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Verlagsspezial

Interview : „Wir werden genauer und schonender bestrahlen“

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Professor Dr. med. Florian Würschmidt, Facharzt Strahlentherapie, ist Partner der Radiologischen Allianz, einer ärztlich und unabhängig geführten Gemeinschaftspraxis in Hamburg. Dr. Christoph Zindel ist Mitglied des Vorstands von Siemens Healthineers. Bild: Florian Würschmidt/Martin Zitzlaff, zitzlaff.com und Christoph Zindel/Siemens Healthineers

Die Strahlentherapie ist ein fester Bestandteil des onkologischen Behandlungsportfolios. Ein Gespräch mit Florian Würschmidt und Christoph Zindel über die Verbesserungen in Präzision und Effektivität, die Vorteile eines Lungenkrebs-Screenings und die Zukunft der Radiotherapie.

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          Herr Professor Würschmidt, viele Krebsarten werden multimodal behandelt. Wo ist in diesem Kontext die Strahlentherapie einzuordnen?
          Florian Würschmidt: Zunächst möchte ich den Begriff der Multimodalität erläutern. Er bedeutet die kritische Diskussion und am Ende die Festlegung einer Therapieempfehlung durch alle beteiligten Fachdisziplinen. Ziel ist es, dadurch das beste Behandlungskonzept für den individuellen Patienten zu entwickeln. Bei circa 60 Prozent aller an Krebs geheilten Menschen spielt die Strahlenbehandlung eine entscheidende Rolle. Im Falle der nicht mehr heilbaren Erkrankungen hilft sie, Schmerzen zu lindern, eine Luftnot zu bessern oder Beeinträchtigungen durch zum Beispiel Hirnmetastasen zu verhindern oder zu mildern.

          Wann ist die Strahlentherapie das Mittel der Wahl?
          Florian Würschmidt: Die Strahlentherapie ist die bevorzugte Strategie in der postoperativen Situation. Hier sichert sie den Erfolg der chirurgischen Krebsentfernung und kann möglicherweise verbliebene mikroskopische Tumorreste abtöten. Ein typisches Beispiel ist die Bestrahlung einer Patientin nach der Operation des Mammakarzinoms. Außerdem trägt eine präoperative Radiotherapie dazu bei, die chirurgischen Möglichkeiten zu verbessern. Sie kann verhindern, dass sich Metastasen freisetzen, und sie ist häufig schonender als eine postoperative Behandlung. Beispiele hierfür sind die präoperative Radiochemotherapie beim Enddarm- und Speisenröhrenkrebs. Als definitive und hochwirksame lokale Form wird die Bestrahlung bei nichtoperablen Tumoren eingesetzt. Sie kommt hier zunehmend häufiger in Form der sogenannten stereotaktisch ablativen Radiotherapie mit wenigen sehr hoch dosierten Behandlungen zum Einsatz. Die Methode zeichnet sich durch sehr hohe Tumorkontrollraten bei gleichzeitig sehr guter Verträglichkeit mit nur wenigen und in der Regel dann milde ausgeprägten Nebenwirkungen aus. Beispiele hierfür sind Behandlungen beim Lungen- und Prostatakarzinom. Verschiedene Therapieschritte richtig ineinander zu verzahnen und vielleicht auch einmal eine Behandlung erst zu einem späteren Zeitpunkt einzusetzen erfordert viel Erfahrung und ­Spezialwissen jeder Fachdisziplin.

          Herr Dr. Zindel, der Trend hin zur Präzisionsmedizin zeigt sich auch bei Diagnose und Bestrahlung von Tumoren. Welche Meilensteine kennzeichnen den Weg der vergangenen zwei Jahrzehnte?
          Christoph Zindel: Wir sind heute in der Lage, Tumore viel früher zu entdecken und genauer zu analysieren als noch vor zehn Jahren. Individualisierte Therapieansätze erhöhen allerdings den Abstimmungsbedarf zwischen verschiedenen medizinischen Disziplinen. Die Digitalisierung kann hier einen entscheidenden Beitrag leisten. Um sicherzustellen, dass ein vollständiger Blick auf den medizinischen Fall und die evidenzbasierten Behandlungsoptionen möglich ist, müssen viele Daten zusammengeführt und für alle übersichtlich aufbereitet werden. Bei der Bildgebung wurde zudem die Strahlendosis immer weiter reduziert. Das zahlt sich für viele Tumorpatienten gerade im Hinblick auf ihre zahlreichen Kontrolluntersuchungen aus.

