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Verlagsspezial

: Versorgung und Prävention in Zeiten von Corona

  • -Aktualisiert am

Die Aufmerksamkeiten haben sich verschoben – hin zum Schutz vor Covid-19, weg von Vorsorgeuntersuchungen und Operationen. Bild: Tierney/Adobestock

Während der Pandemie kommen Patienten mit Erkrankungen wie Krebs häufig zu kurz. Die Versorgung von Betroffenen und Präventionsmaßnahmen sind teilweise eingeschränkt, oder sie werden nicht konsequent umgesetzt. Forscher untersuchen zurzeit, ob und inwiefern dies Folgen nach sich zieht.

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          Seit der ersten Infektion in Wuhan, China, am 17. November 2019 hat sich das Corona-Virus weltweit rasch verbreitet. Es wirkte sich auf die Gesundheitsversorgung in verschiedenen Ländern unter­schiedlich aus und führte zum Teil zu er­heblichen Einschränkungen. In ­Deutschland wurde der erste coronainfizierte Patient am 27. Januar 2020 dem Bayerischen Gesundheitsministerium gemeldet. Darauf­hin kam es zur ersten Infektionswelle. Vor dem Hintergrund der Erfahrungen aus anderen Staaten wurden hierzulande in den Bundesländern unterschiedliche Allgemeinverfügungen erlassen, die Ressourcen in Krankenhäusern für coronainfizierte Betroffene schaffen sollten. Insbesondere wurden intensivmedizinische Kapazitäten für Covid-19-Erkrankte freigehalten. Diese Maßnahmen führten wiederum dazu, dass Patienten mit anderen Krankheiten nicht zeitnah behandelt werden konnten. Dabei kam es in Deutschland zu regional unterschiedlichen Engpässen. Diese begründeten sich in den zum Teil sehr unterschiedlichen Belastungen durch die Pandemie.


          Einschränkungen zu Beginn der Pandemie

          Verschiedene medizinische Fachgesellschaften wiesen dementsprechend darauf hin, dass es neben der Versorgung von Corona-Patienten wichtig ist, Betroffene mit anderweitigen Erkrankungen nicht zu vernachlässigen. So gründeten beispielsweise das Deutsche Krebsforschungszentrum, die Deutsche Krebs­hilfe und die Deutsche Krebsgesellschaft eine Taskforce, um auf die Folgen der Pandemie für die Versorgung von Tumorpatienten hinzuweisen. Forscher führten Erhebungen an onkologischen Spitzenzentren, den sogenannten Comprehensive Cancer Centers, aber auch an anderen großen von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifizierten onkologischen Zentren durch. Diese zeigten, dass die onkologische Versorgung in verschiedenen Bereichen eingeschränkt war. Besonders ausgeprägt war dies in den Bereichen Nachsorge, ­Psychoonkologie, medikamentöse Tumortherapie und Krebs­operationen. So wurden zum Beispiel Nachsorgeuntersuchungen nach Primärbehandlung von Tumorerkrankungen seltener durchgeführt oder verschoben. Dies könnte dazu führen, dass das Wiederauftreten des Tumors verspätet erkannt wird. Auch wurden Krebsoperationen, die beispielsweise nicht akut erforderlich waren, hinausgeschoben. Die Verzögerung der Therapie könnte zu einer verschlechterten Prognose führen. Ab Mitte Mai 2020 normalisierte sich die Situation in den genannten Zentren relativ rasch. Die Akutversorgung von Krebserkrankten war überwiegend nicht bedroht.

