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Verlagsspezial

Interview : „Nie konnten wir unsere Innovationskraft besser zeigen“

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Professorin Dr. Diana Lüftner ist Oberärztin an der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Hämatologie, Onkologie und Tumorimmunologie der Charité am Campus Virchow-Klinikum, der zum CharitéCentrum 14 für Tumormedizin (CC14) gehört. Carl Janssen leitet die Onkologie bei Pfizer in Deutschland und ist Mitglied der Geschäftsführung bei der Pfizer Pharma GmbH Bild: Diana Lüftner/Ingo Kniest und Carl Janssen/Pfizer Deutschland

Forschung, Entwicklung und Produktion tragen dazu bei, die Krebsmedizin in Deutschland stetig zu verbessern. Diana Lüftner und Carl Janssen sprechen unter anderem über die Lehren aus der Pandemie, die Rolle von Testungen sowie den Stellenwert von Kommunikation und Information.

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          Mehr als ein Jahr Pandemie liegt hinter uns. Was haben Sie selbst erfahren oder gelernt?
          Diana Lüftner: Ich habe vor allem gelernt, dass der betroffene Krebspatient aus seiner Perspektive so mitgenommen und eingeschränkt ist, dass er leicht den Blick für das große Ganze verliert. Er ist somit umso mehr auf die Umsicht seiner Mitmenschen angewiesen. Viele meiner Patienten mussten ein Jahr lang an einem Schild vorbeigehen mit der Aufschrift „Betreten Sie bitte nicht die Ambulanz, wenn Sie Symptome haben wie Fieber oder Husten.“ Natürlich sind dies auch mögliche Beschwerden einer Krebserkrankung, und natürlich haben wir immer Fieber gemessen. Dennoch haben einige Patienten diese Symptome – und damit extrapoliert ihre Gefährdung und die ihrer Mitpatienten – einfach vergessen. Sie sind mit Beschwerden in die Klinik gekommen und haben diese nicht oder erst spät mitgeteilt. Hintergrund ist natürlich die Angst, die angesetzte Krebs­therapie nicht zu erhalten oder im schlimmsten Fall auf einer Covid-Ausschlussstation zu landen. Wir haben einmal mehr gelernt, dass Verdrängen ein wichtiges Schutzsystem des Menschen darstellt, das in einer Pandemie aber auch eine sehr hohe Gefahr mit sich bringt. Umso mehr müssen die Mitmenschen achtsam sein und mitregulieren. Für Onkologen war das eine Herausforderung und auch eine paradoxe Situation: „Wenn Sie Fieber haben, bleiben Sie erst einmal zu Hause und rufen uns an!“ Unvorstellbar bisher. Unsere übliche Empfehlung ist: „Kommen Sie umgehend in die Rettungsstelle, zögern Sie nicht.“

          Carl Janssen: Etwas so Einschneidendes wie diese Pandemie haben meine und die jüngeren Generationen hierzulande zuvor nicht erlebt – sowohl in persönlicher als auch beruflicher Hinsicht. In den inzwischen mehr als 30 Jahren, die ich in der forschenden pharmazeutischen Industrie tätig bin, gab es auch nie zuvor so viel öffentliches Interesse an unserem Tätigkeitsfeld. Mitzuerleben, wie schnell die Entwicklung von Impfstoffen geglückt ist, war beeindruckend. Nie konnten wir die Innovationskraft unserer Branche besser unter Beweis stellen.

          Die Pandemie hat die Bedeutung von Lieferketten für die Herstellung von Medikamenten und Impfstoffen offengelegt. Wie sind Sie als Pharmaunternehmen in Deutschland bezüglich der Produktion derzeit aufgestellt?
          Carl Janssen: Deutschland lebt vom Export. Die globalisierte Wirtschaft ist für uns ein wichtiger Motor. Nicht nur in der Medikamentenforschung sind internationale Netzwerke entscheidend, sondern sie erhöhen auch die Versorgungssicherheit. So bieten resiliente Netzwerke Ausweichmöglichkeiten, wenn an einem Standort Probleme auftreten sollten. Protektionismus und die Abschottung einzelner Staaten gilt es daher entschieden zu verhindern.