          Wenn wir auf die technologische Entwicklung der Strahlentherapie zurückschauen, sehe ich drei wesentliche Zäsuren. Seit den 1980er Jahren tragen die Computerisierung der Linearbeschleuniger, die Entwicklung spezieller Lamellenkollimatoren – einer Art Bestrahlungsschablone – und die Therapieplanung in 3D dazu bei, nur die betroffenen Organe zu bestrahlen und umliegendes Gewebe zu schonen. In den 2000er Jahren veränderte dann die bildgeführte Bestrahlung die Behandlungsabläufe in der Radioonkologie wie kaum eine andere Innovation. Die erneute Bildgebung in der Bestrahlungsposition unmittelbar vor der eigentlichen Radiotherapie trägt dazu bei, umliegendes Gewebe weiter zu schonen. Und seit den 2010er Jahren kommen wir einer wissensbasierten Therapieplanung auf Basis aller zur Verfügung stehenden Erkenntnisse immer näher.

          In der Kombination mit innovativen Bildgebungsverfahren erweitern sich die Anwendungsfelder in der Krebsmedizin. Welche Vorteile bringt das für Ärzte und Patienten?  
          Florian Würschmidt: Die technischen Möglichkeiten der Strahlentherapie sind mittlerweile so weit fortgeschritten, dass sich jeder Punkt im Körper mit einer Genauigkeit von unter  einem Millimeter treffen lässt. Das ist aber nur sinnvoll, wenn wir den Tumor oder die Metastase auch mit maximaler Sicherheit definieren und im Körper bestimmen können. Sonst existiert der Vorteil der extrem hohen Präzision nur auf dem Papier. Je höher die Auflösung in der Bildgebung, desto sicherer können wir den Tumor oder die Metastase treffen und das umliegende gesunde Gewebe schonen. Und umso besser werden die Erfolgsaussichten der Behandlung sein.

          Wegen dieser Perspektiven haben sich Siemens Healthineers und Varian zusammengeschlossen. Vereint wollen sie die Versorgung und den Zugang für Patienten zu diesen innovativen Technologien verbessern. Wie soll das geschehen?
          Christoph Zindel: Wir kombinieren das Portfolio von Varian in der Krebsversorgung mit der Expertise von Siemens Healthineers in der In-vitro-Diagnostik, der Bildgebung und im Bereich der minimalinvasiven Verfahren. So können wir den gesamten Behandlungspfad von Krebspatienten abdecken. Solch integrierte Ansätze bieten wir unseren Kunden immer häufiger in sogenannten Value Partnerships. Diese langfristigen Partnerschaften heben uns auf eine völlig neue Ebene strategischer Zusammenarbeit mit führenden Gesundheitsdienstleistern weltweit. So wollen wir Mediziner rund um den Globus dabei unterstützen, für ihre Patienten bessere Behandlungsergebnisse zu erzielen.

          Welche Hürden sind dafür zu nehmen?
          Christoph Zindel: Zunächst gilt es, alle IT-Plattformen über den gesamten Patientenversorgungspfad hinweg zu integrieren, um einen umfassenden Überblick über alle klinisch relevanten Daten zu ermöglichen. Diese Daten müssen wir über das gesamte Spektrum der Leistungserbringer und Behandlungs-Netzwerke hinweg verfügbar machen. Wir möchten uns ferner dafür einsetzen, die notwendigen Investitionen für einen besseren Zugang zur Strahlentherapie und die damit verbundene Diagnostik und Patientenaufklärung sicherzustellen.