          Ähnliches gilt auch für die Prävention. Bereits zu Beginn der Pandemie berichteten Ärzte über Einschränkungen bei der Abklärung von Tumorerkrankungen sowie den Früherkennungs- und Screening-Untersuchungen. Beispielsweise wurden Mammographien zum Brustkrebsscreening vorübergehend begrenzt. Darüber hinaus vermieden es Patienten aus Sorge vor einer Ansteckung, eine medizinische Versorgung in Anspruch zu nehmen. Kapazitätsengpässe, verringerte Früherkennungsangebote, die verzögerte Durchführung von Behandlungen und Therapieveränderungen könnten sich auf das Überleben von Betroffenen ungünstig auswirken. Studien in anderen Nationen wie den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Frankreich deuten bereits jetzt darauf hin. Modellberechnungen in Großbritannien zeigten eine zu erwartende Zunahme von Krebssterbefällen. Jüngere Berichte von deutschen Krankenversicherungen zeigen, dass in den Monaten März bis Mai 2020 deutlich weniger Menschen Früherkennungsmaßnahmen und Behandlungen in Anspruch nahmen. Aus anderen Bereichen wie der ambulanten medikamentösen Tumortherapie in onkologischen Praxen wurde wiederum über keinerlei Einschränkungen ­berichtet. Die Datenlage in Deutschland ist somit nicht einheitlich.


          Mehr Diagnosen in  fortgeschrittenen Tumorstadien

          Es ist unklar, ob die oben beschriebenen Besonderheiten während der Pandemie die Prognose der Patienten tatsächlich verschlechtern. Um dies zu erörtern eignen sich Analysen von Daten aus klinischen Krebsregistern. Experten der Deutschen Krebsgesellschaft untersuchten dazu die Daten aus dem Bayerischen Krebsregister. Das Ergebnis: In den Monaten April und Mai 2020 gingen die gemeldeten Krebsfälle um circa 30 Prozent deutlich zurück. Dies konnte auf mehrere Ursachen zurückgeführt werden: auf die durch das Bayerische Staatsministerium für Gesundheit und Pflege erlassene Allgemeinverfügung beziehungsweise den im März 2020 in Kraft getretenen ersten Lockdown, die Reduktion von Früherkennungsuntersuchungen oder das Vermeidungsverhalten von Betroffenen. Die Veränderung der gemeldeten Fälle war für verschiedene Krebsarten unterschiedlich. Zum Beispiel wurden viel weniger Darmtumore gemeldet. Bei dieser Krebsart beobachteten Experten außerdem, dass es vermehrte Diagnosen in höheren Stadien gab. Dies kann sich auf das Überleben der Erkrankung negativ auswirken.

          In weiteren Untersuchungen soll geprüft werden, ob ein verzögerter Behandlungsbeginn, die Art der durchgeführten Therapie und das Verhalten von Patienten Behandlungsverlauf und -ergebnisse verändern. Durch die Meldungen an klinische Krebsregister, die nur mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung vollständig erfasst werden, können Forscher einige der Beobachtungen relativ zeitnah analysieren. Andere wie das Überleben je nach Krebsart sind erst nach Monaten bis Jahren auswertbar. Die Ergebnisse solcher Untersuchungen sind von großer Bedeutung für die Priorisierung der Behandlungen von Betroffenen. Verschiedene Tumorarten und Krankheitssituationen müssen während der Pandemie sinnvoll und erfolgreich therapiert werden. Indem Wissenschaftler Daten aus der klinischen Krebsregistrierung analysieren, die in der Routineversorgung erhoben werden, gewinnen sie neue Erkenntnisse. Diese können genutzt werden, um die Versorgungsqualität zu verbessern. Für die Situation der Corona-Pandemie bedeutet dies: Es könnte beispielsweise gezeigt werden, dass Therapieverzögerungen bei bestimmten Tumorentitäten oder Subgruppen von Tumoren möglich sind und mit keinen Nachteilen für die Prognose der Erkrankung einhergehen. Dem gegenüber könnten Krebserkrankte, für die diese Verzögerung besonders kritisch ist, auch bei knappen Ressourcen zeitnah behandelt werden. In Deutschland wird die flächen­deckende Etablierung einer klinischen Krebsregistrierung noch aufgebaut, und sie muss für sehr komplexe Abläufe, wie sie ­beispielsweise während der ­Corona-Pandemie auftreten, weiter optimiert werden. Das macht es möglich, im Falle von akut knappen ­Ressourcen den Behandlungsbedarf von Patienten für regionale und überregionale Planungsprozesse zu verbessern.

          Professor Dr. Olaf Ortmann ist Direktor der Universitätsfrauenklinik Regensburg am Caritas Krankenhaus St. Josef, Universität Regensburg, und Vorstandsmitglied der Deutschen Krebsgesellschaft.

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