

          Trotz der beachtlichen Erfolge in Forschung und Therapie sitzt die Angst vor einer Krebserkrankung tief. Zu diesem Ergebnis kommt eine repräsentative Umfrage, die das Forsa-Institut für die DAK-Gesundheit im Jahr 2020 durchgeführt hat. Mehr als 70 Prozent der rund 1000 Befragten fürchten Krebs am meisten. So ist es kaum verwunderlich, dass Angst das vorherrschende Gefühl ist, das viele Patienten nach der Eröffnung der Diagnose belastet. Für sie gibt es eine Vielzahl von Unterstützungsmöglichkeiten. Alles, was dem Gefühl von Unsicherheit entgegenwirkt, kann Angst reduzieren oder erträglicher machen. Informationen spielen hierbei eine Schlüsselrolle: Die eigene Fantasie kann bedrohlicher sein als die Wirklichkeit! Das Wissen über die Krankheit, ihre Behandlungsmöglichkeiten und das, was man selbst tun kann, lindert Ängste. Es kann den Betroffenen auch helfen, eigene Befürchtungen zu Ende zu denken. Wie wahrscheinlich ist es, dass die eine oder andere Situation eintritt? Wann wäre das? Wie würde es sich anfühlen? Antworten erhalten Patienten vor allem im Arztgespräch. Weitere Fragen, die sich viele stellen, sind beispielsweise: Was kann man tun, wenn die eigenen Ängste wahr werden sollten? Wie geht es dann weiter? Manche Patienten beruhigt es, frühzeitig alle Eventualitäten zu durchdenken. Dazu gehört zum Beispiel, sich über mögliche Therapiemethoden zu informieren, wenn die Erkrankung fortschreitet.


          Qualitätskriterien für Gesundheitsinformationen

          Viele Menschen, die eine Krebsdiagnose erstmals erhalten, fühlen sich angesichts der komplexen Situation überfordert. Sie fragen sich unter anderem, welche der verschiedenen Behandlungsoptionen in ihrem Fall am erfolgversprechendsten ist und welche einschneidenden Therapiefolgen auf sie zukommen. Bevorzugte und wichtigste Ansprechpartner für Betroffene sind nach wie vor die behandelnden Onkologen. Aber nicht immer können alle Informationsbedürfnisse durch das Arztgespräch vollständig gedeckt werden. Die Folge: Praktisch alle Patienten nutzen weitere Informationsquellen, und viele gehen ganz selbstverständlich auch ins Internet. Dort sind Gesundheitsinformationen in Hülle und Fülle verfügbar. Gibt man in eine Suchmaschine die Begriffe „Therapie bei Krebs“ ein, liefert sie in Sekundenbruchteilen mehrere Millionen Treffer. Qualität und Seriosität der Inhalte im Netz sind allerdings sehr heterogen, und es ist schwierig, diese zu bewerten und einzuordnen. Informationsanbieter mit Hintergrundinteressen, die auf das Geschäft mit der Angst zählen, sind oft kaum als solche zu erkennen. Aus diesem Grund haben Fachleute, etwa vom Deutschen Netzwerk für Evidenzbasierte Medizin e. V. oder vom Aktionsforum Gesundheitsinformationssystem e. V. (afgis), Qualitätskriterien entwickelt, die gute Websites mit Gesundheitsinformationen erfüllen sollen. Dazu gehört, dass der Anbieter einer Internetseite sich deutlich zu erkennen geben sollte. Außerdem sollte er seine Autoren, deren Qualifikationen und Informationsquellen offenlegen und Aussagen zur Qualitätssicherung, zur Finanzierung und zum Datenschutz machen.

          Als Einstieg für Betroffene, die sich nicht mit der Prüfung von Qualitätsmerkmalen aufhalten wollen, bieten sich die Internetseiten großer Organisationen an, die selbst auf gute Qualität achten. Diese umfassen etwa die Seiten des Krebsinformationsdienstes des Deutschen Krebsforschungszentrums, des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), der Deutschen Krebsgesellschaft oder der Deutschen Krebshilfe. Dort finden Patienten nicht nur geprüfte Informationen, sondern auch Linktipps für die weitere Recherche. Ein grundlegendes Problem bei allen Informationen aus dem Internet: Oft ist es Betroffenen nicht klar, welche Aspekte für die eigene Erkrankungssituation relevant sind. Hier können in erster Linie die behandelnden Ärzte weiterhelfen. Aber auch Angebote wie der Krebsinformationsdienst oder das Infonetz Krebs der Deutschen Krebshilfe stellen passgenaue und individuelle Informationen per Telefon oder E-Mail zur Verfügung.


          Therapieentscheidungen informiert treffen

          Ist der erste Schock nach der Diagnose überwunden, fragen sich viele Patienten, wie es nun ganz konkret weitergeht und was auf sie zukommt. Welche Behandlungsoptionen existieren, wie groß sind die Heilungschancen, welche Vor- und Nachteile gibt es? Auch das Risiko von Nebenwirkungen und Langzeit- oder Spätfolgen ist bedeutsam, um sich für oder gegen eine bestimmte Therapie zu entscheiden. Studien weisen darauf hin, dass die Mehrzahl der Betroffenen bei der Behandlungswahl mitreden und ihre eigenen Präferenzen einbringen möchten aber auch auf die Expertise ihrer behandelnden Onkologen baut. Sie wünschen sich daher eine gemeinschaftliche, informierte Entscheidung mit ihren Ärzten. Eine gemeinsame Entscheidungsfindung ist insbesondere in der Krebsmedizin sinnvoll – denn in vielen Situationen gibt es mehrere nach dem aktuellen Wissensstand gleichwertige, aber im Hinblick auf die Auswirkungen unterschiedliche Therapiemöglichkeiten.

          Patienten können in einem offenen Gespräch mit den behandelnden Ärzten ihren Wunsch ansprechen, sich an den Behandlungsentscheidungen zu beteiligen und ihren konkreten Informationsbedarf äußern. Individuell zugeschnittene Informationen spielen eine entscheidende Rolle, wenn es darum geht, sich mit den Ärzten auf Augenhöhe aktiv auszutauschen. Betroffene sind jedoch nicht verpflichtet, immer und an allen Entscheidungen zu partizipieren. Der Wunsch nach Beteiligung ist nicht in allen Situationen gleich, und er kann sich im Verlauf der Erkrankung ändern. Gelingt die Kommunikation mit den behandelnden Onkologen, so profitieren von einer guten Arzt-Patienten-Beziehung und tragfähigen Entscheidungen über die geplante Diagnostik und Therapie beide ­gleichermaßen: Ärzte und Patienten.

          Dr. med. Susanne Weg-Remers ist ­Leiterin des Krebsinformationsdienstes des ­Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg

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