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Verlagsspezial

: Wie Impfungen die Medizin revolutionieren

  • -Aktualisiert am

Bild: rost9/Adobestock

Impfungen werden bereits seit dem 18. Jahrhundert durchgeführt. Die meisten davon wirken präventiv, sie verhindern also Krankheiten. Im Falle von Krebs kommen zunehmend therapeutische Vakzinen zum Einsatz.

          3 Min.

          Historische Meilensteine der Impfung

          Die Geschichte der Impfung reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück: 1796 führte der britische Mediziner Edward Jenner eine Impfung gegen Pocken durch, indem er den Inhalt einer Kuhpockenblase über einen Schnitt im Oberarm auf einen Jungen übertrug. Doch erst im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts verstanden die Menschen, dass verschiedene Erreger Ursachen für Seuchen sind. Louis Pasteur und Robert Koch lieferten den endgültigen Beweis für die Existenz mikrobieller Pathogene, zum Beispiel bei Milzbrand oder Tuberkulose. Daraufhin wurde 1881 ein Impfstoff gegen Milzbrand und 1885 einer gegen Tollwut entwickelt. Die ersten wirksamen Passivimpfstoffe – bei denen Antikörper von außen zugeführt werden – gegen Diphterie und Tetanus gab es 1890. Seitdem entwickelten Forscher zahlreiche weitere Impfstoffe, mit bahnbrechenden Erfolgen. So erklärte die Weltgesundheitsorganisation im Jahr 1980 die Welt für pockenfrei.

          Wirksamer Schutz gegen Gebärmutterhalskrebs

          Klassische Impfungen wirken präventiv: Sie bereiten den Körper vor, damit dieser einen Krankheitserreger bei einer Infektion schneller bekämpfen kann. Eine solche präventive Vakzine existiert auch im Fall von Gebärmutterhalskrebs, der durch humane Papillomviren ausgelöst wird. Der Impfstoff kann bis zu 94 Prozent der Tumor-Vorstufen verhindern. Dass die Impfung funktioniert, zeigen Daten aus Schweden: Laut einer Studie erkranken Frauen, die als Jugendliche eine HPV-Vakzine erhalten haben, nur noch selten an Gebärmutterhalskrebs. In Deutschland empfiehlt die Ständige Impfkommission die Impfung für Jungen und Mädchen ab neun Jahren – allerdings wird dieses Angebot nur selten genutzt. 2018 betrug die ­Durchimpfrate bei den 15-jährigen Mädchen nur 31 Prozent, bei den 17-Jährigen 43 Prozent. In Australien wird die Rate hingegen auf 80 Prozent beziffert.

          Ein neues, innovatives Prinzip

          Im Zuge der Pandemie erlangten mRNA-Impfstoffe eine zunehmende Aufmerksamkeit. Die Abkürzung mRNA steht für „messenger Ribonukleinsäure“. Sie kommt natürlicherweise im Körper vor und ist eine Art Bauanleitung für verschiedenste Proteine. Zwei der bisher zugelassenen Covid-19-Vakzine basieren auf einer mRNA, die die Anleitung für einen einzelnen Baustein des SARS-Cov2-Virus – das Spike-Protein, das sich auf der Virusoberfläche befindet – enthält. An der Impfstelle wird diese Information abgelesen und ein nicht infektiöses Spike-Protein hergestellt. Das Immunsystem erkennt dieses wiederum als fremd und bildet Abwehrzellen dagegen. Die mRNA selbst wird nach einigen Tagen wieder abgebaut. Kommt eine geimpfte Person später mit dem SARS-CoV-2-Virus in Kontakt, so erkennt das Immunsystem die Oberflächenstruktur. Es kann daraufhin das Virus bekämpfen und eliminieren.

          Therapeutische Strategien gegen Tumore

          Neben diesen präventiven Strategien gibt es auch therapeutische Konzepte. Sie kommen zum Beispiel bei einer Krebserkrankung zum Einsatz und wirken daher nicht vorbeugend. Das Prinzip: Die Verimpfung von Erkennungsstrukturen eines Tumors soll das Immunsystem in die Lage versetzen, die bösartigen Zellen zu erkennen und zu bekämpfen. Die Impfungen können verschiedene dieser Erkennungsstrukturen enthalten, beispielsweise RNA oder Proteine. Auch CAR-T-Zellen, eine neue und innovative Krebstherapie, funktionieren nach diesem Prinzip: Den Erkrankten werden dabei Immunzellen entnommen und diese im Labor mit einem zum Tumor passenden Oberflächenprotein versehen. Das Protein erkennt eine bestimmte Struktur auf Krebszellen. Der Patient erhält die so veränderten Immunzellen per
          Infusion wieder zurück.

          Erste Erfolge mit Krebsimpfungen

          Forscher verzeichneten kürzlich einen Erfolg mit therapeutischen Impfungen bei Hirntumoren: Sie kombinierten ein Vakzin, das sich gegen ein im Tumor verändertes Protein richtet, mit einer Standard-Therapie. Das Immunsystem von 93 Prozent der eingeschlossenen Gliom-Patienten reagierte spezifisch gegen das Impfpeptid. 84 Prozent der vollständig Geimpften lebten noch drei Jahre nach der Behandlung. Ebenfalls vielversprechend sind RNA-Vakzine beim Schwarzen Hautkrebs. Forscher testeten einen davon kürzlich in einer Pilotstudie, in die sie Patienten mit vorangegangener Immuntherapie einschlossen. Auch hier zeigte sich eine gute Immunantwort. Zurzeit sind nur wenige Krebsimpfungen zugelassen, da viele in klinischen Studien nur begrenzt wirksam waren. Um die Vakzinen zu verbessern, werden verschiedene Strategien verfolgt: Unter anderem versuchen Wissenschaftler, verschiedene Antigene zu kombinieren und die Impfungen an den jeweiligen Tumor gezielt anzupassen.

          DatenQuellen:
          www.bvf.de
          www.dekade-gegen-krebs.de
          www.dkfz.de
          www.aerztezeitung.de
          www.krebsinformationsdienst.de
          www.deutsche-apotheker-zeitung.de

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