https://www.faz.net/-j16-acuep
Verlagsspezial

: Neue Chancen für Patienten und Wirtschaft

  • -Aktualisiert am

Bild: kentoh/ADOBESTOCK

Zell- und Gentherapien zählen zu den vielversprechendsten Entwicklungen der letzten Jahre in der Krebsmedizin. Etablierte Pharmaunternehmen und Start-ups in Deutschland, die in dem dynamischen Wachstumsmarkt aktiv sind, haben gute Chancen, weltweit eine führende Rolle zu spielen.

          4 Min.

          Die Behandlung vieler schwerer Krankheiten wie Krebs basierte lange Zeit darauf, dass Medikamente eher unspezifisch eingesetzt wurden. Hatte der Tumor bereits Metastasen gebildet, kamen vor allem Chemotherapeutika zum Einsatz. Diese undifferenzierten Wirkstoffe boten die besten Chancen, die ungebremste Zellteilung aufzuhalten und so das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen. Trotz der nicht immer optimalen Effektivität und zahlreicher Nebenwirkungen sind Chemotherapien bis heute – häufig in Kombinationen – eine essenzielle Säule in der Behandlung von Tumoren.

          Seit Ende der 90er-Jahre gibt es zusätzlich die Option, Karzinome mit zielgerichteten Substanzen, den sogenannten „targeted therapies“, zu adressieren. In den vergangenen Jahrzehnten haben sich diese Konzepte zu einer weiteren Säule der Krebstherapie entwickelt. Weil Forscher Tumoren heute besser verstehen und sich diese genetisch genauer analysieren lassen, können Betroffene zielgerichteter behandelt werden. Darüber hinaus erlaubt die strukturierte Analyse von Patientendaten, solche Verfahren weiter zu verbessern.


          Die körpereigenen Zellen übernehmen die Behandlung

          Eine Besonderheit der ­zielgerichteten ­Substanzen existiert seit Anfang der 2010er-Jahre: die Checkpoint-Inhibitoren. Sie ­aktivieren die körpereigenen Abwehrkräfte und helfen, Tumoren für das Immunsystem sichtbar zu machen. Damit war das Zeitalter der Immunonkologie ­angebrochen. Schon heute umfasst dieser Markt ein ­Volumen von etwa 50 Milliarden Euro. Durch neue Produkte und die Ausweitung bestehender Medikamente auf andere Indikationen wird er weiter stark wachsen.

          Die Tumortherapie ist zwar heute deutlich effektiver, zielgerichteter und nebenwirkungsärmer. Trotzdem steht für viele Patienten nach wie vor die Lebensverlängerung im Vordergrund. Von einer Heilung kann nur in seltenen Fällen gesprochen werden. Wie wäre es daher, anstelle von Wirkstoffen, die Zellantworten hervorrufen, direkt das körpereigene Immunsystem gegen den Krebs einzusetzen? Die Anwendung solch genetisch modifizierter Zellen, die um bestimmte Funktionen erweitert werden, ist auf dem Vormarsch. So können etwa T-Zellen, eine Art weißer Blutkörperchen, gentechnisch so verändert werden, dass sie einen künstlichen Rezeptor, den sogenannten CAR, tragen. Dieser versetzt sie in die Lage, bösartige Tumoren zu erkennen und zu zerstören. Pioniere wie Novartis oder Gilead bieten diese Konzepte schon heute in qualifizierten Zentren zur Behandlung von Blutkrebs an. Zahlreiche weitere Kandidaten befinden sich in der klinischen Testung – mit dem Potential, die Blutkrebstherapie zu revolutionieren.

          Auch bei anderen Tumoren haben diese Strategien bereits Erfolge gezeigt. Im Vergleich zu Blutkrebs ist die Behandlung solider Krebsarten allerdings deutlich komplexer und steckt noch in einer frühen Entwicklungsphase. Dennoch lässt der Reifegrad der vorhandenen und in Teilen bereits zugelassenen Plattformtechnologien auch hier erste marktreife Therapien bereits innerhalb der nächsten fünf Jahre erwarten.


          Von individuellen Nischentherapien zu skalierten Produkten

          Die aktuell angewandten neuen Behandlungskonzepte sind individualisiert: Patienten werden zunächst T-Zellen entnommen und diese dann im Labor so verändert, dass sie die Tumore erkennen und bekämpfen können. Anschließend werden sie geprüft und nach erfolgreicher Freigabe an das qualifizierte Zentrum geschickt. Diese individualisierte Produktion von Zelltherapien erfordert jedoch einige Zeit – Zeit, die viele Krebspatienten in fortgeschrittenen Stadien nicht haben. Zudem ist das Verfahren teuer. Die breitere Anwendung der Behandlungen wird durch diese Hürden limitiert.

          Um die Therapie in größerem Maßstab verfügbar zu machen, werden derzeit skalierbarere, spenderzellenbasierte – sogenannte allogene – Verfahren entwickelt, die die individuellen – sogenannten autologen – Methoden ersetzen können. Das Problem ist jedoch, dass das Immunsystem die Spenderzellen als Eindringlinge erkennen und abstoßen kann. Durch den Einsatz von Genscheren können sie aber so modifiziert werden, dass sie für den Körper nicht mehr fremd sind. Skalierte Verfahren machen die neuen Behandlungen zu einer erfolgversprechenden Option für ein breiteres Patientenkollektiv. Experten gehen davon aus, dass sie bald einen festen Platz in der onkologischen Therapie einnehmen.