          Auch während der Covid-19-Pandemie dürfen wir nicht vergessen, dass die Zahl der neuen Krebsfälle in den kommenden Jahren um zwei Drittel auf 30 Millionen jährlich steigt. Noch erschreckender ist, dass nur etwa die Hälfte der Betroffenen Zugang zu einer Behandlung hat. Und für diese gibt es erhebliche Unterschiede in der Qualität der Versorgung. Wir möchten dazu beitragen, dies zu ändern.

          Je früher ein Tumor erkannt wird, desto besser sind die Therapie- und Heilungschancen. Darin sehen viele den Nutzen des Mammographie-Screenings. In den Vereinigten Staaten ist man mit dem Screening-Programm für Lungenkrebs schon einen Schritt weiter. Wie beurteilen Sie dieses präventiv-diagnostische Verfahren?
          Florian Würschmidt: Trotz der in den vergangenen Jahren beeindruckenden Fortschritte in der Behandlung bleibt das Lungenkarzinom noch immer zu oft eine tödliche Erkrankung. Leider werden diese Tumore zu spät erkannt. Treten Symptome auf, liegt bereits ein fortgeschrittenes Stadium vor. Nur mittels eines Screenings wird man die Chance erhalten, kleine, noch nicht metastasierte Tumore zu erkennen und dann auch erfolgreich und schonend zu behandeln. Ich bin optimistisch, dass das Lungenkrebs-Screening für definierte Risikogruppen eine ähnliche Erfolgsstory wie das Mammographie-Screening wird. Je früher es beginnt, umso besser!
          Christoph Zindel: Lungenkrebs ist ein gutes Beispiel dafür, dass in bestimmten Risikogruppen ein Screening zu einer früheren Tumorerkennung führt. Rund um das Deutsche Zentrum für Lungenforschung sind unsere CT-Geräte im Rahmen einer Pilotstudie am Start, dem sogenannten Hanse Lungen-Check. Dieser soll den Nachweis erbringen, dass in Deutschland ein ganzheitliches und effektives Lungenkrebs-Früherkennungsprogramm durchgeführt werden kann. Außerdem unterstützen wir eine Initiative der Europäischen Union. Sie hat in ihrem Plan zur Krebsbekämpfung angekündigt, das Lungenkrebs-Screening für eine europaweite Empfehlung zu prüfen, sodass alle Bürger Zugang zu dieser Früherkennungsmaßnahme erhalten.

          Wo sehen Sie die Strahlentherapie in zehn Jahren?  
          Florian Würschmidt: Die technischen Behandlungsmöglichkeiten werden durch die bereits jetzt verfügbaren auf Künstlicher Intelligenz basierenden Systeme nochmals erheblich erweitert. Wir profitieren bereits heute davon, dass wir auf Vorschläge zu Behandlungsplänen zurückgreifen können, die auf den Erfahrungen vieler Experten der ganzen Welt beruhen. Wir werden genauer und schonender bestrahlen und durch die Kombination mit einer Chemo- und Immuntherapie häufiger ganz auf eine Operation verzichten können. Die Strahlentherapie wird kürzer werden. Behandlungszeiten von nur wenigen Tagen bis maximal drei Wochen werden die Regel und nicht die Ausnahme sein. Und wir werden dank verbesserter Prognosemarker auch wissen, bei wem eine Bestrahlung überhaupt nicht mehr nötig sein wird.

          Christoph Zindel: Die langfristige Vision unseres Unternehmens ist es, Krebs in eine beherrschbare chronische Krankheit zu verwandeln. Mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen werden wir die intelligente Krebsbehandlung weiter vorantreiben, klinische Prozesse und Arbeitsabläufe verbessern und umfassende Tools zur Entscheidungsunterstützung entwickeln. Ziel ist eine personalisierte Behandlungsplanung und -durchführung, die den individuellen Bedürfnissen jedes Patienten gerecht wird. Und das überall auf der Welt.

          Das Interview führte Anna Seidinger.

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