          Die Medikamentenproduktion in Deutschland gehört zu den besten der Welt – auch wenn es um die anspruchsvolle Herstellung von Biopharmazeutika geht. Solche komplexen Wirkstoffe spielen nicht zuletzt bei der modernen Krebstherapie eine wichtige Rolle. Um sie vielen Menschen anbieten zu können, brauchen wir zudem kosten­effiziente Bio­similars, die eingesetzt werden können, wenn Originale patentfrei werden. Hier droht aktuell eine Abhängigkeit von ­anderen, wie es einst bei den Generika geschehen ist. Die nötige Eigenständigkeit können wir nur erreichen, wenn wir Produktionstechnologien effizient weiter­entwickeln, Lieferketten für Rohstoffe geographisch diversifizieren und die Marktbedingungen hierzulande so gestalten, dass sie für möglichst viele Anbieter attraktiv sind.

          Welche Rolle spielt Deutschland als Produktionsstandort für den international aufgestellten Pharmakonzern Pfizer?
          Carl Janssen: An unserem Standort in Freiburg befindet sich das weltweit größte Produktionswerk für Tabletten und Kapseln von Pfizer. Dort werden viele unserer neuen Arzneimittel inklusive unserer Krebsmedikamente als orale Darreichungsformen entwickelt und für mehr als 150 Länder produziert. Mit unserem Standort in Freiburg zeigen wir zudem auf, wie in einem Hochtechnologieland innovative Arzneimittel kosteneffizient produziert werden können. Dafür sind neben den hochqualifizierten Fachkräften modernste Anlagen entscheidend, aber auch die ständige Optimierung von Abläufen und das hohe Produktionsvolumen.

          Der Trend im Gesundheitswesen geht hin zu präziser, prädiktiver und präventiver Medizin. Wie zeigt sich das beispielsweise beim Brustkrebs?
          Diana Lüftner: In Bezug auf die Prävention gibt es das Mammographie-Screening und die Programme für Frauen mit erblichem Brust- und Eierstockkrebs. Aber das ist zu schmalspurig gedacht. In den aktuellen epidemiologischen Studien zeigt sich, dass ein gesunder Lebensstil genauso risikoreduzierend ist wie manches prophylaktisch eingenommene Medikament. Damit ist gemeint: ein normales Körpergewicht halten, sich mediterran ernähren, ein mentales Training durchführen und Noxen wie Alkohol und Rauchen vermeiden. Die Pandemie hat uns alle zu persönlichen Sterneköchen und Spaziergängern gemacht. Das sollten wir auf jeden Fall beibehalten und nicht in alte Muster zurückfallen.

          Mit „präzise“ verbinde ich vor allem das Verlassen des Gießkannen-Chemotherapie-Phänomens durch Tumorgenomanalysen. Deeskalation ist das Schlagwort der modernen Onkologie. Jeder Patient erhält das, was zur Bekämpfung seiner Krebserkrankung minimal notwendig ist bei einem maximal möglichen Effekt. Bei Brustkrebs geht das mittlerweile sehr gut. Allerdings hat es dazu Studien mit vielen Tausend Patientinnen und sehr langen Beobachtungszeiten benötigt.

          „Prädiktiv“ bedeutet: Man sucht sich eine aggressive Tumoreigenschaft handverlesen heraus und schaltet diese medikamentös aus. Eine dieser abgrenzbaren Erkrankungen ist der BRCA-positive Brustkrebs. Mittlerweile können wir diese Patientinnen sowohl in der frühen Erkrankungssituation wie auch im fortgeschrittenen beziehungsweise metastasierten Stadium genau herausfiltern und zielgerichtet behandeln. Das verbessert die Therapieerfolge und reduziert die Nebenwirkungen – vor allem, da ungeordnete Versuche mit anderen Behandlungsmöglichkeiten wegfallen.