          Positive Marktaussichten durch neue Zulassungen

          Noch liegt der weltweite Umsatz mit Zell- und Gentherapien – bezogen auf den globalen Pharmamarkt, der 2018 rund 900 Milliarden Euro betrug – im Promillebereich. Doch der Stellenwert der Behandlungen dürfte weiter zunehmen. Die amerikanische Arzneimittelbehörde geht davon aus, dass ab 2025 zehn neue Produkte pro Jahr zugelassen werden. Von diesen Programmen werden einige einen Jahresumsatz von mehr als einer Milliarde Euro erzielen. Daher erwarten Experten ein Wachstum von aktuell zwei Milliarden Euro auf etwa 28 Milliarden Euro in 2026.

          Diese guten Aussichten machen Zell- und Gentherapien zu einem interessanten Feld für die Pharmaindustrie. Allerdings ist der Einstieg sehr teuer. Die wenigen Start-ups mit erfolgreichen oder vielversprechenden Konzepten wurden entweder kostspielig gekauft oder haben auch ohne Produkte bereits Börsenwerte von mehreren Milliarden Euro erreicht. Ein Beispiel ist das amerikanische Biotechunternehmen Gilead, das im Jahr 2017 das Start-up Kite für 10 Milliarden Euro übernommen hat.


          Deutsche Anbieter spielen weltweit in der ersten Liga

          Zu den weltweit innovationsstärksten Anbietern im Segment der Zell- und Gentherapien zählen auch einige in Deutschland ansässige Unternehmen. Neben etablierten Pharmafirmen wie Roche mit ihrem Forschungszentrum in Penzberg oder Bayer, die bereits den Aufbau einer eigenständigen Zell- und Gentherapie-Plattform bekannt gegeben haben, gibt es auch zahlreiche neue und zum Teil stark wachsende Firmen. Dazu zählt unter anderem BioNTech, die neben der bekannten mRNA-Vakzintechnologie ebenfalls eine Zelltherapie-Plattform entwickeln. Außerdem sind einige Unternehmen wie CureVac oder MorphoSys erfolgreich im Bereich der Immunonkologie tätig. Darüber hinaus verfügt Deutschland über ein exzellentes akademisches Netzwerk mit Forschungsschwerpunkten in Heidelberg (DKFZ), Berlin (Charité) und Tübingen/Stuttgart (Robert-Bosch-Krankenhaus).

          Im Zusammenspiel der verschiedenen Akteure hat sich ein eigenes Ökosystem der Zell- und Gentherapien etabliert, das den Kern eines neuen, erfolgreichen deutschen Industriezweigs bilden könnte. Entscheidend für die weitere Entwicklung sind neben einem besseren Zugang zu innovativen Behandlungen, der maßgeblich in der Verantwortung der Kostenträger liegt, bessere Chancen auf Investitionskapital vor allem für junge Unternehmen. Dann hat Zell- und Gentherapie made in Germany realistische Chancen, weltweit zum Erfolgsmodell zu werden.

          Dr. Morris Hosseini ist Partner im Berliner Büro von Roland Berger. Dr. Thilo Kaltenbach ist Partner im Münchner Büro der Beratungsgesellschaft. Sie sind Autoren der jüngst erschienenen Studie: „Zell- und Gentherapien – Die nächste große Chance für die Pharmaindustrie“.

          Autologe versus allogene Zelltherapien

          Bild: Roland Berger

          Topmeldungen

          Krebspatienten können auf immer wirksamere Therapien und sogar auf Heilung hoffen - wenn die Digitalisierung voranschreitet.

          : Keine Personalisierung ohne Digitalisierung

          Individualisiert ist das neue Schlagwort der Krebsmedizin. Das Ziel: Weg von einer Gießkannen-Therapie hin zu einer auf den Patienten zugeschnittenen Behandlung – und das auch für seltenere Tumorarten und für Betroffene in ländlichen Gebieten. Digitalisierung, Vernetzung und künstliche Intelligenz ebnen hierzu den Weg.
          Professorin Dr. Diana Lüftner ist Oberärztin an der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Hämatologie, Onkologie und Tumorimmunologie der Charité am Campus Virchow-Klinikum, der zum CharitéCentrum 14 für Tumormedizin (CC14) gehört.

Carl Janssen leitet die Onkologie bei Pfizer in Deutschland und ist Mitglied der Geschäftsführung bei der Pfizer Pharma GmbH

          Interview : „Nie konnten wir unsere Innovationskraft besser zeigen“

          Forschung, Entwicklung und Produktion tragen dazu bei, die Krebsmedizin in Deutschland stetig zu verbessern. Diana Lüftner und Carl Janssen sprechen unter anderem über die Lehren aus der Pandemie, die Rolle von Testungen sowie den Stellenwert von Kommunikation und Information.
          Krebstherapien bei Kindern stellen besondere Anforderungen. Viele Fragen sind noch zu klären.

          : Die Hoffnungen in der Kinderonkologie

          Die Krebstherapie bei Kindern ist von Erfolgen geprägt. Und sie ist eine Geschichte derjenigen, die die Therapie vor 20 oder 30 Jahren überlebten und nun mit den Langzeitfolgen leben müssen. Um die Chancen der jungen Patienten zu verbessern, ist weiterhin eine intensive Forschung nötig.
          Eva Schumacher-Wulf ist selbst Brustkrebspatientin sowie Mitgründerin und Chefredakteurin von Mamma Mia. 

Dr. med. Ingo Bauerfeind ist Chefarzt der Frauenklinik am Klinikum Landshut  gemeinnützige GmbH.

          Interview : „Patienten brauchen Zuwendung und Zeit“

          Die Kommunikation zwischen Arzt und Patient kommt oft zu kurz. Dabei ist sie entscheidend, damit sich Betroffene gut betreut fühlen. Ein Gespräch mit Eva-Schumacher-Wulf und Ingo Bauerfeind über gesicherte Informationen, die Überbringung von schlechten Nachrichten und den Stellenwert der Digitalisierung.