          Für die Anwendung der spezifischeren Therapien sind genomische Testungen eine essenzielle Voraussetzung. Wo stehen wir hier in Deutschland? Und welche Hürden sehen Sie?
          Carl Janssen: Wie von Frau Lüftner erwähnt, haben zielgerichtete Therapien einen hohen Anteil daran, dass wir Krebs heute besser behandeln und Chemotherapien immer länger aufschieben können. Einige Wirkstoffe adressieren bestimmte genetische Ausprägungen des Tumors. Solche personalisierten Therapien können nur wirken, wenn spezifische Mutationen vorliegen. Dann sind sie aber sehr effektiv. Indem wir zum Beispiel die Forschung über Register unterstützen, konnten wir dazu beitragen, das Wissen rund um die Mutationstestung zu ver­bessern. Wir sehen aber auch, dass noch längst nicht bei allen Patienten, die für eine personali­sierte Behandlung infrage kämen, die erforderlichen Biomarkeruntersuchungen durch­geführt werden. Hier besteht noch immer gesetzgeberischer Handlungsbedarf. Beispiels- weise sollten therapienotwendige Testungen im Krankenhausbereich regelhaft erstattet werden können.

          Diana Lüftner: Wie Herr Janssen schon sagte, werden in Deutschland nicht allen Patienten prädiktive Testungen angeboten. Die Gründe hierfür sind vielfältig: bürokratische Hindernisse, Unwissen über die Kostenerstattung, Honorarstrukturen im ärztlichen Abrechnungssystem, viele Partikularinteressen. Hier hilft nur eines: immer wieder erinnern und weiterbilden. Ganz nach dem Motto: Steter Tropfen höhlt den Stein. Das gilt für Ärzte g­leichermaßen wie für Patienten, deren Selbsthilfevertreter, medizinische Fachgesellschaften und auch politische Gremien.

          Wie engagiert sich Pfizer in der Onkologie über die klassische Forschung hinaus?
          Carl Janssen: Da gibt es verschiedene Dinge. Beispielsweise engagiert sich ein Team aus der Medizin für ein ambitioniertes Forschungsprojekt, bei dem Künstliche Intelligenz eine Rolle spielt. Dieses Projekt wird gerade initiiert und von der Europäischen Union im Rahmen der Innovative Medicines Initiative gefördert. Es sollen Daten aus der klinischen Praxis europaweit zusammengebracht und mithilfe von Künstlicher Intelligenz analysiert werden. Hiervon erhoffen wir uns zum einen Erkenntnisse, die dabei helfen, neue Therapien und Behandlungskonzepte zu entwickeln. Zum anderen soll die Technologie schrittweise auch Ärzte bei Therapieentscheidungen unterstützen. Das übergeordnete Ziel ist, dass Krebspatienten die individuell beste Behandlung erhalten.

          Das zweite Beispiel, das ich nennen möchte, ist der Einsatz zur Aufklärung von Menschen mit Krebs und deren Angehörigen. Konkret haben wir für an fortgeschrittenem Brustkrebs Erkrankte eine Onlineplattform entwickelt, die laienverständliche Informationen über aktuelle Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten bietet. Wir möchten Patientinnen im Umgang mit ihrer Erkrankung unterstützen und auch zu Nachfragen ermutigen.

          Welche Bedeutung kommt der Patienteninformation und Kommunikation zu?
          Diana Lüftner: Patienteninformation und Kommunikation sind der Schlüssel zu einer erfolgreichen Krebsbehandlung. Nur wenn ein Patient versteht, was passiert, warum er zuverlässig sein Medikament einnehmen muss, und er sich zeitnah bei Problemen meldet, kann die Behandlung erfolgreich sein. Wenn Ärzte im Therapieverlauf alle Möglichkeiten benennen, auch bei traurigen Inhalten, entwickelt der Patient Vertrauen.

          Das Interview führte Anna Seidinger.

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